Die Bombe platzte in Potsdam: Thilo Sarrazin hat um seine Entlassung als Bundesbankvorstand gebeten. Trotzdem hat Sarrazin etwas bewirkt, notiert DHZ-Berlin-Korrespondentin Karin Birk.

Der Provokateur
Thilo Sarrazin hat es geschafft: Seine Thesen zur fehlgeschlagenen Integration eingewanderter Türken und Araber bewegen die Republik, Sein Buch ist ein Bestseller, sein Gesicht in jeder Talkshow gefragt. Doch gibt es für ihn auch Wermutstropfen: Die Sozialdemokraten wollen ihn aus der Partei ausschließen und seine Kollegen im Bundesbankvorstand haben ihm einmütig den Rücken gekehrt. Sie haben beim Bundespräsidenten seine Entlassung beantragt. Mit seiner Aussage, Juden sei ein gemeinsames Gen eigen, hatte der notorische Provokateur für viele das Fass zum Überlaufen gebracht.
Als eine der Ersten reagierte Bundeskanzlerin Angela Merkel: Sie nannte Sarrazins Äußerungen "vollkommen unakzeptabel". Sie legte dem Vorstand der Notenbank nahe, Konsequenzen zu ziehen. Noch deutlicher äußerte sich der Finanzminister: "Mit seinem verantwortungslosen Unsinn“ schade er dem Land, sagte Wolfgang Schäuble. Und Bundespräsident Christian Wulff ließ erkennen, dass die Bundesbank Schritte gegen Sarrazin unternehmen müsse. "Ich glaube, dass jetzt der Vorstand der Deutschen Bundesbank schon einiges tun kann, damit die Diskussion Deutschland nicht schadet – vor allem auch international.“
Aber auch die SPD distanzierte sich von ihrem Parteimitglied. An dem Tag, an dem Sarrazin sein Buch "Deutschland schafft sich ab" in Berlin vorstellte, beschloss der Vorstand einstimmig, gegen den früheren Berliner Finanzsenator ein Parteiausschlussverfahren einzuleiten. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel sagte zur Begründung, Sarrazin habe Begriffe benutzt, die "nahe an der Rassenhygiene“ lägen.
Der von so vielen Seiten Angegriffene zeigte vorerst weder die Bereitschaft, von sich aus die Partei zu verlassen, noch von seinem Amt als Bundesbankvorstand zurückzutreten. Allerdings hat er im Lauf der vergangenen Woche zugestanden, dass er mit seinen Aussagen zu den gemeinsamen Genen der Juden eine "ziemliche Dummheit“ begangen habe.
An der Basis kommt Sarrazin deutlich besser weg als in der Politik und den Medien. So erreichten die SPD hunderte von Briefen, E-Mails und Anrufen, die zu einem übergroßen Anteil dem Gescholtenen beipflichten. Die SPD-Generalsekretärin zeigte sich gezwungen, darauf mit einem Brief an die aufgebrachten Genossen zu reagieren. "Wir machen uns unsere Entscheidung in dieser Sache nicht leicht“, schrieb sie. Sarrazin habe eine Grenze überschritten. „Das ist keine Absage an eine intensive Debatte über Integrationspolitik in unserem Land.“ Sie räumte sogar ein, dass noch vieles im Argen liege.
Die Bundesbank hat Sarrazin nun freiwillig verlassen. Selbst wenn er jetzt noch der SPD oder die SPD ihm den Rücken zuwenden sollte, ist eines sicher: Sarrazin hat eine neue Debatte um Integrationspolitik entfacht.