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Geigenbauerin nutzt uraltes Holz der Frauenkirche Der helle Sound von 800-jährigem Holz

Instrumente aus dem Holz der Frauenkirche – Die Münchner Geigenbauerin Eva Lämmle entdeckt meisterhafte Klangfarben für ihre Geigen und Bratschen.

Die Turmglocken der Münchner Frauenkirche sind in der Werkstatt von Eva Lämmle sehr gut zu hören. Kein Wunder – ihre Geigenbauwerkstatt liegt nur 200 Meter von der Kirche entfernt. "Der Klang der Glocken strukturiert meinen Tag", erklärt Geigenbauerin Lämmle schmunzelnd. Sie ist froh, dass das Schweigen der zehn Glocken angesichts von langjährigen Renovierungsarbeiten seit September endlich ein Ende hat. Schließlich hat Lämmle eine sehr enge Beziehung zum Wahrzeichen Münchens, die weit über die räumliche Nähe hinausgeht. Sie hielt die jahrhundertealte Geschichte der Kirche förmlich in ihren Händen.

Von Schicht zu Schicht durchgearbeitet

Vor einigen Jahren erfuhr die Geigenbauerin über eine Kundin, dass es noch Holz vom Original-Dachstuhl des Doms gibt. "Das hat mich begeistert. Es faszinierte mich, mit so altem Holz zu arbeiten. Letztlich war es ja schweres Bauholz", schwärmt sie. Es sei eine schöne Herausforderung gewesen. Sie habe sich richtig rantasten müssen, weil das Domholz weicher war als das 30- bis 40jährige Tonholz, mit dem sie normalerweise ihre Geigen, Celli oder Bratschen baue. Von Schicht zu Schicht habe sie sich gearbeitet.

Das Domholz war für sie absolutes Neuland, schließlich gab es zum Beispiel bei der Deckenstärke keine Anhaltspunkte, an denen sie sich habe orientieren können. Allein sich vorzustellen, was das Holz alles schon erlebt hat, begeisterte Lämmle und sei ihr innerer Motor gewesen. Bevor Lämmle loslegte, brachte sie das Holz zum Institut für Musikinstrumentenbau in Klingenthal. Sie wollte mehr über dieses Holz in Erfahrung bringen und ließ das Holz vermessen.

Geigenbauermeisterin Eva Lämmle

"Ich wollte wissen, ob das Holz haltbar ist oder ob es schnell brüchig wird. Diese Angst vor Rissen war mein ständiger Begleiter", erläutert Lämmle. Schließlich habe es ja keine Erfahrungswerte gegeben. Die Instrumente sollten den Musikern schließlich lange Freude bereiten.

Das Ergebnis des Instituts bestärkte sie in ihrem Glauben, ganz spezielles Holz in den Händen zu halten. Fest steht, dass das Holz ihrer drei Geigen und einer Bratsche genauso alt sind wie die ältesten Violinen, die noch in Konzerten gespielt werden. So gelten bislang die vor 450 Jahren von Gasparo da Salò aus Brescia gebauten Violinen als älteste Instrumente.

Lämmle, die alle drei Jahre die Münchner Geigenbautage mitorganisiert, verwendete das Fichtenholz aus der Frauenkirche für die Decke. Der Boden, die Schnecke und die Zargen bestehen aus Ahornholz, das traditionell im Geigenbau Verwendung findet. "Das Holz ist gut durchgelüftet. Offenbar haben die Glocken das Holz eingeschwungen, so dass auch der Holzwurm keine Lust hatte, sich im Holz einzunisten", sagt die Geigenbauerin. Ihre Barockgeigen überzeugen mit einem helleren Klang in den hohen Frequenzen. Wenn Lämmle ihre Instrumente – noch suchen eine Geige und die Bratsche die virtuosen Hände eines Musik­enthusiasten – anspielt, ertönen warme und helle Töne.

Weltweiter Kundenkreis aus Instrumentenbauern

Lämmle bezog die Holzschätze von Andreas Pahler. Sein Tonholzunternehmen liegt in Sichtweite der Klosterkirche von Altomünster. Pahler, der selbst in Mittenwald zum Geigenbauer ausgebildet wurde, verbrachte nach der Lehre einige Jahre in französischen und deutschen Werkstätten. Danach studierte Pahler Forstwissenschaften an der TU München und baute seit 2002 sein Tonholzunternehmen auf.

Mit seinem Wissen hat er sich einen weltweiten Kundenkreis aus Instrumentenbauern geschaffen. Durch Auftritte auf der Weltmusikmesse machte er sich einen Namen in der Szene. "Für mich war das Domholz die erste Erfahrung mit so altem und sehr ausgehärtetem Holz. Es weist eine höhere Eigenfrequenz auf als frisch geschlagenes Holz", schwärmt Pahler. "Dieses Fichtenholz muss seinen Meister im Instrumentenbau finden. Die Handwerksprofis suchen die Tonhölzer nach visuellen und akustischen Kriterien aus. Das Holz aus der Frauenkirche ist dank seiner Geschichte einmalig und nicht wieder zu beschaffen." Die Fichte ist ein hervorragender, akustischer Resonator.

Gerade hat Pahler Pakete mit Tonhölzern versandfertig gemacht, deren Adressaten ihre Werkstätten in Seoul und Paris haben. Neben dem Domholz lagern weitere Meisterhölzer für Tonqualität, so auch Raritäten wie geflammter Ahorn oder Eibenholz. Klassikgrößen wie Anne-Sophie Mutter, Julia Fischer (beide Violine) oder Pepe Romero (Gitarre) spielen auf Instrumenten, deren Holz aus Altomünster stammt.

Gerald Fuchs

"Hübsch ausgetrocknet – ein Versuch wäre zu wagen"

Das Holz des Domdachstuhls erhielt Pahler von Gerald Fuchs – einem gelernten Maschinenschlossermeister –, der es wiederum von seinem Vater Franz Fuchs erbte. Anfang Januar 1945 hatten Sprengbomben der Royal und US Air Force den Großteil des Daches zerstört und das Gewölbe der Münchner Frauenkirche zum Einsturz gebracht. Die große Leistung von Franz Fuchs bestand darin, dass er zwei Jahre später in der ehemaligen Sakristei der zerstörten Frauenkirche zwischen 3.000 Kubikmeter Schutt die besondere Qualität der Dachbalken erkannte.

"Ich stapfte durch die zerstörte Stadt und suchte. Vor einer zertrümmerten Kirche zersägten sie mächtige alte Balken", steht es in den Erinnerungen des Tonholzhändlers. Arbeiter legten das geborstene, zu Boden gestürzte Dachstuhlgebälk aus den Trümmern frei. Vor dem Hintergrund eines extrem kalten Winters 1946 und einem Engpass in der Kohleförderung kostete in München ein Ster Holz im Jahr 1947 zwischen 33 bis 34 Reichsmark.

Trotz dieser Alltagsprobleme hatte Fuchs ein anderes Anliegen: "Ein altes Holz, hübsch ausgetrocknet jedenfalls und für den Bau von Meistergeigen…! Der Versuch wäre zu wagen." Schließlich war durch die 500-jährige Lagerung des Domholzes das Harz auskristallisiert, was wiederum schwingungsfördernd wirkt. Am 23. Juni 1947 erhielt Fuchs vom Pfarramt des Doms die Zusage über die Aushändigung von Domholz.

Andreas Pahler

140 Flöße, bestehend aus 15 bis 16 Baumstämmen, schwammen auf der Isar von Lenggries nach München. Einige dieser ehemaligen Dachbalken fanden bei Franz Fuchs eine zweite Berufung. Er ließ aus diesem Holz von Schönbacher und Mittenwalder Geigenbauern die ersten Münchner Domgeigen bauen. Mehr als 70 Jahre später bescherte Eva Lämmle mit ihren Saiteninstrumenten dem von Fuchs begonnenen Kapitel "Münchner Dombaugeigen" eine klangvolle Fortsetzung.

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