Herbstgutachten Deutsche Wirtschaft steuert in die Rezession

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten einen dauerhaften Wohlstandsverlust in Deutschland. In ihrer Gemeinschaftsdiagnose fordern die Forscher zielgenaue Hilfen und den Weiterbetrieb von Atomkraftwerken.

Hauptgrund für die schlechteren Konjunkturaussichten ist nach Angaben der Forscher der Einbruch der Gaslieferungen aus Russland mit den einhergehenden drastischen Preissteigerungen für Gas. - © Wolfilser - stock.adobe.com

Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute korrigieren ihre Prognosen deutlich nach unten. "Der russische Angriff auf die Ukraine und die daraus resultierende Krise auf den Energiemärkten führen zu einem spürbaren Einbruch der deutschen Wirtschaft", sagte Tosten Schmidt, Konjunkturchef des RWI - Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen zu den Ergebnissen der diesjährigen Herbstprognose. Für dieses Jahr erwarteten sie zwar noch ein Wachstum von 1,4 Prozent. Im kommenden Jahr sei aber mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,4 Prozent zu rechnen. Im Frühjahr waren sie noch von einem Plus von 3,1 Prozent für 2023 ausgegangen. Eine Besserung ist erst für 2024 in Sicht.

Forscher: Kalter Winter macht Gasmangellage wahrscheinlicher

Hauptgrund für die schlechteren Konjunkturaussichten ist nach Angaben der Forscher der Einbruch der Gaslieferungen aus Russland mit den einhergehenden drastischen Preissteigerungen für Gas.

Auch wenn in den kommenden Monaten bei normalen Witterungsbedingungen mit keiner Gasmangellage zu rechnen sei, bleibe "die Versorgungslage natürlich äußerst angespannt", betonte Schmidt. Sollte es aber zu einem kalten Winter kommen, wäre eine Gasmangellage sehr wahrscheinlich. Dies würde das Bruttoinlandsprodukt dann deutlich stärker sinken lassen, als in der Prognose unterstellt.

Mittelfristig höhere Gaspreise führen zu Wohlstandsverlust

Insgesamt werden die Gaspreise nach Einschätzung der Forscher nicht auf das ursprüngliche Niveau vor der Krise zurückkehren. "Dies bedeutet ein Wohlstandsverlust für die deutsche Bevölkerung, den die Wirtschaftspolitik nicht ausgleichen kann", sagte Schmidt. Dies sei ein  langfristiges Phänomen, auf das sich Haushalte und Unternehmen einstellen müssten. Gefordert sei jetzt vor allem die Energiepolitik, die für eine Ausweitung des Angebotes von Gas und Strom sorgen müsse. "Wir schlagen der Bundesregierung auch vor, die Atomkraftwerke länger laufen zu lassen," sagte Schmidt. Auch über den Winter hinaus.

Wissenschaftler sprechen sich für gezielte Hilfen aus

Darüber hinaus sollten nach Einschätzung der Forscher Haushalte und Unternehmen gezielt unterstützt werden. Die Forscher warnen aber vor einer zu expansiven Finanzpolitik, um die Inflationen nicht noch zu verschärfen. Die Politik müsse gezielt sein und helfen die hohen Strom- und Gasrechnungen auszugleichen, aber auch nicht mehr. Bei den Unternehmen komme es darauf an, nicht langfristige Subventionstatbestände zu schaffen.

Höhepunkt der Teuerung mit 8,8 Prozent im kommenden Jahr

Die Inflationsrate wird sich der Gemeinschaftsdiagnose zufolge in den nächsten Monaten weiter erhöhen. "Wir haben inzwischen bei den Inflationsraten Werte erreicht, die wir zuletzt in der Hochinflationsrate der 70 und 80er Jahre gesehen haben", sagte Schmidt. Insgesamt rechnen die Forscher für 2022 mit einer durchschnittlichen Teuerungsrate von 8,4 Prozent und im nächsten Jahr mit 8,8 Prozent, da die höheren Großhandelspreise beim Gas erst dann bei den Verbrauchern ankommen würden. Erst mit einem Nachlassen der Anspannung an den Gasmärkten im Laufe des kommenden Jahres werde es eine Entspannung geben und ein allmähliches Absinken der Teuerung auf 2,2 Prozent im Jahr 2024.

Arbeitsmarkt relativ stabil

Stabilisierend auf die aktuelle Konjunkturlage wirkt sich nach den Worten von Stefan Kooths vom IfW in Kiel eine noch relativ robuste Industrie aus. Hier gebe es immer noch sehr hohe Auftragsbestände. Auch der Arbeitsmarkt sei weiterhin robust. Wie die Forscher darlegten, erwarte man zwar konjunkturbedingt eine geringere Nachfrage nach Arbeitskräften. Die Unternehmen würden angesichts des Fachkräftemangels aber versuchen, die Arbeitskräfte zu halten. Insgesamt rechnen die Forscher mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote auf 5,5 Prozent im kommenden Jahr, nach 3,5 Prozent in diesem Jahr. Für 2024 prognostizieren sie wieder eine leichte Verbesserung.