Die deutsche Wirtschaft wird in diesem Jahr schrumpfen. Erst 2024 geht es wieder aufwärts, prognostizieren die führenden deutschen Wirtschaftsinstitute. Zum diskutierten Industriestrompreis haben die Wirtschaftsforscher eine klare Meinung.

Nach einem Einbruch der Wirtschaftsleistung in diesem Jahr erwarten die führenden deutschen Wirtschaftsinstitute erst 2024 eine leichte konjunkturelle Erholung und deutlich niedrigere Preise. "An der Preisfront entspannt sich die Lage nach und nach", sagte Oliver Holtemöller bei der Vorstellung der Gemeinschaftsdiagnose. Die Energierohstoffpreise seien inzwischen deutlich niedriger. Insgesamt rechneten die Institute für 2024 mit einer Inflationsrate von 2,6 (2023: 6,1) Prozent und einem Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent. Auch 2025 dürfte die Wirtschaft um 1,5 Prozent weiter zulegen und die Inflation auf 1,9 Prozent zurückgehen.
Deutsche Wirtschaft rutscht 2023 ins Minus
Für das laufende Jahr haben die Wirtschaftsforscher ihre Frühjahrsprognose deutlich um 0,9 Prozentpunkte auf minus 0,6 Prozent nach unten korrigiert. "Der wichtigste Grund dafür ist, dass sich die Industrie und der private Konsum langsamer erholen, als wir im Frühjahr erwartet haben", erklärte Holtemöller. Auch die Zahl der Arbeitslosen werde dieses Jahr leicht auf 2,6 Millionen steigen, im kommenden Jahr aber wieder etwas fallen.
Abschwung klingt zum Jahresende ab
Nach Einschätzung der Forscher hat sich die Stimmung in den Unternehmen zuletzt verschlechtert. Das politische Management der Energiewende sorge für Unsicherheit, warnten die Ökonomen. Anderseits hätten die Löhne mittlerweile angezogen, die Energiepreise abgenommen und Exporteure hätten ihre höheren Kosten teilweise weitergeben können, sodass die Kaufkraft wieder zurückkehre. "Daher dürfte der Abschwung zum Jahresende abklingen und der Auslastungsgrad der Wirtschaft im weiteren Verlauf wieder steigen", teilten die Forscher mit. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) zeigte sich erfreut über die "vorsichtig positive" Einschätzung der Wirtschaftsforschungsinstitute. Binnenwirtschaftlich gehe es in die richtige Richtung. Das restriktive Zinsumfeld und die weltwirtschaftliche Schwächephase – gerade auch die Entwicklung in China – mache es der Exportnation Deutschland schwer.
Wissenschaftler gegen Industriestrompreis
Von dem von Habeck vorgeschlagenen subventionierten Industriestrompreis halten die Forscher nichts. "Die Probleme, die wir in Deutschland im Bereich der Energieerzeugung haben, sind Kapazitätsprobleme", sagte Holtemöller. Durch einen Industriestrompreis würden die Nachfrage nach Energie noch gestärkt. Das verteuere die Energie für alle anderen. Es gehe vielmehr darum, die Standortbedingungen insgesamt und nicht für einzelne Unternehmen oder Wirtschaftszweige zu verbessern. Das geplante Wachstumschancengesetz biete die richtigen Ansätze, sei mit einem jährlichen Gesamtvolumen von sieben Milliarden Euro allerdings gering, teilten die Forscher des IHW Halle, des RWI Essen, des Ifo-Instituts München, des IfW Kiel und des Berliner DIW mit.
Ökonomen: Extremes Gedankengut kann Wachstum kosten
Abseits der Wirtschaftspolitik warnen die Konjunkturexperten deutlich vor der Zunahme radikaler Weltanschauungen von rechter und linker Seite. Selbstverständlichkeiten wie der Respekt vor allen Mitmenschen und vor dem Eigentum und der Handlungsfreiheit anderer, gerieten in Gefahr. "Mögen die unmittelbaren Konjunkturrisiken dieser Tendenz auch begrenzt sein, so gehen von ihr doch erhebliche Risiken für die langfristigen Wachstums- und Wohlstandsaussichten aus", sagte Holtemöller etwa mit Blick auf den Arbeitsmarkt, der mittelfristig wegen der abnehmenden Erwerbsbevölkerung ohne die Einwanderung qualifizierter Fachkräften nicht auskomme.