TV-Kritik zu ARD-Reportage Der Mittelstand kann nur wenig gegen das "Energie-Dilemma" tun

Der Ukraine-Krieg hat die Abhängigkeit Deutschlands von russischen Energielieferungen offengelegt. Jetzt setzt die Bundesregierung alles daran, sich vom Kreml unabhängig zu machen. Doch wie kann das gelingen und welche Auswirkungen hat das auf den Mittelstand? In einer sehenswerten Doku ging die ARD diesen Fragen nach.

Flaschenherstellung in Glasfabrik.
Die Glasindustrie beklagt in der ARD-Reportage "Das Energie-Dilemma" die hohen Energiekosten, tausende Arbeitsplätze ständen auf dem Spiel (Symbolbild). - © Антон Курашенко - stock.adobe.com

Die Kurven, die sie bei Heinz Glas im oberfränkischen Landkreis Kronach täglich beobachten, zeigen seit einigen Wochen steil nach oben. Sie spiegeln die Preise für Strom und Erdgas wider. Für einen energieintensiven Betrieb, wie es die Glasherstellung nun mal ist, sind sie von zentraler Bedeutung. Von einer möglichen Verzehnfachung der Preise für die Glasindustrie am Rennsteig spricht Murat Agac, Assistent der Geschäftsführung. In der Präsentation auf dem Laptop-Bildschirm, den die Kamera einfängt, steht dick rot eingerahmt: "Ohne kurzfristig wirkende Gegenmaßnahmen werden die Energiekosten im Jahr 2022 die finanzielle Substanz aufzehren und die Handlungsfähigkeit der Unternehmen extrem bedrohen." Das sitzt.

In dieser Szene der ARD-Dokumentation "Das Energie-Dilemma" wird sehr deutlich, wie es um die Situation für energieintensive Unternehmen bestellt ist. Es steht bei vielen Spitz auf Knopf. Der Krieg in der Ukraine und dessen Auswirkungen auf die Energiepreise hierzulande, aber auch die offenen Flanken der Energiewende sind zu einer Bedrohung geworden. Agac bringt das im Interview auf den Punkt. "Wenn die Preise so bleiben, dann ist eine Glasindustrie in Deutschland nicht mehr rentabel und dann wird die Glasindustrie auch entweder notgedrungen wegfallen oder im Ausland produzieren."

8.000 Arbeitsplätze in Gefahr

Immerhin rund 3000 Arbeitsplätze stehen alleine bei Heinz Glas, das vor allem Flacons für Parfüms produziert, auf dem Spiel. Bei der gesamten regionalen Glasindustrie sind es gar 8.000. Seit Jahren, heißt es, setzten sich die betroffenen Firmen in Oberfranken für einen Windpark vor Ort ein. Doch es passiere nicht. Das liege an den strengen 10H-Abstandsregeln in Bayern, wonach ein Windrad immer zehnmal so weit von der nächsten Wohnbebauung entfernt stehen muss, wie es hoch ist. Nun, da das Thema Energieerzeugung im Zentrum der öffentlichen Debatte steht, tut sich aber etwas. Das zeigt sich anhand eines Treffens mit dem bayerischen Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger. Aiwanger spricht hinterher von der "10H-Falle" und staatlicher Hilfe zur Überbrückung des Weges bis zum Wasserstoff- und Windstrom. Agac seinerseits lobt die "Geschwindigkeit und Entschlossenheit", die er bei dem Treffen wahrgenommen hat.

So existenziell bedrohlich für das Geschäftsmodell wie bei der Glasindustrie ist die Situation derzeit nicht überall. Im Prinzip ächzt aber jeder Betrieb im Land zumindest unter hohen Preisen – beileibe nicht nur für Strom. Das bestätigt auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Er wird während des gesamten Films immer wieder um Kommentare zu den Aussagen der besuchten Protagonisten vor Ort gebeten. Wie ein roter Faden zog sich somit die Konfrontation des Ministers mit der Realität draußen bei den Menschen und den Betrieben durch die Reportage. Dadurch gewann diese sowohl an Ausgewogenheit wie auch an Relevanz. Zur Prognose von Agac, wonach Glasherstellung schon bald nicht mehr rentabel sein könnte, sagt Habeck trocken: "Ich befürchte, er hat Recht. Die Energiepreise zerstören jede Bilanz." Die Lösung seien andere, günstigere Energieträger.

Es gibt auch Firmen, die zu den Gewinnern des Energie-Dilemmas zählen

Doch bis es so weit ist, muss erst einmal die Versorgung sichergestellt werden. Zumal das Damoklesschwert eines Gas- und Öl-Lieferstopps durch Kreml-Machthaber Wladimir Putin noch immer über Deutschland und dem Westen schwebt. Und weil das so ist, gibt es durchaus auch Gewinner im deutschen Mittelstand.

Die Firma Brunsbüttel Ports etwa, die alle denkbaren Dienstleistungen im Hafenbereich anbietet. Sie war bislang mit ihrem Angebot, ein LNG-Flüssiggasterminal zu bauen, an der Politik gescheitert. Russland sei als zuverlässiger Lieferant, die Notwendigkeit eines solchen Terminals als nicht existent eingeschätzt worden. Deshalb wurde eine rein private Finanzierung vorgeschlagen, erzählt Firmenchef Frank Schnabel. "Nun ist leider der Krieg, so schrecklich das ist, der Auslöser dafür, dass es schneller voran geht." 3,5 Milliarden Euro vom Staat stehen laut der Stimme aus dem Off für schwimmende und an Land stehende Terminals zur Verfügung. Und es gibt schon Bereiche, in denen sie gebaut werden sollen. Irgendwie bezeichnend, dass einer der Standorte genau zwischen dem ehemaligen Kernkraftwerk Brunsbüttel und einer Sondermüll-Verbrennungsanlage liegt. Hier wird das ganze Elend der deutschen Energiepolitik auf den Punkt gebracht.

Ausgewogenheit auch bei den Experten

Zwischen den einzelnen Teilen der Dokumentation wurden auch immer wieder Experteninterviews eingespielt. So war die Energie-Ökonomin Claudia Kemfert die Stimme der grünen Seite. Sie lehnte auch die LNG-Terminals ab und setzt – ziemlich einseitig – auf den Ausbau erneuerbarer Energien, wobei selten der Faktor Zeit bei ihren Ausführungen eine Rolle spielte. Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, betonte hingegen die Wichtigkeit dieser Terminals für die Versorgung "für den nächsten Winter". Da brauche man alternative Quellen.

Kohle, Solar, Kernkraft – ein thematischer Rundumschlag

An mancher Stelle glitt die Sendung ein wenig in einen Entweder-Oder-Modus ab, in dem sich jeder seinen Standpunkt heraussuchen konnte. Das war aber wohl der Preis für die generell sehr gute und aufwändige Recherche und die daraus resultierende abwägende Art, in der die 45 Minuten daherkamen.

So ging es noch um Demonstranten von Fridays for Future und anderer Gruppierungen, denen ein Ausstieg aus allen fossilen Brennstoffen auch angesichts der globalen Zwänge nicht schnell genug gehen kann. Gezeigt wurden zudem ehemalige Mitarbeiter eines RWE-Braunkohlekraftwerks, die sich auch für die nächsten 100 Jahre das Weiterlaufen ihrer Meiler erhoffen, sowie eine Pferdehof-Besitzerin. Ihr Dorf soll der Erweiterung eines Kohle-Tagebaus zum Opfer fallen. Es gab einen Besuch bei Landwirten, die über ihre Feldern Photovoltaik-Anlagen gebaut haben und Betreibern von Biogas-Anlagen. Auch die emissionsfreie, dafür aber risikobehaftete Kernkraft war ein Thema – und auch hier sprach die Herangehensweise der Redakteure für sie. Es kamen Kernkraft-Ingenieure zu Wort, die die ihnen vertraute Technik zumindest als gute Brückenlösung schilderten.

Das gibt es im deutschen Fernsehen nun wirklich nicht alle Tage. Und schließlich ging es auch noch um die Raffinerie im brandenburgischen Schwedt an der Grenze zu Polen. Diese steht seit der Ankündigung, wonach Deutschland ein Öl-Embargo gegen Russland mittragen werde, im Zentrum der Debatte. Denn hier ist die Abhängigkeit vom russischen Öl am höchsten. Ein Embargo könnte Stillstand für so manchen Pkw in der Region bedeuten.

Fazit: "Das Energie-Dilemma"

So kam letztlich eine tiefgehende, sehr dichte Reportage zustande. Sie hat das namensgebende "Energie-Dilemma", in das die Politik das Land in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten geführt hat, in aller Ausführlichkeit geschildert. Außerdem hat sie mit einem durchaus nachdenklichen Wirtschaftsminister Habeck einen Haupt-Protagonisten, der die Dinge abzuwägen scheint. Wie Deutschland aber aus der Zwickmühle konkret rauskommen soll? Darauf hatten indes sowohl Habeck als auch die ARD-Redakteure leider keine endgültige Antwort.

>>> Die vollständige Sendung können Sie online nachschauen: Video: Das Energie-Dilemma - Reportage & Dokumentation - ARD | Das Erste