Der Krankenstand in Deutschland ist auf einem Rekordhoch. Allianz-Chef Oliver Bäte plädiert deshalb für Lohnkürzungen im Krankheitsfall. Eine DAK-Studie legt die Gründe für die hohen Fehlzeiten offen.

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Krankheitstage in Deutschland sprunghaft angestiegen. Das geht aus aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes und einiger Krankenkassen hervor. Um dem entgegenzuwirken, forderte Oliver Bäte – Chef des Versicherungskonzerns Allianz – die Lohnfortzahlung ab dem ersten Krankheitstag abzuschaffen. Der Beginn einer kontroversen Diskussion. Die Frage steht im Raum: Ist Deutschland ein Volk von Blaumachern?
Deutlich gestiegene Werte
"Deutschland ist mittlerweile Weltmeister bei den Krankmeldungen. Das erhöht die Kosten im System. Ich schlage vor, den Karenztag wieder einzuführen. Damit würden die Arbeitnehmer die Kosten für den ersten Krankheitstag selbst tragen", sagte der Vorstandschef dem "Handelsblatt". Dies könne dazu beitragen, die Kosten im Gesundheitssystem zu senken. Laut Statistischem Bundesamt waren Deutschlands Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer 2023 im Durchschnitt 15,1 Arbeitstage krank. Die Behörde weist jedoch darauf hin, dass diese Zahl nur Krankmeldungen erfasst, die eine Abwesenheitsdauer von drei Tagen überschreiten.
DAK betreibt genaue Ursachenforschung und kommt zu einem anderen Ergebnis
Eine neue Analyse der DAK-Gesundheit zeigt die Ursachen für den anhaltenden Rekordkrankenstand in Deutschland. Von 2021 auf 2022 gab es erstmals einen sprunghaften Anstieg der Fehltage um fast 40 Prozent. Als Grund für die deutliche Zunahme nennt die DAK ein neues elektronisches Meldeverfahren, mit dem ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen automatisch bei den Krankenkassen eingehen. Laut DAK-Studie liegt der Meldeeffekt – je nach Diagnose – bei rund 60 Prozent und mehr. Ein Drittel der zusätzlichen Fehltage seit 2022 geht zudem auf verstärkte Erkältungswellen und Corona-Infektionen zurück. "Wir brauchen eine offene Debatte über die tatsächlichen Ursachen der Rekordkrankenstände und müssen die wachsende Misstrauenskultur in der Arbeitswelt eindämmen", sagt Andreas Storm, Vorstandschef der DAK-Gesundheit. "Unsere Studie zeigt, dass weder die telefonische Krankschreibung noch das Blaumachen die wirklichen Gründe für den sprunghaften Anstieg sind. Entscheidend ist vor allem ein statistischer Effekt, verursacht durch die neue elektronische Erfassung der Krankschreibungen. Und auch die Erkältungswellen haben nachweislich eine große Rolle gespielt."
Verschiedene Treiber der wachsenden Krankheitstage
Im Auftrag der Krankenkasse hat das IGES Institut die Daten von 2,4 Millionen erwerbstätigen DAK-Versicherten aus den Jahren 2019 bis einschließlich 2023 ausgewertet und bundesweit mehr als 7.000 Erwerbstätige repräsentativ durch FORSA befragt.
Dabei kam die DAK zu folgenden konkreten Schlüssen:
- Immer mehr Versicherte gehen bereits am ersten Tag zum Arzt. In der aktuellen Befragung gaben 63 Prozent an, immer eine ärztliche Bescheinigung für die Krankschreibung einzuholen, 2015 waren es nur 53 Prozent. Gleichzeitig gibt nur ein Viertel der Beschäftigten an, bereits am ersten Tag ein ärztliches Attest zu benötigen. Storm sieht daher eine wachsende Misstrauenskultur als Ursache für diesen Trend: "Die Beschäftigten holen sich ein ärztliches Attest, um nicht dem Verdacht ausgesetzt zu sein, sie würden ohne triftigen Grund der Arbeit fernbleiben."
- Die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (kurz eAU) war ein wichtiger Treiber für den Rekordkrankenstand. Dies zeigt sich unter anderem am sprunghaften Anstieg an Krankschreibungen mit leichteren Krankheiten wie Bauchschmerzen oder Erkältungen, die vorher oftmals nicht eingereicht wurden.
- Ein zweiter wesentlicher Treiber für den sprunghaften Anstieg von 2021 auf 2022 sind Atemwegserkrankungen: Mehr als ein Drittel (35 Prozent) der zusätzlichen 564 Fehltage je 100 Versicherte gehen auf Schnupfen, Husten und anderen Atemwegsinfekten zurück, für ein Fünftel des Anstiegs waren Corona-Infektionen verantwortlich.
- Die Möglichkeit, sich telefonisch krankschreiben zu lassen, hatte keinen signifikant messbaren Effekt. Laut DAK-Studie gibt es keine Hinweise darauf, dass die während der Pandemie erstmals eingeräumte Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung missbraucht wurde. ewö