„Der Wettbewerb wird schärfer“

DHZ-Gespräch mit Professor Wolfram F. Richter über Reformen im Gesundheitswesen

Interview: Karin Birk

Wolfram F. Richter ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Universität in Dortmund.Foto: TU Dortmund

„Der Wettbewerb wird schärfer“

DHZ: Herr Professor Richter, verfügen Sie über hellseherische Fähigkeiten oder weshalb haben Sie schon vor zwei Jahren Insolvenzen bei Krankenkassen vorausgesagt?

Richter: Nicht nur ich habe Insolvenzen vorausgesagt, auch der Gesetzgeber. Schließlich hat er Ende 2008 die rechtlichen Voraussetzungen geschaffen, um Not leidende Krankenkassen geordnet abwickeln zu können. Er hat also kommen sehen, dass der Wettbewerb schärfer wird. Diese Verschärfung ist politisch gewollt. Sie ist das Ergebnis der Reformen, die die Große Koalition im Rahmen des nicht zufällig so genannten GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetzes 2007 auf den Weg gebracht hat. Die drei zentralen Maßnahmen betreffen die Einführung des Gesundheitsfonds, die Gewährung erweiterter Vertragsfreiheiten für die Kassen sowie die Einführung des so genannten Morbi-RSA, der den Finanzausgleich zwischen den Kassen stärker an der Morbidität - bzw. dem Krankheitsrisiko - der jeweils Versicherten ausrichtet.

DHZ: Welche Kassen sind besonders gefährdet?

Richter: Alle Krankenkassen, die relativ wenige Mitglieder versichern oder Krankheitsrisiken, die für die Bevölkerung nicht repräsentativ sind. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass vor allem Betriebskrankenkassen von der drohenden Insolvenz betroffen sind. Sie sind häufig klein. Auch sind ihre Mitglieder vergleichweise gesund, gehen aber dennoch häufiger zum Arzt. Früher konnte eine einseitige Risikostruktur wirtschaftlich von Vorteil sein, mit dem Morbi-RSA wird sie eher zum Problem.

DHZ: Führt das System über den Gesundheitsfonds also zu mehr Wettbewerb?

Richter: Ich würde diese Frage eindeutig bejahen. Der Morbi-RSA sorgt dafür, dass der Wettbewerb zwischen den Kassen fairer ist. Und der Gesundheitsfonds erhöht den Wettbewerbsdruck. Früher konkurrierten die Kassen über unterschiedliche Beitragsprozentsätze, heute konkurrieren sie über unterschiedliche Zusatzbeiträge von zum Beispiel 8 Euro. Der Wettbewerb über Zusatzbeiträge in absoluten Eurobeträgen ist schärfer als der über Prozentsätze. Zusätzlich musste der Versicherte früher, wenn er zu einer billigeren Kasse wechselte, die Ersparnis mit seinem Arbeitgeber teilen. Wenn der Versicherte heute zu einer Kasse ohne Zusatzbeitrag wechselt, profitiert er dagegen alleine. Das wird seine Wechselbereitschaft erhöhen.

DHZ: Für 2011 wird in der gesetzlichen Krankenversicherung ein Defizit von elf Milliarden Euro vorausgesagt. Wie kann sie zukunftssicherer finanziert werden?

Richter: Das deutsche Gesundheitswesen hat weniger ein Einnahmenproblem, als vielmehr ein Effizienzproblem. Die Kosten stehen in keinem rechten Verhältnis zum medizinischen Nutzen. Dazu ein Beispiel: In Deutschland kommen in der Akutversorgung auf 1.000 Einwohner circa sechs Betten. In Schweden reichen circa zwei und der OECD-Durchschnitt liegt bei unter vier. Dieser Vergleich legt nahe, dass Deutschland nicht zu wenige Pflegekräfte hat, sondern zu viele Krankenhausbetten. Statt für einen geordneten Rückbau der Kapazitäten zu sorgen, hat die Politik aber noch 2008 zusätzliche 21.000 Pflegestellen geschaffen.

DHZ: Sehen Sie die Politik auf dem richtigen Weg?

Richter: Die Große Koalition war auf dem richtigen Weg. Dieser sollte fortbeschritten werden, statt mit aller Macht einen anderen einzuschlagen. Kleinere handwerkliche Fehler, die gemacht wurden, sollten behoben werden. So sollte die Bedeutung der Zusatzbeiträge ausgebaut und die Krankenkassen sollten stärker in die Kostenverantwortung einbezogen werden. Letzteres verlangt, dass ihre Vertragsfreiheiten auch gegenüber den Krankenhäusern erweitert werden.