Rund drei Prozent der Deutschen steigen pro Jahr auf einen anderen Beruf um. Eine knappe Mehrheit tut dies freiwillig, die anderen Arbeitnehmer sind zum Wechsel gezwungen. Finanziell lohnt sich der Umstieg selten: Berufswechsler verdienen weniger als Menschen, die in ihrem Beruf bleiben. Eine neue Studie vergleicht dies mit der Lage in Großbritannien: Dort wird viel mehr gewechselt.
Julia Förder

In Deutschland wechseln pro Jahr 3,4 Prozent der abhängig Beschäftigten den Beruf. Etwas mehr tun dies freiwillig als unfreiwillig (52 Prozent gegenüber 48 Prozent). Zum Vergleich: In Großbritannien ist die Gesamtzahl der Berufswechsler deutlich höher (10,8 Prozent), wobei 79 Prozent von ihnen freiwillig wechseln.
Das sind zentrale Ergebnisse einer Arbeit des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Das IAB hat die kurz- und langfristigen Effekte eines Berufswechsels auf die Löhne in Deutschland und Großbritannien verglichen. Dabei wurden so genannte freiwillige und unfreiwillige Wechsel betrachtet. Unter Berufswechsel verstehen die Autoren einen inhaltlichen Tätigkeitswechsel ohne längere Phasen der Arbeitslosigkeit.
Besserer Lohn nach freiwilligem Wechsel
In beiden Ländern führt ein freiwilliger Wechsel des Berufs zu einem höheren Lohnniveau, verglichen mit dem Verbleib im alten Beruf. Wer in Großbritannien unfreiwillig den Beruf wechselt, der muss kurzfristig Lohneinbußen hinnehmen. Dies ist in Deutschland nicht der Fall: Hier sind vor allem geringqualifizierte unfreiwillige Berufswechsler deutlich besser gestellt.
Bevor ein Arbeitnehmer in Deutschland den Beruf wechselt, hat er in den Jahren zuvor in der Regel Lohneinbußen gehabt, unabhängig davon, ob es sich um einen freiwilligen oder unfreiwilligen Wechsel handelt. Nach dem Wechsel steigen die Löhne zwar wieder, bleiben aber unter dem Niveau der Nichtwechsler.
Wechsel kann die Karriere fördern
Laut der Studie zeigt sich, dass eine berufliche Veränderung in Deutschland nicht der Normalfall einer Erwerbskarriere ist. Berufliche Positionen werden in der Regel über Bildungs- und Berufszertifikate errungen, gerade für besser bezahlte Berufe sind passende Bildungsabschlüsse erforderlich.
In Großbritannien kann man allgemein ein höheres Lohnwachstum bei den Wechslern beobachten. Das führt langfristig zu einem Ausgleich der kurzfristigen Lohneinbußen und zu einem besseren Verdienst im Vergleich zu Nichtwechslern. Damit zeigt sich in Großbritannien genau das gegenteilige Bild zu Deutschland. Hier ist der Wechsel des Berufs der Normalfall und ein häufiger Weg, die Karriereleiter zu erklimmen.
Starke Orientierung an Bildungszertifikaten
Die Ergebnisse zeigen laut den Autoren die Bedeutung institutioneller Rahmenbedingungen. So hat Deutschland im Vergleich zu Großbritannien ein großzügigeres soziales Sicherungssystem mit einer höheren Lohnersatzquote. Diese federt Risiken des sozialen Wechsels ab und Arbeitnehmer können sich so längere Phasen der Erwerbslosigkeit leisten. Andere Besonderheiten des deutschen Systems erschweren den beruflichen Wechsel. So herrscht in Deutschland eine starke Orientierung an Ausbildungszertifikaten. Zudem gibt es mit dem dualen System eine enge Verknüpfung von Ausbildungssystem und Arbeitsmarkt, außerdem sind die Berufe untereinander stark abgeschottet.
In Großbritannien ist dagegen die Ausbildung weniger standardisiert, was einen Wechsel zwischen den Berufen erleichtert. Denn ihr spezifisches berufliches Wissen erwerben die Arbeitnehmer weitgehend im Betrieb selbst. Zudem sind tarifliche Einigungen weniger verbreitet und der Kündigungsschutz ist schwächer als in Deutschland. Diese Aspekte senken die Hürden für Entlassung und Einstellung, insgesamt ist die berufliche Fluktuation höher.
Grundlage der Untersuchung waren in Deutschland Daten des sozio-ökonomischen Panels, in Großbritannien des British Household Surveys für die Jahre 1993 bis 2008. Betrachtet wurden abhängig Beschäftigte im Alter zwischen 25 und 64 Jahren.