Giovanni Battista Viotti brachte es auf den Punkt: "Die Geige, das ist eigentlich der Bogen." Bogenbauermeister Sebastian Dirr aus Bubenreuth lebt diese Wahrheit – doch sein Material wird knapp.
Inmitten der Metropolregion Nürnberg befindet sich das Zentrum des fränkischen Streich- und Zupfinstrumentebaues, der Geigenbauerort Bubenreuth. Hier findet man eine vererbte spezifische Begabung vor, welche durch das Aufwachsen im Werkstattmilieu begünstigt wurde und somit zu den hervorragenden Leistungen beiträgt. So auch beim Bogenbaumeister Sebastian Dirr.
Er erlernte den Beruf des Bogenmachers von 1988 bis 1990 in der Werkstatt von Roderich Paesold. Bereits 1993 legte er vor der Handwerkskammer für Mittelfranken seine Meisterprüfung ab. 2001 fasste er den Entschluss, selbstständig zu arbeiten, und so entstehen seitdem im fränkischen Zentrum des Saiteninstrumentenbaues exquisite und vorzügliche Meisterbogen.
Die Bogenstange
Die Bogenmacherei war bis Anfang dieses Jahrhunderts reine Handarbeit. Durch die Entwicklung der Technik wurde auch in diesem Handwerk die Maschine zu Vorarbeiten herangezogen. Sie kann aber nicht alle Arbeiten übernehmen. Solange ein guter Bogen aus Holz gemacht wird, muss bei den wichtigsten Arbeitsvorgängen auf die Maschine verzichtet werden, weil das Holz ein ungleichmäßig gewachsenes Naturprodukt ist und jede Stange anders bearbeitet sein will.
Das zu einem Streichbogen benötigte Material stammt vorwiegend aus überseeischen Ländern. Für bessere Bogenstangen wird fast ausschließlich Fernambukholz (Caesalpinia echinata) aus Brasilien verwendet. Allerdings steht das Fernambukholz seit Jahren unter Artenschutz, weil es durch die starke Rodung des brasilianischen Regenwaldes vom Aussterben bedroht ist. Das führte dazu, dass der Baum nur noch in Ausnahmefällen gefällt werden darf, und bringt Bogenbauer in aller Welt in Bedrängnis, denn die Holzvorräte schwinden dahin. Die Bogenbauer schlossen sich deshalb zu einer Initiative zusammen, die sich um die Erhaltung des Fernambukbaumes bemüht, indem neue Bäume angepflanzt werden. Für einfachere Schülerbogen benutzt man Massarandubaholz – auch Brasilholz genannt –, ebenfalls aus Brasilien.
Das Biegen der Bogenstange
Nach der Wahl des Holzes wird die Bogenstange durch Schnitzen und Schleifen in eine leicht gebogene Form gebracht und mit Ziehklinge und Sandpapier perfekt ausgearbeitet. Anschließend wird das Holz vorsichtig über einer Spiritusflamme oder mithilfe eines Heißluftföhns erhitzt und in die charakteristische Bogenform gebracht. Ziel ist es, die Holzfasern zu erweichen, ohne sie zu verbrennen oder zu schädigen. Der Bogenmacher achtet auf gleichmäßige Erwärmung, um asymmetrisches Verziehen zu verhindern.



Während das Holz warm ist, wird es vorsichtig über einen Formblock oder eine Biegeschablone gezogen, die der gewünschten Krümmung entspricht. Dieser Schritt ist entscheidend: Eine zu starke oder unregelmäßige Biegung kann die Spieleigenschaften des späteren Bogens stark beeinträchtigen. Nach dem Biegen wird der Bogen in seiner Form fixiert und langsam abgekühlt. Beim Abkühlen "merkt" sich das Holz die neue Form und bleibt nach dem Lösen weitgehend in Position.
Der richtige Druck
Nach dem Abkühlen wird die Stange auf Rückfederung und gleichmäßige Spannung geprüft. Dieser Schritt erfordert viel Erfahrung, da eine falsche Biegung die Flexibilität des Bogens beeinträchtigen kann. Die fertige Bogenstange wird geschliffen und mit einer schützenden Schicht überzogen, um die Haltbarkeit zu erhöhen. Die Bogenstange muss flexibel genug sein, um den richtigen Druck auf die Saiten auszuüben, und gleichzeitig stark genug, um die Spannung des Haars aufrechtzuerhalten. Das Gewicht der Bogenstange, erklärt Sebastian Dirr, beeinflusst die Balance des Bogens und damit auch die Beweglichkeit des Spielers. Ein zu schwerer Bogen führt zu schnellerer Ermüdung, während ein zu leichter Bogen möglicherweise weniger Kontrolle über die Saiten gibt. Die Bogenstange beeinflusst nicht nur die Handhabung, sondern auch die Klangqualität. Ein gut konstruierter Bogen aus hochwertigem Holz ermöglicht einen klaren und feinen Klang.
Der Frosch im Streichbogenbau
Warum das rechteckige Klötzchen am unteren Ende des Streichbogens den Namen "Frosch" erhielt, darüber scheiden sich die Geister. Seine Aufgabe ist aber die Befestigung und Spannung der Bogenhaare. Zudem beeinflusst er maßgeblich die Balance, das Gewicht und das Spielgefühl. Der Frosch hält die Haarsträhne zusammen und durch die Schraube (Beinchen) wird der Abstand zwischen Frosch und Bogenstange vergrößert oder verkleinert – so lässt sich die Haarspannung justieren. Innen sorgt eine Metallgewindehülse für präzise Bewegung. In der Regel wird der Frosch auf einer kleinen Einlage aus Metall – dem Schlitten – geführt, um reibungsloses Verstellen zu ermöglichen.
Traditionell bestehen hochwertige Frösche aus Ebenholz, oft verziert mit Perlmutteinlagen oder Zieraugen aus Abalone. Für die Gleitflächen und den Schlitz für die Schraube werden Metallteile wie Neusilber oder Nickel verwendet. Neben seiner technischen Rolle, so erzählt der Meister, ist der Frosch auch eine Spielwiese für Kunsthandwerk. Gerade bei den Materialien ist Dirr sehr individuell. Neben Perlmutteinlagen verwendet er auch Bernstein, gefärbtes Epoxidharz oder etwa zertifiziertes Elfenbein.

Die Bewicklung
Um die Stange vor dem Abnutzen durch die Hand zu schützen und zugleich den notwendigen Griff für die Finger zu schaffen, wird diese im unteren Bereich bewickelt. Die Umwicklung besteht entweder aus Silberdraht oder dem sogenannten Gespinst, einem mit Silber oder Gold umsponnenen Seidenfaden, oder Fischbein und Daumenleder. Da all diese unterschiedlichen Bewicklungen ein anderes Gewicht aufweisen, kann man, so Dirr, den Schwerpunkt des Bogens jeweils unterschiedlich für den Musiker gestalten. Dafür eignet sich besonders die von ihm nach historischen Vorbildern entwickelte Bogenwickelapparatur.
Rosshaar sorgt für die Spannung
Ein sehr wichtiges Thema in Dirrs Werkstatt ist die Bespannung des Bogens. Rosshaar ist seit Jahrhunderten das bevorzugte Material für die Behaarung von Streichbögen. Seine physikalischen Eigenschaften – insbesondere die natürliche Schuppigkeit und Zugfestigkeit – machen es ideal, um Kolophonium zu halten und die Reibung auf den Saiten zu erzeugen, die für den Ton unerlässlich ist.
Das beste Rosshaar stammt von männlichen Steppenpferden Innerasiens, in der Regel aus kalten Regionen wie der Mongolei oder Sibirien. Dort wachsen die Haare dichter und kräftiger. Für hochwertige Bögen wird meist weißes oder silberfarbenes Haar verwendet, während für Kontrabassbögen auch schwarzes Haar beliebt ist, da es gröber und griffiger ist.
Das Rosshaar wird vor der Verarbeitung sortiert, entfettet und gebleicht. Für einen einzelnen Bogen benötigt man etwa 150 bis 200 Haare, die von Hand gleichmäßig eingespannt werden. Die korrekte Spannung und gleichmäßige Verteilung sind entscheidend für die Spielbarkeit und Klangqualität des Bogens.
Rosshaar reagiert empfindlich auf Luftfeuchtigkeit und Temperaturschwankungen. Es sollte regelmäßig mit Kolophonium behandelt und bei starker Abnutzung oder Haarverlust ausgetauscht werden. "Rosshaar", so Dirr, "bleibt wegen seines natülichen Spielgefühls, der feinen Ansprache und der bewährten Klangqualität trotz moderner Alternativen wie synthetischen Fasern die erste Wahl für die Solisten."
Unkenntnis über den Beruf
Auf sein Berufsbild und seine Berufserfahrung angesprochen, lächelt Sebastian Dirr: "Es gibt nicht allzu viele Bogenmacher, besonders nicht in den Großstädten. Daraus erklärt sich die Unkenntnis vieler Geiger darüber, dass Bogenmacher und Geigenbauer zwei verschiedene Handwerksarten sind." In seiner Werkstatt in Bubenreuth kann man sehr schön beobachten, wie im Zusammenspiel von Geigenbau, Bogenbau und Stegmacherei gemeinsam die bestmöglichen Klangeigenschaften eines Instruments herausgearbeitet werden können.
"Ich hoffe, dass ich meinen Beruf noch lange ausüben kann, um den Musikern weiterhin die qualitativ hochwertigen Bögen zur Verfügung stellen zu können, die sie zur Ausübung ihrer Kunst benötigen. Denn der Klang kommt von der rechten Hand." Oder, um es mit Giovanni Battista Viotti zu sagen: "Le violon, c’est l’archet." ("Die Geige, das ist eigentlich der Bogen.").
