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Brezeln backen in Südamerika Im kolumbianischen Knast: Konditormeisterin bildet Sträflinge aus

Meisterin, Gründerin, Ausbilderin – ein Werdegang der im Handwerk nicht unüblich ist. Doch wer die Geschichte von Lydia Steinbrich kennt, weiß, dass die Böblinger Konditormeisterin alles andere als einen gewöhnlichen Weg eingeschlagen hat. Die 29-Jährige hat sich dazu entschieden, Gefangenen des kolumbianischen Gefängnisses Bellavista in Medellin das deutsche Konditorhandwerk zu lehren.

Nicht gesucht, aber gefunden

Es war reiner Zufall, als Lydia Steinbrich auf der Website des Seehauses, einem gemeinnützigen Verein, der im Bereich Jugendhilfe, Kriminalprävention und Opferhilfe tätig ist, eine Stellenanzeige entdeckte. Gesucht wurden deutsche Handwerkermeister und -Meisterinnen, die im Rahmen eines Modellprojekts von Prison Fellowship in kolumbianischen Gefängnissen Konzepte für die berufliche Reintegration von Strafgefangenen entwickeln.

Prison Fellowship ist eine christliche Organisation, die Gefangene, ehemals Gefangene sowie Opfer von Kriminalität und ihre Familien unterstützt. "Für mich war schon immer klar, dass mir allein die Arbeit in der Backstube nicht reicht", erzählt die Konditormeisterin aus Böblingen, die sich bereits seit vielen Jahren ehrenamtlich engagiert. "Obwohl ich nicht genau wusste, was für eine Herausforderung ich suche, war mir gleich klar, dass ich das meine Chance ist, meinen Beruf mit dem sozialen Engagement zu kombinieren."

Also bewarb sie sich für die außergewöhnliche Stelle und hatte auch schon kurze Zeit später die Zusage in der Tasche. Obwohl Steinbrich erst ab Anfang 2020 am Projekt beteiligt ist, reiste sie schon im Sommer dieses Jahres für vier Wochen nach Kolumbien, um die Begebenheiten und die Menschen vor Ort kennenzulernen.

Gefangene werden zu Konditorlehrlingen

"Im Vorfeld der Reise hatte ich durchaus Bedenken, was mich vor Ort erwarten würde", berichtet die Handwerkerin. Noch vor wenigen Jahren galt das Bellavista-Gefängnis in Medellín als eine der gefährlichsten Haftanstalten des Landes – mit um die 50 Todesfällen pro Monat.  Seit einigen Jahren jedoch, ist in das Gefängnis Ruhe eingekehrt.

Zu verdanken ist das zu einem großen Teil der Initiative "Prison Fellowship" (zu Deutsch: Gefängnis-Gemeinschaft), die sich in Kolumbien für die Integration und Resozialisierung ehemaliger Guerillas und die Versöhnung zwischen Täter und Opfer einsetzt. "Ein Bestandteil dieser Wiedereingliederung und der Grund, weshalb ich nach Kolumbien gehe, ist die Ausbildung der Gefangenen", erklärt Steinbrich.

Bislang wird in der Haftanstalt, in der zwei Backstuben eingerichtet sind, nur für den internen Gebrauch gebacken. "Langfristig sollen dort Backwaren produziert werden, die auch verkauft werden können." Um zu schauen, ob die Zusammenarbeit zwischen den Gefangenen und der Konditormeisterin funktioniert, hat Steinbrich während ihres Besuches vor Ort Backkurse gegeben.

Ein Dankesbrief als Abschiedsgeschenk

"Beim Backen in den Gefängnis-Backstuben war sehr viel Improvisation gefragt", berichtet die 29-Jährige. Denn weder die benötigten  Küchenutensilien, noch alle Zutaten dürfen in die Haftanstalt geliefert werden. "Messer oder andere spitze Gegenstände dürfen aus Sicherheitsgründen in den Küchen nur unter Aufsicht verwendet werden. Hinzu kommt, dass es einige Zutaten, wie etwa Äpfel oder Hefe, vor Ort nicht gibt". Schließlich könnte daraus Alkohol produziert werden, welcher für die Insassen strengstens verboten ist. Steinbrich und ihr Backkurs bekamen die Zutaten dank einer Ausnahmegenehmigung.

"Nichtsdestotrotz waren die Ergebnisse wirklich gut und kamen erstaunlich nah an das deutsche Original ran." In zwei Gruppen mit je sieben Personen wurden hinter den Gefängnismauern Brezeln geschlungen, Linzer Torte gebacken und flammende Herzen gespritzt. "Die Gruppen wahren sehr motiviert und auch extrem interessiert am Backen", erzählt die Konditorin. "Einige hätte ich sofort als Azubis eingestellt. Sie waren neugierig und haben zum Teil sehr viel Verständnis für das Material aufgebracht." Und auch ihre "Lehrlinge" waren mehr als zufrieden mit ihrer Ausbilderin. Zum Abschied schrieben sie ihr einen Dankesbrief. "Natürlich freuen sich die Männer dort über weiblichen Besuch, der auch noch Kuchen mitbringt", lacht Steinbrich.

Brezel schlingen im kolumbianischen Gefängnis

Häftlinge im Bellavistagefängnis in Medellín, Kolumbien, versuchen sich beim deutschen Backkurs beim Brezelschlingen.

Spenden für die Backstube gesucht

"Der Besuch vor Ort hat mich auf jeden Fall darin bestärkt, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe", ist sich Steinbrich sicher. Die Atmosphäre im Gefängnis sei ruhig und friedlich gewesen, der Umgang zwischen Wächter und Insassen respektvoll. Ab Januar 2020 wird die Böblingerin für vorerst drei Jahre nach Kolumbien auswandern und als Ausbilderin in Bellavista arbeiten. Bis dahin wird sie das Projekt von Deutschland aus begleiten: Businesspläne müssen erstellt, die Finanzierung geprüft und Maschinen organisiert werden.

Vor allem die Materialbeschaffung macht Steinbrich noch Sorge: "In den Backstuben stehen leider nicht alle Küchenutensilien zur Verfügung. Deshalb müssen wir aus Deutschland einiges an Materialien mitbringen. Für Bäckerei-Inventar, das günstig abzugeben ist, sind wir sehr dankbar." Bis die Reise in über einem Jahr los geht, unterrichtet sie als Fachlehrerin an der Bäckereifachschule in Stuttgart – und produziert weiterhin mit ihrem Geschäftspartner Hugger Baumkuchen.

Und vielleicht kommen ihre kolumbianischen Schüler auch bald in Genuss der deutschen Weihnachtsleckerei, denn eine ihrer beiden Baumkuchenmaschinen möchte Steinbrich mit ins Gefängnis nehmen.

Ihre Erfahrungen in Bellavista hat Lydia Steinbrich auch auf ihrem Blog geteilt.

Zur Person Lydia Steinbrich

Konditormeisterin Lydia Steinbrich in Kolumbien

Im Herbst 2017 war es für Steinbrich endlich so weit: Nach einem halben Jahr an der Meisterschule für Konditoren in Stuttgart hatte sie nicht nur ihren Meistertitel in der Tasche, sondern auch gleich einen durchdachten Plan für die Zukunft.

"Schon während der Meisterschule habe ich den Traum gehegt, mich danach selbstständig zu machen", erzählt die 29-Jährige, die mit dem Konditorhandwerk in die Fußstampfen ihrer beiden Großväter tritt.

Die Idee: Den altbekannten und zur Weihnachtszeit stets beliebten Baumkuchen zu revolutionieren. "Denn warum, sollte es ein so leckeres Gebäck nur zu dieser Jahreszeit geben?" Durch eine Crowd-Funding-Aktion im Freundes- und Bekanntenkreis und den Rotary-Förderpreis, mit dem die Bestmeisterin auf der Meisterfeier ausgezeichnet wurde, konnte sie sich zwei Baumkuchenmaschinen kaufen, um ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Christopher Hugger, den sie auf der Meisterschule kennengelernt hatte, gründete Steinbrich die Baumkuchen-Boutique.

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