Gesunde Ernährung "Der Mensch braucht keine Kohlenhydrate"

Zuerst purzelten die Kilos. Dann entstand eine neue Geschäftsidee. Wie ein Bäckermeister mit "Low Carb" sowohl seine Ernährung als auch seinen Betrieb komplett umkrempelte.

Bäcker am Tisch vor Brotsorten
Das “Low-Carb“-Brot von Matthias Hofmann hat rund 90 Prozent weniger Kohlenhydrate als herkömmliche Mischbrote. Wie das geht? Ohne Getreide, stattdessen mit Sonnenblumenkernen und Leinsaat. - © Kerstin Colak

Wer sich nach der Methode "Low Carb" ernähren möchte, muss auf Kohlenhydrate mehr oder weniger verzichten. Kartoffeln, Getreideprodukte und Süßes dürfen nur selten auf den Teller. Für einen Bäcker unmöglich, könnte man meinen. Hat er doch permanent mit Brezeln, Brot und Biskuit zu tun. Matthias Hofmann und seine Frau Alexandra beweisen das Gegenteil. Die beiden Bäcker und Inhaber des "Mühlenbecks" in Schöntal-Sindeldorf wollten abnehmen und entschieden sich für "Low Carb". Mit Erfolg: Zusammen nahmen sie 16 Kilo ab. "Low Carb" veränderte aber nicht nur ihr Gewicht, sondern auch die Backwaren, die sie bislang hergestellt hatten. Zu verdanken haben sie das auch den missglückten Brotbackversuchen der Biathlon-Nationalmannschaft.

"Low Carb" im Profisport

Hofmanns erfuhren bei einer Ausbildung zum Mentalcoach, dass sich auch viele Profisportler nach "Low Carb" ernähren, denn der Ausbilder coachte auch die Biathlon-Nationalmannschaft. Er berichtete, dass den Sportlern der Verzicht auf Brot schwerfalle, weshalb sie versuchten, selbst Brot zu backen. Eines dieser Brote ließ der Ausbilder die Hofmanns probieren. "Das hat gar nicht geschmeckt", erinnert sich Hofmann. "Unser Ehrgeiz war geweckt. Bis zum nächsten Treffen hatten wir sechs Wochen Zeit, um ein besseres Brot zu backen." Das war in der Tat nicht einfach, so ganz ohne Getreide. Nach einigen Versuchen in der Backstube in Krautheim hatten sie es aber geschafft. Ein Brot auf der Basis von Sonnenblumenkernen und Leinsaat. Auch dem Ausbilder schmeckte das Brot und er nahm es mit zu den Biathleten. Damit wurde der Grundstein für Panifactum, dem neuen Unternehmen der Hofmanns, gelegt. Die Biathleten fanden das Brot nämlich so gut, dass sie anriefen und wissen wollten, wo man es kaufen könne.

Unerwartetes Interesse

"Das hat uns natürlich motiviert, dranzubleiben. Wir haben das Brot und weitere Artikel in unseren Filialen angeboten und waren überrascht, wie viele Leute sich auch abseits vom Profisport dafür interessieren", so Hofmann. Auch der Einzelhandel wurde aufmerksam, wie der Anruf einer Einkäuferin von Kaufland zeigte. So langsam dämmerte dem Bäcker-Ehepaar, dass daraus etwas Größeres werden könnte. Sie entwickelten noch mehr Produkte und bekamen viele positive Rückmeldungen. "Kunden, die das Eiweiß Gluten nicht vertragen, das in sämtlichen Getreidearten vorkommt, waren sehr froh über unser neues Angebot", erzählt Hofmann.

"Der Mensch braucht keine Kohlenhydrate, um gesund und fit zu sein. Oder hat schon mal jemand gesehen, dass Eskimos Kartoffeln anbauen?"

Matthias Hofmann, Bäckermeister

"Die Tatsache, dass es täglich 1.000 neue Diabetiker in Deutschland gibt, hat uns zusätzlich bestärkt, weiterzumachen. Wer viele Kohlenhydrate isst, muss viel Insulin produzieren. Das packt die Bauchspeicheldrüse irgendwann nicht mehr. Wir wollten eine Alternative bieten", erinnert sich Hofmann. "Weil die Nachfrage nach unseren Produkten immer größer wurde, musste eine Entscheidung her. Machen wir weiter, wie bisher oder stellen wir komplett auf ‘Low Carb‘ um?"

Zurück auf Los

Hofmanns waren von ihren Produkten überzeugt und mit Herzblut bei der Sache. Die Entscheidung war schnell getroffen, auch wenn sie weitreichende Konsequenzen hatte. Sie fanden einen Käufer für ihre 14 Filialen, der auch sämtliche Mitarbeiter übernahm. Somit fingen sie 2017 praktisch wieder bei null an. Das Ehepaar startete mit nur zwei Mitarbeitern die Produktion und den Vertrieb von "Low-Carb"-Backwaren über einen Online-Shop. Und wieder spielte ein Profisportler für die weitere Entwicklung von Panifactum eine wichtige Rolle. Durch den Shop wurde Sven Renz auf die Backwaren aus dem Sindelbachtal aufmerksam. Der ehemaliger Bundesliga-Triathlet und Inhaber einer Sportschuh-Manufaktur ist so begeistert von den Produkten, dass auch er Kontakt zu den Hofmanns aufnimmt und Tipps für die Vermarktung gibt.

Das Wesentliche? Die Rezepte

Es wird klar: Sollen die "Low-Carb"-­Produkte ein dauerhafter Erfolg werden, müssen ein professionelles Marketing und ein professioneller Vertrieb her. "Wir sind Bäcker und keine Marketing-Fachleute. Verpackungen entwerfen, Suchmaschinenoptimierung, Social-Media-Kanäle pflegen. Davon hatten wir ja praktisch keine Ahnung", sagt Hofmann. Renz empfiehlt ihnen eine Agentur, mit der er selbst zusammenarbeitet.

"Ein Glücksgriff für uns. Durch die Agentur können wir uns auf unsere Kernkompetenz, das entwickeln der Rezepte, konzentrieren. Bei allen anderen Themen bekommen wir die Unterstützung, die wir brauchen." Bilanz nach vier Jahren: Zum Unternehmen gehören mittlerweile 18 Mitarbeiter und 30 verschiedene Produkte. Sie sind nicht nur über den eigenen Online-Shop erhältlich, sondern auch im Einzelhandel. Und auch ein Kochbuch mit Rezepten aus der Feder der Hofmanns gehört mittlerweile dazu. Manchmal darf es eben doch ein bisschen mehr statt weniger sein.

Tipps für eine Ernährung mit weniger Kohlenhydraten

  • Als Sattmacher eiweißhaltige Lebensmittel (Fleisch, Käse, Eier) essen und beim Fett nicht sparen (Butter aufs Brot, Öl im Salat).
  • Beilagen wie Pommes, Nudeln und Reis weglassen und stattdessen zu Gemüse und Salat greifen.
  • Nährwert-Tabellen auf Lebensmitteln prüfen. Oftmals findet man dort unerwartet viel Zucker, zum Beispiel in Krautsalat.
  • In der Pause muss es schnell gehen? Statt Döner im Fladenbrot eine Döner-Box bestellen.
  • Der ideale Snack für Zwischendurch: Nüsse aller Art. Sie liefern viel Eiweiß und gesundes Fett.