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Wohnungsbau in Zeiten von Corona Baustellenbesuch: Wie Corona die Arbeit auf dem Bau verändert

Der Bau wird bisher von der Corona-Krise weniger gebeutelt als andere Branchen. Auf den meisten Baustellen laufen die Arbeiten weiter, aber das Miteinander hat sich verändert. Eine Stippvisite in Memmingen.

Obwohl der Eisheilige Pankratius die Außentemperatur nahe an den Gefrierpunkt gedrückt hat, herrscht in der Wagnerstraße in Memmingen geschäftiges Treiben. Unweit des Stadtzentrums wächst eine Wohnanlage, hieven zwei Kräne Material auf einen mehrstöckigen Rohbau und in die benachbarte Baugrube. Oberflächlich betrachtet läuft alles normal. Oder doch nicht? Ein Baustellenbesuch.

Otto Birk und Christian Hock tragen schwarze Tücher um den Hals. Die Geschäftsführer der Baufirmen Birk und Mösle aus dem benachbarten Landkreis Ravensburg ziehen ihre Buffs noch ein wenig höher über die Nase und grüßen aus gebührendem Abstand. Lieber kein Handschlag, aber auf die Vermummung wollen wir während des Gesprächs doch verzichten, bleiben allerdings sicherheitshalber auf Abstand.

Die Corona-Krise hat das Miteinander verändert, auch auf den Baustellen. Die Dixie-Klos sind mit Flüssigseife und mit einem Desinfektionsmittel be­stückt, das gegen Viren und Bakterien gleichermaßen wirken soll. Bei den Baufirmen Birk und Mösle gehört es inzwischen zur Ausstattung. „Wir halten uns strikt an die Vorgaben der Berufsgenossenschaft und des baden-württembergischen Wirtschaftsministeriums“, sagt Otto Birk. Dennoch laufen auf der Baustelle an der Wagnerstraße in Memmingen die Arbeiten weitgehend normal.

Baustelle in Corona-Zeiten

Trotz Corona im Zeitplan

Seit vergangenem Herbst wird hier gebaut. Verteilt auf drei Mehrfamilienhäuser, sollen 29 Wohnungen sowie eine Tiefgarage mit 36 Stellplätzen entstehen. Im Rohbau für Haus Ost mit elf Wohnungen sind schon die Fenster eingebaut. In der Baugrube daneben werden Schalungstafeln und die Armierungen für die Tiefgarage montiert, auf der dann Haus West mit fünf Wohneinheiten aufgesetzt wird. Zum Schluss soll mit Haus Nord das größte der drei Gebäude in die Höhe wachsen. „Wir liegen dank des milden Winters gut im Zeitplan. Daran hat auch der Lockdown durch die Corona-Pandemie nichts geändert“, erklärt Christian Hock, der gemeinsam mit Otto Birk auch die Boch Projekte GmbH leitet, die das Wohnprojekt als Bauträger vorantreibt.

Als in Bayern und Baden-Württemberg die Maskenpflicht eingeführt wurde, mussten sich die Baufirmen auf neue Verhaltensregeln einstellen. „Unsere Leute waren zuerst total verunsichert“, erklärt Otto Birk. In einer Betriebsversammlung, die wegen der Abstandsvorschriften im Freien stattfand, wurden die Mitarbeiter aufgeklärt sowie mit Buffs, Masken, Seife und Desinfektionsmittel ausgestattet. Auf der Fahrt zur Baustelle dürfen seither nur zwei Mitarbeiter mit Mundschutz ins Firmenfahrzeug. Die anderen fahren mit ihren privaten Autos, bekommen aber die Kosten erstattet.

In der Firmenzentrale der Otto Birk Bau GmbH in Aitrach ist jedes Büro maximal mit einer Person besetzt, für Kunden liegen Schutzmasken bereit. Außerdem hat Otto Birk im Ort für 750 Euro Schutzmasken nähen lassen. Alle Mitarbeiter bekamen ein Merkblatt, das über die wichtigsten Verhaltensregeln informiert. „Das habe ich auch den 62 Kollegen der Bau-Innung Ravensburg zur Verfügung gestellt. Wir können unseren Maurern doch nicht mit einem 15-seitigen Pamphlet aus dem Ministerium kommen“, sagt Otto Birk in seiner Funktion als Obermeister.

Alle Betriebe aus der Region

Inzwischen haben sich die Bau­arbeiter an den veränderten Umgang miteinander gewöhnt. Am 12. Mai herrscht an der Wagnerstraße Hochbetrieb. Aufgrund der Größe der Baustelle kommen sich die Gesellen der verschiedenen Gewerke nicht in die Quere, können die Abstandsregeln ohne Probleme einhalten. Neben sechs Gipsern und fünf Maurern der Firma Mösle aus Leutkirch arbeiten acht Elektriker von Ox Elektro aus Ochsenhausen, drei Dachdecker der Firma Schneider aus Erkheim, vier Heizungsbauer der Firma Reisacher aus Aitrach, zwei Mitarbeiter der Spenglerei Albrecht aus Heimertingen sowie drei Eisenflechter aus Otto­beuren auf der Baustelle. Alle kommen aus dem bayerisch-württembergischen Grenzgebiet, maximal rund 25 Kilometer von Memmingen entfernt. Als Bauträger legen Christian Hock und Otto Birk Wert darauf, Aufträge ausschließlich an Handwerksbetriebe aus der Region zu vergeben und zwar für alle Gewerke bis hin zur Baustahlarmierung, die hauptsächlich von ausländischen Eisenflechtern erledigt wird.

Für die Wohnanlage in Memmingen hat der Kosovo-Albaner Naser Morina die Armierungsarbeiten übernommen. Rund 300 Tonnen Baustahl muss er mit seinen fünf Mitarbeitern – allesamt Landsleute – flechten, bevor die Betonmischer anrücken. „Wir haben zu Beginn der Krise eine Woche Ausfall gehabt, weil eine Baustelle wegen eines Corona-Falls gesperrt wurde. Das konnten wir aber mit Urlaub überbrücken“, sagt der 48-Jährige, der 1992 nach einem Ökonomiestudium nach Deutschland gekommen ist und sich 2007 in Ottobeuren als Eisenflechter selbstständig gemacht hat.

Obwohl er bislang keine Kurzarbeit beantragen musste, beschäftigt ihn die Corona-Krise. So können seine Mitarbeiter nicht mehr in ihr Heimatland reisen, um ihre Verwandten zu besuchen. „Sie müssten dort für zwei Wochen in Quarantäne. Das will niemand riskieren“, sagt Morina, der sich zudem um Lieferengpässe bei Baustahl sorgt. Für die Baustelle in Memmingen kann ihn Christian Hock beruhigen. Aber auch er hat schon von Versorgungsproblemen beim Baustahl gehört.

Erste Auftragsstornierungen

Baustelle Wagnerstraße Memmingen

Für dieses Jahr sind die Auftrags­bücher der Baufirmen Birk und Mösle voll. „Bis Ende 2020 sind wir ausgelastet und was wir angefangen haben, das ziehen wir auch durch“, sagt Otto Birk. Als Obermeister der Bau-Innung Ravensburg sieht er aber schon dunkle Wolken aufziehen. „Die Corona-Krise wird den Bau mit ein bis zwei Jahren Verzögerung erreichen“, glaubt Birk. Noch läuft der Wohnungsbau, das Hauptgeschäft von Birk und Mösle. „Aber wer traut sich 2021 oder 2022 noch zu bauen, wenn er in eine unsichere berufliche Zukunft blickt“, fragt Birk.

Unternehmen mit Industriekunden hätten schon jetzt mit Stornierungen von Aufträgen zu kämpfen. „Bei Ausschreibungen, um die sich bis vor kurzem zwei bis drei Bieter bewarben, beteiligen sich inzwischen bis zu 15 Unternehmen“, beobachtet der Obermeister einen stärkeren Wettbewerb am Markt. Außerdem rechnet Birk damit, dass sich die öffentliche Hand mit Ausschreibungen zurückhalten wird, weil die Kassen leer sind.

Seine eigenen Unternehmen sieht Otto Birk für die Zukunft dennoch gut aufgestellt – auch, weil er sich stets einen Spruch seines Vaters zu Herzen genommen hat. „Wenn’s brummt, die kleinen Sachen nicht vergessen“, hieß das Leitmotiv von Otto Birk Senior, der 1956 den gleichnamigen Baubetrieb in Aitrach gegründet hat. Das seither auf 65 Mitarbeiter gewachsene Unternehmen kann inzwischen, auch dank der Übernahme der Firma Mösle mit weiteren 55 Mitarbeitern, durchaus größere Projekte stemmen. Aber die vielen Privatkunden aus der Region um Memmingen und Leutkirch haben die Geschäftsführer Otto Birk und Christian Hock nie aus den Augen verloren. Das könnte sich bald auszahlen

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