Als vor einem Jahr die Einschränkungen der Arbeitnehmerfreizügigkeit für die Staaten, die 2004 der EU beigetreten waren, fielen, da waren die Prognosen über die zu erwartenden Auswirkungen äußerst unterschiedlich.
Dr. Lothar Semper

Die Bundesagentur für Arbeit ging von jährlich 140.000 Zuwanderern aus. Zugleich wurde betont, dass Deutschland für Zuwanderer in den Arbeitsmarkt weniger attraktiv sei, als man glaube, so dass nicht so viele Personen kommen würden, als Deutschland angesichts des Fachkräftemangels benötige.
Demgegenüber stand der Chef des Münchner ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn. Er prognostizierte eine regelrechte Immigrationswelle. Wie sieht die Bilanz nach einem Jahr aus? Eine vor wenigen Wochen erschienene Veröffentlichung des Statistischen Bundesamts lässt zumindest eine grobe Beurteilung zu: Im vergangenen Jahr ist die ausländische Bevölkerung in Deutschland gegenüber 2010 um 177.300 gestiegen. Das war der höchste Zuwachs seit 15 Jahren. Vor allem die Zahl der Personen aus den acht EU-Beitrittsstaaten, für die keinerlei Hemmnisse mehr gelten, stieg spürbar an – die Zunahme betrug rund 79.000 und damit mehr als das Doppelte des Vorjahreswerts. Allerdings kamen auch aus Rumänien und Bulgarien, die noch Beschränkungen unterworfen sind, fast 52.000 mehr als im Jahr davor. Auch aus den von der Euro-Krise betroffenen Ländern kamen 2011 fast 17.000 Menschen mehr zu uns als 2010, wo es gegenüber dem Vorjahr gerade mal 41 Personen mehr waren.
Hier scheint wesentlich mehr Migrationsdynamik zu stecken als in den acht osteuropäischen EU-Beitrittsstaaten des Jahres 2004. Die Beobachtungen der ersten Monate des laufenden Jahres deuten darauf hin, dass der Bevölkerungsstrom insbesondere aus Spanien und Griechenland anhält.
Dennoch sind wir weit von Zuständen entfernt, die es erlauben würden, von einer Immigrationswelle zu sprechen – wie sie der Ökonom Sinn prognostizierte. Kaum Informationen liegen leider darüber vor, inwieweit die zugewanderten Personen schon in den Arbeitsmarkt integriert sind. Die Beschäftigung erreicht derzeit Rekordstände und die Arbeitslosigkeit schrumpft.
Laut der Frühjahrsdiagnose führender Wirtschaftsforschungsinstitute wird der Trend auch 2012 und 2013 anhalten. Verdrängungseffekte am Arbeitsmarkt sind also nicht zu befürchten. Vielmehr sind Zuwanderer jetzt dringend nötig, um den Fachkräftemangel in Deutschland zu lindern – auch im Handwerk. Deshalb muss besonderes Augenmerk darauf gelegt werden, dass Zuwanderung in den Arbeitsmarkt stattfindet – und nicht in die Sozialsysteme.
Mit gezielten Initiativen kann dieser Weg erfolgreich unterstützt werden; dazu zählen Beratungsstellen der Bundesagentur für Arbeit in benachbarten Staaten und die Versuche, junge ausgebildete Kräfte aus Ländern, in denen die Jugendarbeitslosigkeit bald die 50-Prozent-Grenze zu knacken droht, nach Deutschland zu holen.
Dabei sind Nachqualifikation und Vermittlung von Sprachkenntnissen wohl Voraussetzung für den Erfolg. Wie wichtig gerade Letzteres ist, haben die vor einem Jahr unterschriebenen Ausbildungsverträge mit Jugendlichen aus Osteuropa gezeigt: Einige sind bereits gescheitert, weil sich die Sprache als erhebliche Hürde herausgestellt hat.
Für den Erfolg bedarf es konzertierter Maßnahmen aller Beteiligten. Die Aussicht, so Fachkräfte zu bekommen, sollte dies wert sein.