ZDH-Forum Deutschland ist langsam und behäbig geworden

Die Krisen der vergangenen Jahre haben dazu geführt, dass Deutschland für Unternehmen weniger attraktiv geworden ist. Was sich ändern muss, diskutierten Handwerksvertreter und Politiker beim ZDH-Forum.

Sie diskutierten über die "neue Normalität" (von links): ZDH-Präsident Jörg Dittrich, Handwerkspräsidentin Susanne Haus aus Frankfurt sowie der ehemalige Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. - © Range

Deutschland hat als Wirtschaftsstandort an Attraktivität verloren. Überbordende Bürokratie, hohe Energiepreise und mit die weltweit höchsten Steuern und Abgaben belasten die Unternehmen. Das wurde deutlich beim ZDH-Forum, das im Rahmen des Eventformats "Zukunft Handwerk" in München stattfand und sich dem Thema "Handwerk und die neue Normalität" widmete.

"Wir müssen mehr Schwung hinbekommen, um das Gesetz der Trägheit zu überwinden", sagte Jörg Dittrich, Dachdeckermeister und Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). Bürokratie verhindere auch Selbstständigkeit. Deutschland müsse an Tempo zulegen, um Reformen voranzutreiben.

Firmen aus Innenstädten vertrieben

Susanne Haus, Malermeisterin und Präsidentin der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, mahnte bessere Rahmenbedingungen für Handwerksunternehmen an. "Wir brauchen Planungssicherheit." Politik müsse verlässlicher werden und die Belange kleiner Unternehmen stärker berücksichtigen. Als Beispiel nannte sie Verkehrsbeschränkungen in den Innenstädten von Metropolen. "Firmen werden wegen der Verkehrspolitik aus Städten vertrieben und fühlen sich nicht mehr willkommen."

Professor Michael Heise, ehemaliger Chefvolkswirt der Allianz, stellte Deutschland ein durchwachsenes Zeugnis aus. Er zeichnete in seinem Vortrag "Was ist die neue Normalität?" das Bild eines satten Landes, das sich jahrelang ausgeruht und um Reformen gedrückt habe. "Deutschland ist nicht so stark, wie wir uns das wünschen würden angesichts der Herausforderungen." Das Land habe "überhaupt keine Wachstumsdynamik" mehr. Leider sei Deutschland abgestürzt auf der Liste der attraktiven Standorte. Heise bezog sich dabei auf eine kürzlich erschienene Studie der Stiftung Familienunternehmen: >>> Deutschland ist der große Verlierer im Standortwettbewerb | Stiftung Familienunternehmen

Alte Weltordnung aufgehoben

Tatsächlich haben die Krisen der vergangenen Jahre Spuren hinterlassen. Erst war die Politik mit Corona beschäftigt, danach mit den Folgen des russischen Einfalls in der Ukraine und den daraus resultierenden Verwerfungen auf dem Energiemarkt. "Die meisten Menschen empfinden die neue Normalität als eine schnelle Abfolge von Krisen", sagte Heise. Der Krieg in der Ukraine sei ein Einschnitt von historischer Bedeutung. "Dieser Krieg hat die alte Weltordnung aufgehoben."

Nach Ansicht Heises ist der Prozess der Globalisierung durch die Krisen der vergangenen Jahre verlangsamt worden. Zugleich ergäben sich neue Machtverhältnisse. So wüchsen die chinesische und russische Wirtschaft zusammen, während die deutsche Wirtschaft in Russland keine Rolle mehr spiele. Der Gasmangel habe zudem gezeigt, wie gefährlich einseitige Abhängigkeiten seien.

Kostspieliger Umbau zu grüner Wirtschaft

Heise sieht die deutschen Unternehmen in den kommenden Jahren vor allem gefordert durch den Wandel zu einer grünen Wirtschaft. "Daraus ergeben sich gewaltige Investitionsvolumen." Der Volkswirt nannte die E-Mobilität, die Gebäudesanierung und den Aufbau neuer Formen der Strom- und Energieversorgung als Beispiele für "riesigen Investitionsbedarf", der auf die Privatwirtschaft zukomme.

Diese Vorhaben ließen sich nur stemmen, wenn der Staat an anderer Stelle einen Ausgleich schaffe. Heise kritisierte vor allem die Steuern- und Abgabenlast. Die Körperschaftssteuer müsse reformiert werden, Steuern und Abgaben seien insgesamt zu hoch. Der Wissenschaftler fürchtet, dass viele Unternehmen ihre Produktion ins Ausland verlagern könnten. "Es ist keine Panikmache, wenn von Deindustrialisierung die Rede ist."

Zugeschaltet zum ZDH-Forum die SPD-Politikerin Verena Hubertz, stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Ihr gaben die Handwerksvertreter mit auf den Weg, sich in Berlin für einen Abbau von Bürokratie und eine Verminderung von Steuern und Abgaben einzusetzen. Hubertz sagte: "Das Handwerk ist ein wichtiger Pfeiler des Landes. Wir zählen aufs Handwerk. Sie können auf uns zählen."