OECD-Studie Deutschland gehen die Fachkräfte aus

Das deutsche Bildungssystem schneidet in einer OECD-Studie gut ab. In ihrer ersten Länderstudie zur beruflichen Bildung in Deutschland unterbreitet die Organisation Verbesserungsvorschläge für die Ausbildung im deutschen dualen System und warnt vor einer großen Gefahr für die Wirtschaft.

Deutschland gehen die Fachkräfte aus

Das System verbindet Lernen im Betrieb und in der Schule, wird mit großem Engagement von den Sozialpartnern getragen und genießt in der Gesellschaft ein hohes Ansehen. Zu dem Schluss kommen die Studie "Bildung auf einen Blick" und eine Länderstudie zur beruflichen Bildung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). "Die berufliche Bildung in Deutschland leistet einen wesentlichen Beitrag zur Integration von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt und ist ein entscheidender Faktor für die im internationalen Vergleich geringe Jugendarbeitslosigkeit", sagte OECD-Expertin Kathrin Höckel.

Dennoch fehlen bei der nach wie vor erheblichen Zahl von Jugendlichen, die statt einer beruflichen Ausbildung an Maßnahmen im so genannten Übergangssystem teilnehmen, bislang ausreichende Instrumente, um auf Defizite bei grundlegenden Kompetenzen zu reagieren. Die Initiative der Bundesregierung zu einer besseren Koordinierung der bestehenden Maßnahmen sei sinnvoll. "Insgesamt sollten aber mehr Anstrengungen unternommen werden, um die Jungendlichen fit für die reguläre berufliche Ausbildung zu machen", heißt es in der Studie.

Berufsschulen mehr Aufmerksamkeit schenken

Darüber hinaus sollte im Rahmen der Dualen Ausbildung den Leistungen in der Berufsschule eine größere Aufmerksamkeit geschenkt werden. In der Berufsschule würden häufig Basisqualifikationen verfestigt, die über die Fähigkeit zur Weiterqualifikation und damit über die berufliche Flexibilität und die langfristigen Erwerbschancen der Arbeitnehmer entscheiden. "Ein wichtiger Schritt hierzu wäre, wenn die Leistungen an der Berufsschule durch ein gemeinsames Zeugnis mit der Kammerprüfung aufgewertet würden", schlägt die OECD vor.

Die Öffnung der Hoch- und Fachhochschulen für Absolventen der beruflichen Bildung auch ohne Abitur bezeichnet die Organisation als einen "sinnvollen Schritt." Allerdings nehmen laut der Studie nur weniger als ein Prozent der beruflich Qualifizierten ohne Abitur ein Studium an einer Universität auf (Fachhochschulen: 1,8 Prozent). Die hohen Abbrecherquoten bei dieser Gruppe und der insgesamt geringe Anteil an Menschen, die mit Mitte bis Ende 30 noch ein Studium beginnen, legen zudem nahe, dass neben dem formalen Zugang der Studierfähigkeit und geeigneten Rahmenbedingungen an den Hochschulen mehr Beachtung geschenkt werden muss.

Mehr Hochschulabsolventen in Deutschland benötigt

Insgesamt hat in Deutschland, wie in fast allen anderen OECD-Ländern, in den vergangenen Jahren eine deutliche Expansion bei der tertiären Ausbildung stattgefunden. So ist die Zahl der jährlichen Hoch- und Fachhochschulabsolventen in Deutschland zwischen 2000 und 2008 um mehr als ein Drittel gewachsen, auf jetzt 260.000 pro Jahr. Der Anteil der Hoch- und Fachhochschulabsolventen am typischen Abschlussjahrgang stieg im gleichen Zeitraum von 18 auf 25 Prozent (einschließlich internationale Studierende). Trotz einer Zunahme bei Studienanfängern und Absolventen, bleibt Deutschland in der OECD nach der Türkei, Belgien und Mexiko das Land mit der geringsten Studierneigung.

Sehr viel deutlicher sind die Unterschiede zwischen Deutschland und den übrigen OECD-Ländern, wenn man die demografische Entwicklung hinzunimmt und das gesamte Potential an Hochqualifizierten betrachtet, aus dem die Wirtschaft ihren Bedarf an Fachkräften decken kann. So ist in Deutschland zwischen 1998 und 2008 die Zahl der Erwerbsfähigen mit tertiärer Ausbildung jährlich um durchschnittlich 0,9 Prozent gewachsen. Im OECD-Mittel stieg das Potential an Hochqualifizierten im gleichen Zeitraum dagegen um 4,6 Prozent pro Jahr. Selbst in Japan, neben Deutschland das einzige OECD-Land, in dem die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in den vergangenen Jahren gesunken ist, stieg zwischen 1998 und 2008 die absolute Zahl der Hochqualifizierten, aus dem die Wirtschaft schöpfen kann, um jährlich 3,1 Prozent.

Entsprechend haben in den vergangenen Jahren die wirtschaftlichen Vorteile einer tertiären Bildung in Deutschland weiter zugenommen. So verdienten Hochqualifizierte 2008 im Schnitt 67 Prozent mehr als Erwerbstätige, die nur über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen. 2007 lag dieser Einkommensvorsprung bei 62 Prozent, seit 1998 hat er sich mehr als verdoppelt. Hinzu kommen ein nach wie vor deutlich geringeres Risiko von Arbeitslosigkeit und weit höhere Erwerbsquoten bei den Älteren. So waren etwas 2009 von den 60 bis 65-Jährigen mit tertiärer Ausbildung 56 Prozent erwerbstätig. Bei den 60 bis 65-Jährigen mit nur einer beruflichen Ausbildung dagegen nur 36 Prozent.

"Die Anstrengungen der Politik sollten sich darauf konzentrieren, Studienberechtigten aus einkommensschwachen oder bildungsfernen Familien und Studierwilligen mit beruflichen Qualifikationen den Weg in das Studium zu ebnen. Kredite oder Stipendien, die das finanzielle Risiko eines Studiums reduzieren, wären ein sinnvoller Schritt", sagt der Leiter des OECD Berlin Centre Heino von Meyer. Gleichzeitig sollten die Hochschulen mehr Angebote machen, die mit einer Berufstätigkeit vereinbar sind.

dhz