Gefährdungsbeurteilung Der falsche Handschuh schützt nicht – und wird trotzdem gekauft

Schnittwunden, Verbrennungen, Chemikalienkontakt – Hände gehören zu den am häufigsten verletzten Körperteilen am Arbeitsplatz. Was Betriebe bei Auswahl, Normen und Materialeigenschaften beachten müssen.

Schutzhandschuh
Schutzhandschuhe verbinden häufig mehrere Eigenschaften: Sie schützen beispielsweise gegen mechanische Risiken, sind touchscreenfähig und besitzen eine sehr hohe Griffigkeit. - © NITRAS SAFETY

Hände sind täglich im Dauereinsatz. Entsprechend häufig werden sie verletzt. Schnittwunden, Quetschungen, Verbrennungen oder der Kontakt mit Gefahrstoffen verursachen jedes Jahr hohe Ausfallzeiten und teils dauerhafte gesundheitliche Folgen. Viele dieser Verletzungen lassen sich vermeiden – wenn der Handschuh zur Tätigkeit passt und konsequent getragen wird. Das betonen sowohl der VTH Verband Technischer Handel als auch der Textildienstleister und Arbeitsschutzanbieter Mewa.

Gesetz schreibt Gefährdungsbeurteilung vor

Ausgangspunkt für die Auswahl des richtigen Handschutzes ist die Gefährdungsbeurteilung. Betriebe sind gesetzlich verpflichtet, alle potenziellen Risiken am Arbeitsplatz systematisch zu erfassen. Auf dieser Grundlage lässt sich dann der passende Handschuh bestimmen.

Die grundlegenden gesetzlichen Anforderungen an Schutzhandschuhe regelt die PSA-Verordnung (EU) 2016/425 – PSA steht für Persönliche Schutzausrüstung. Die konkreten technischen Kriterien legt die europäische Norm DIN EN ISO 21420 fest. Sie definiert allgemeine Anforderungen wie die Unbedenklichkeit der Materialien, ergonomische Eigenschaften und die Kennzeichnung der Handschuhe.

Je nach Einsatzbereich gelten zusätzlich spezifische Normen:

  • DIN EN 388 – Schutz gegen mechanische Risiken (z. B. Schnitt, Abrieb, Durchstich)
  • DIN EN ISO 374 – Schutz gegen Chemikalien
  • DIN EN 407 – Schutz gegen Hitze
  • DIN EN 12477 – Schweißerhandschuhe

Unabhängig von der Risikokategorie müssen alle Sicherheitshandschuhe das CE-Zeichen tragen. Es bestätigt, dass das Produkt den geltenden EU-Anforderungen entspricht. Bei Handschuhen der Kategorien II und III müssen die Schutzeigenschaften zusätzlich über Piktogramme sowie Prüfnormen und Leistungsstufen angegeben sein. "Zusätzlich zur Kennzeichnung des Handschuhes sollten die allgemeinen Angaben in der Herstellerinformation beachtet werden, denn erst alles zusammen bildet die Grundlage für einen verlässlich geprüften Schutz", erklärt Boris Bachschijan, Produktmanager bei Mewa, der sich seit mehr als 25 Jahren mit Sicherheitshandschuhen beschäftigt.

Trend geht zu multifunktionalen Lösungen

"Ein einzelner Handschuh kann meist nicht mehrere Risiken optimal abdecken", stellt Bachschijan klar. Seine Empfehlung lautet deshalb, den Handschutz sorgfältig nach Gefährdungsart, Schutzklasse und Materialeigenschaften auszuwählen. Gleichzeitig geht der Trend mit neuen Materialien, Hightech-Garnen und innovativen Beschichtungen zu multifunktionalen Lösungen, die zumindest mehrere Schutzanforderungen abdecken.

Auch Jens Thome, Geschäftsführer des Handschuhherstellers NITRAS SAFETY, rät zur gründlichen Beratung vor dem Kauf: "Wir können nur empfehlen, sich umfassend beraten zu lassen, bevor man sich für einen Handschuh entscheidet. Denn ein Handschuh sollte möglichst optimal sitzen und eine möglichst präzise Passform haben, um vor Verletzungen oder Gesundheitsschäden so gut wie möglich zu schützen – und zudem allen rechtlichen Vorgaben genügen."

Worauf es bei den Materialeigenschaften ankommt

Die Materialeigenschaften entscheiden darüber, ob ein Handschuh die gesetzlichen Schutzanforderungen erfüllt. Betriebe sollten dabei auf folgende Punkte achten:

  • Passform und Griffigkeit: Ein schlecht sitzender Handschuh mindert die Schutzwirkung und erhöht das Unfallrisiko. Gute Griffigkeit kann verhindern, dass Gegenstände versehentlich fallen gelassen werden.
  • Abriebfestigkeit: Reibung an rauen Oberflächen erzeugt Mikrorisse oder Löcher im Material. Das zerstört die Schutzbarriere und lässt Chemikalien oder Krankheitserreger eindringen.
  • Chemikalienpermeation: Chemikalien können auf molekularer Ebene durch das Handschuhmaterial dringen, ohne sichtbare Löcher oder äußerliche Beschädigungen zu hinterlassen. Deshalb ist die Permeationsprüfung auch dann notwendig, wenn ein Handschuh äußerlich intakt wirkt.
  • Kapazitive Eigenschaften: Müssen Beschäftigte Touchscreens bedienen, brauchen sie Handschuhe, die ausreichend elektrisch leitfähig sind.

Auch Tragekomfort und Passform beeinflussen die Sicherheit im Betrieb – indirekt, aber wirksam: Falsche Größen, steife Materialien oder unbequeme Nähte können die Akzeptanz im Arbeitsalltag deutlich senken, betont Bachschijan.

Zwei Handschuhtypen im Überblick

Montagehandschuhe schützen vor mechanischen Gefahren und müssen nach DIN EN 388 auf Abrieb-, Schnitt- und Weiterreißfestigkeit sowie auf Durchstichfestigkeit geprüft sein. Die einzelnen Prüfkriterien werden nach definierten Leistungsstufen bewertet – höhere Stufen bedeuten eine höhere Schutzwirkung im jeweiligen Prüfverfahren. Hochwertige Montagehandschuhe tragen beispielsweise eine Nitril-/PU-Beschichtung für bessere Griffigkeit, auch bei glatten Gegenständen. Ein nahtlos gestricktes Trägermaterial verhindert Druckstellen an den Fingerkuppen.

Chemikalienschutzhandschuhe schützen vor gesundheitsgefährdenden Chemikalien und Mikroorganismen und werden nach DIN EN ISO 374 klassifiziert. Je nach Schutzklasse (Typ A, B oder C) müssen sie gegenüber einer unterschiedlichen Anzahl genormter Prüfchemikalien bestimmte Permeationszeiten erreichen. Level 2 bedeutet: Das Handschuhmaterial hält der jeweiligen Chemikalie mindestens 30 Minuten stand, bevor sie auf molekularer Ebene durch das Material dringt und Hautkontakt entsteht. Der Schutz gegen Mikroorganismen wird gesondert geprüft und gekennzeichnet.

Günstig ist nicht gleich wirtschaftlich

Ein niedriger Einkaufspreis spart nicht zwangsläufig Geld. Hohe Material- und Verarbeitungsqualität, gute Ergonomie und sachgerechte Anwendung verlängern die Lebensdauer der Handschuhe – und reduzieren damit Beschaffungsaufwand und Arbeitsunterbrechungen. "Langlebige Produkte sind über die Nutzungsdauer hinweg wirtschaftlicher und außerdem ressourcensparender", betont Bachschijan.

Auch Nachhaltigkeit wird beim Handschutz zum Thema: Recycelte Materialien und umweltfreundliche Produktionsverfahren werden stärker nachgefragt. Einen industriellen Waschservice für Sicherheitshandschuhe gibt es bislang nicht – ein industrieller Waschprozess ohne Qualitätsverlust sei technisch herausfordernd, erklärt Bachschijan. fre