Weltmeisterschaft in Brasilien – wer hat da keine schönen Bilder im Kopf? Anfang Juli war wieder WM in Brasilien – doch diesmal ging es ums Bier.
Jonas Rosenberger
Gut ein Jahr nachdem die deutsche Fußballnationalmannschaft der Herren den Weltpokal in den Nachthimmel von Rio de Janeiro stemmte, fand wieder eine WM in Brasilien statt. Fußbälle spielten diesmal aber keine Rolle.
Es ging um Bier. Besser gesagt um die Kunst eines Biersommeliers. Markus Sailer, der derzeit Beste seiner Art in Deutschland, war in diesem Jahr Teil eines zehnköpfigen WM-Teams aus Deutschland, das bei der Weltmeisterschaft der Biersommeliere angetreten ist. Es ging um die Titelverteidigung, denn der letzte Weltmeister kam aus Deutschland. Der Wettbewerb wurde am 18. Juli 2015 in São Paulo in Brasilien ausgetragen.
Die besten 50 Biersommeliers aus neun Nationen haben sich dort untereinander gemessen, um die Nummer Eins ihrer Zunft zu bestimmen. Zum Weltmeister gekürt wurde der Italiener Simonmattia Riva. Mit Franc Lukas geht der Vizeweltmeistertitel an Deutschland. Den dritten Platz konnte Irina Zimmermann, die als einzige Frau antrat, für sich entscheiden.
Nationaler Vorentscheid
Gegen 34 andere Sommeliere aus ganz Deutschland hatte sich der promovierte Chemiker Sailer im Januar in einem Vorentscheid durchgesetzt. Dabei mussten die Teilnehmer unterschiedliche nationale und internationale Bierstile erkennen. Seither darf er sich offiziell "Deutschlands bester Biersommelier" nennen. „Mir ist bewusst, dass es ein verantwortungsvolles Amt mit Verpflichtungen ist. Ich werde mich nach Kräften bemühen, den Berufsstand der Biersommeliers und die Wertigkeit des Bieres weiter voran zu bringen", sagte er nach seinem Sieg.
Im sogenannten "Bier-Dart"-Spiel bekamen die Teilnehmer jeweils ein Bier in die Hand und mussten wie an einem Roulette-Tisch einzelne Kronkorken auf gekennzeichnete Felder setzen. Glaubte der Teilnehmer etwa ein Obergäriges Weißbier aus Nordamerika in der Hand zu haben, platzierte er seinen 'Spielstein' auf dem entsprechenden Feld.
Zehnköpfiges WM-Team
Die besten zehn aus dieser Vorrunde reisten als Deutschlands Biersommelier-Mannschaft zur vierten Weltmeisterschaft nach Brasilien. Neben Sailer befanden sich Vizemeister Guido Grote aus Kelheim, die drittplatzierten Irina Zimmermann aus Esslingen und Julian Menner aus Neumarkt in der Oberpfalz, sowie Klaus Artmann aus Wasserburg am Inn, Cornelius Faust aus Miltenberg, Frank Lucas und Christoph Puttnies aus Stralsund, Karl-Ludwig Rieck aus Bamberg und Max Spielmann aus Plankstadt mit im Team.
Jeder einzelne hatte - unabhängig von der Deutschen Meisterschaft - eine Chace, Weltmeister werden. Die europäischen Teilnehmer kamen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien. Unterstützt wurden sie von verschiedenen Sponsoren.
Erfahrung und Wissen
Herstellung, Vielfalt und eine bewusste Verkostung spielen bei der Ausbildung zum Biersommelier tragende Rollen. Die wichtigsten Sinne sind Riechen, Schmecken und Sehen, da neben dem Geruch sowohl die Farbe als auch die Perlage und die Trübung des Bieres bewertet werden. Aufgabe eines Sommeliers ist es, ein entsprechendes Getränk etwa einem Gast im Restaurant vorzustellen und dazu passende Speiseempfehlungen zu geben.
Genau das war auch Bestandteil der Weltmeisterschaft an diesem Wochenende sein. Nach einem schriftlichen Test zum Thema Bier mussten sich im Finale die letzten sechs verbleibenden WM-Anwärter vor einer Jury beweisen. Zur Auswahl standen dabei drei unterschiedliche Biere. Der einzelne Kandidat konnte sich davon eines aussuchen, von dem er glaubte, sich besonders gut damit auszukennen. Dann musste das Bier beschrieben und anschließend verkostet werden. Auch geschichtliches zu diesem Gerstensaft sowie Speiseempfehlungen sollten abgegeben werden.
In einer zweiten Verkostung ging es darum, sogenannte Bierfehler zu erkennen. Diese können bei der Gärung oder Lagerung entstehen und den Geschmack des Bieres verfälschen. Das können etwa Butter-, Cassis-, Banane-, Schwefel-, Käse- oder Metallnoten sein. Bei manchen Bieren gehören sie jedoch zum Geschmacksbild und werden daher toleriert.
Wiederentdeckung deutscher Biervielfalt
"Die Meisterschaft soll den Teilnehmern Ansporn sein, gute Botschafter deutscher Bierkultur zu sein", sagte Dr. Lothar Ebbertz vom Bayerischen Brauerbund im Vorfeld der WM. Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes, merkte an, dass man in Deutschland derzeit von einer " Renaissance des Brauens und des Bieres " sprechen könne. "Immer mehr Menschen interessieren sich für die deutsche Biervielfalt und Braukunst. Die Biersommeliers verstehen es, diese neue Bierkultur mit viel Genuss, aber auch mit großer Leidenschaft zu vermitteln".
Die Weltmeisterschaft fand im Rahmen der Messe "Degusta Beer & Food" statt. Laut Dr. Norbert Vidal von der Doemens Academy, die den deutschen Vorentscheid ausgerichtet hatte, waren dabei 1.200 Verkostungsgläser im Einsatz. Das Teilnehmerfeld in diesem Jahr werde sehr stark sein, sagte Sailer der Süddeutschen Zeitung schon vor Abflug. Dass es natürlich auch um den Spaß gehe, sollte allen bewusst sein: "Wenn man die WM bierernst nimmt, macht man ohnehin was falsch."
Bier in Brasilien?
Die bisherigen Weltmeisterschaften wurden in Deutschland oder Österreich ausgetragen. In Brasilien wird das Thema Bier jedoch ebenfalls sehr hoch gehalten. Das Land ist mit mehr als 13.2 Milliarden Litern pro Jahr der drittgrößte Markt für Bier weltweit. Die Stadt Blumenau etwa besitzt deutsche Wurzeln und richtet jedes Jahr ein Oktoberfest aus, das nach dem Karneval in Rio de Janeiro das zweitgrößte Volksfest des Landes ist.
