Anleihe-Experte Jan Holthusen über Gewinner und Verlierer der EZB-Politik.
Karin Birk
DHZ: Herr Holthusen, die Europäische Zentralbank sorgt mit einem dicken Anleihekaufprogramm für Schlagzeilen. Wird sie ihr Ziel erreichen, eine Deflation zu verhindern?
Holthusen: Das kann man aus heutiger Sicht nicht sagen. Meiner Ansicht nach sind die Preise in den vergangenen Monaten vor allem wegen des niedrigen Ölpreises zurückgegangen. Von einem lang anhaltenden und breit angelegten Preisrückgang, wie Deflation normalerweise definiert wird, kann man deshalb nicht sprechen. Die Gefahr, die die EZB sieht, sehe ich nicht.
DHZ: Welche Risiken stecken in dem gigantischen 1,1-Billionen-Euro-Anleihe-Programm ?
Holthusen: Wenn die EZB Staatsanleihen am Markt aufkauft, dann lädt sie sich auch Bilanzrisiken auf. Sollten die Staaten Zahlungsprobleme bekommen, müssten die EZB oder die nationalen Notenbanken die Risiken tragen. Vor allem aber drückt die EZB mit dieser Politik das ohnehin niedrige Zinsniveau noch weiter nach unten. Sparen lohnt sich kaum noch. Das bringt längerfristige Probleme in der Altersvorsorge. Außerdem setzt eine Flucht aus den Rentenmärkten in die Aktien- oder Immobilienmärkte ein, wo es zu Übertreibungen kommen kann.
DHZ: Aber irgendeiner wird doch auch profitieren?
Holthusen: Die niedrigen Zinsen nutzen vor allem den Schuldnern und damit den Finanzministern der Euro-Staaten. Die Staaten können sich in den nächsten ein bis zwei Jahren so günstig finanzieren wie noch nie zuvor. Damit erhöht sich ihr Spielraum, Schulden abzubauen und Reformen anzugehen. Doch die Erfahrung zeigt, dass Staaten die gekaufte Zeit oft verstreichen lassen. Zwar haben Staaten wie Irland, Spanien, Portugal oder sogar Griechenland schon einiges erreicht. Doch Frankreich und Italien haben die Zeit bisher so gut wie nicht genutzt.
DHZ: Was bedeutet das alles für die deutsche Wirtschaft?
Holthusen: Kurzfristig wird die Wirtschaft von den niedrigen Zinsen und dem schwachen Euro profitieren. Das ist wie ein Konjunkturprogramm. Die Exportwirtschaft wird es leichter haben. Banken werden sich angesichts positiver Unternehmensperspektiven und mangelnder Anlagealternativen leichter tun, Kredite an Unternehmen zu vergeben. Hinzu kommt der niedrige Ölpreis, der zusätzlichen Spielraum für Konsum und Investitionen bringt.
DHZ: Der Euro hat binnen Jahresfrist gegenüber dem Dollar rund 20 Prozent an Wert verloren. Rechnen Sie damit, dass wir am Jahresende die Parität sehen werden?
Holthusen: Angesichts des milliardenschweren Aufkaufprogramms können wir uns durchaus vorstellen, dass der Euro weiter unter Abwertungsdruck bleibt. Ich kann mir die Parität zum Jahresende gut vorstellen. Irgendwann erreichen aber auch die Amerikaner die Schmerzgrenze. Dann werden sie beginnen, ihre Währung schwachzureden und die Zinsen nicht weiter zu erhöhen.
DHZ: Griechenland hat eine populistische Regierung gewählt, die Unterstützung von Europa ohne harte Auflagen fordert. Kommt Griechenland damit durch?
Holthusen: Die Griechen werden nicht alles durchsetzen können, was sie angekündigt haben. Andererseits wird auch die EU Zugeständnisse machen. Ich glaube nicht, dass ein Schuldenschnitt kommt. Man wird möglicherweise nochmals über eine Verlängerung der Laufzeit und noch niedrigere Zinsen sprechen müssen.
