Jeden einzelnen Handgriff beherrscht Kurt Steiner wie im Schlaf. Automatisch greift der 83-Jährige in einen Berg noch frischer Felle, trennt Fleischreste und Knochen mit einer elektrischen Säge vom Balg und wirft diese anschließend in einen Bottich zum Wässern. Immer und immer wieder wiederholt er die Prozedur, die er schon hunderttausendfach in seinem Leben vollzogen hat.
Der letzte seiner Zunft
Neumannsgrund (dapd-lth). Jeden einzelnen Handgriff beherrscht Kurt Steiner wie im Schlaf. Automatisch greift der 83-Jährige in einen Berg noch frischer Felle, trennt Fleischreste und Knochen mit einer elektrischen Säge vom Balg und wirft diese anschließend in einen Bottich zum Wässern. Immer und immer wieder wiederholt er die Prozedur, die er schon hunderttausendfach in seinem Leben vollzogen hat. Heute ist Kurt Steiner der letzte Rauchwarenzurichter Thüringens, die Felle in dem von Gerbsäure ausgeblichenen Bottich sind allerdings die letzten seines Lebens. "Wenn der Körper nicht mehr mitmacht, ist eben Schluss", sagt Steiner und wischt sich mit seinen knochigen Händen den Schweiß von der Stirn.
Die Arbeit geht Steiner nach über sechzig Arbeitsjahren nur noch schwer von der Hand, in diesen Tagen macht er seine Werkstatt dicht. Allerdings redet er gerne und viel über das Handwerk der Pelzherstellung. "Wässern, gerben, läutern sind die wichtigsten Schritte", fasst der kleine rüstige Mann den groben Ablauf zusammen. Insgesamt sind es jedoch über 50 Arbeitsgänge, die aus einem blutigen Schafsfell einen flauschigen Bettvorleger machen. Vieles erfordert höchstes Geschick. Etwa dann, wenn Steiner mit einem rotierenden Rundmesser die hauchdünne Lederhaut der Innenseite von Fettresten und Dreck befreit. "Ein hauchdünner Schliff zu tief, und das Fell ist pfutsch", sagt er.
Das Ergebnis der über Jahre perfektionierten Arbeit ist am Ende selbst für Laien tastbar. Vor allem im Unterschied zu den auf Grenzmärkten in Polen und Tschechien feilgebotenen und meist ausschließlich chemisch bearbeiteten Fellen liegen Steiners Rauchwaren weich und geschmeidig in der Hand, das Fell glänzt lückenlos in seinen natürlichen Farben.
Vom Baummarder bis zum Hirsch - es gibt so gut wie keine Tierart aus der heimischen Fauna, die Steiner nicht zu Kaminvorlegern und Wandbehängen verarbeitet und dabei ihre Besonderheiten verinnerlicht hat. Die meiste Zeit seines Lebens hat er alleine in den dunklen Arbeitskammern seiner Mühle inmitten des Thüringer Waldes verbracht. Umgeben von Bergen plätschert das Flüsschen Grümpen unüberhörbar unter dem aus fettigem Schiefergestein gehauenen Gemäuer hindurch, der Geruch von Alaun und stockiger Feuchte ist allgegenwärtig in den bröckeligen Wänden. "Man gewöhnt sich daran. Nur im Winter, wenn die Sonne nicht ins Tal kommt, ist es immer noch hart", sagt Steiner.
Gelernt hat Steiner die gesamte Palette der Pelzverarbeitung. So begann er 1942 beim Großvater eine Ausbildung zum Zurichter, später lernte er noch die Kunst der Kürschnerei. Theoretisch hätte er seine Felle auch selbst zu Pelzmänteln und Mützen verarbeiten können. Dass er immer auf der ersten Stufe der Veredelung geblieben ist, war der sozialistischen Planwirtschaft geschuldet. In der war ihm lediglich der Platz als Zurichter zugedacht. Weiterverarbeitet wurden die Pelze ausschließlich auf dem weltberühmten Brühl in Leipzig. "Bis 50.000 Kaninchenfelle musste ich im Jahr dorthin liefern. Das war alles vorgeschrieben und an etwas anderes nicht zu denken", sagt Steiner.
Ein Stück weit Genugtuung kam erst mit der Wende, als sich für den bereits berenteten Steiner plötzlich die Chance für einen Neustart als freier Unternehmer auftat. "Zu DDR-Zeiten musste ich die Privatleute wegschicken, und plötzlich konnte ich sogar die Preise selbst bestimmen", sagt Steiner. In der neuen Welt wussten vor allem Jäger schnell seine Dienste zu schätzen, Schafshalter und Kaninchenzüchter aus dem benachbarten Bayern zählten zu den neuen Kunden. Und mit der Wende landeten gelegentlich auch exotische Tiere in seinen Gerbbottichen. "Da bekam ich auch mal eine Antilope oder eine Hyäne als Auftrag", sagt Steiner.
Zwanzig Jahre später gibt Steiner nun auf - und mit ihm stirbt ein weiteres Handwerk in Thüringen. Einen Nachfolger für seine Mühle hat er sich nicht gesucht. "Die Gesetze von heute machen das Handwerk nahezu unmöglich", sagt er mit Verweis auf die strengen Auflagen des Umweltschutzes. Er selbst konnte die Regelungen dank eines auf Lebenszeit geltenden Bestandsschutzes noch ignorieren, einem Nachfolger stünde das Privileg nicht mehr zu.
dapd
