Was hatten der Physiker Albert Einstein, der Schriftsteller Hans Fallada, der Dichter Joachim Ringelnatz und die Puppenherstellerin Käthe Kruse gemeinsam? Sie alle waren regelmäßig Gast auf der sonnenreichsten Insel Deutschlands: auf Hiddensee. Ein Aufenthalt lohnt aber nicht nur im Sommer.
Rocco Thiede
Was hatten der Physiker Albert Einstein, der Schriftsteller Hans Fallada, der Dichter Joachim Ringelnatz, der Maler Erich Heckel, die Puppenherstellerin Käthe Kruse oder die Bildhauerin und Grafikerin Käthe Kollwitz gemeinsam? Sie alle waren regelmäßig Gast auf einer der sonnenreichsten Inseln Deutschlands: auf Hiddensee. Weil es hier so idyllisch und überschaubar ist, bauten oder kauften sich auch die Literaten Erich Arendt, Gerhart Hauptmann, der Opernregisseur Walter Felsenstein oder der Stummfilmstar Asta Nielsen gleich ein Haus auf der etwa 16,8 Kilometer langen und zwischen 250 Meter und etwa 3,7 Kilometer breiten Insel. Einige von den Prominenten Inselbewohnern, wie Hauptmann, Felsenstein oder die berühmte Tänzerin Gret Palucca fanden auf dem Eiland im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft auch Ihre letzte Ruhestätte. Für die Künstler war Hiddensee nicht nur Erholungs- und Rückzugsort sondern regelrecht ein Kreativpool. So schrieb Fallada hier seinen Roman "Kleiner Mann – was nun?“ und der Expressionist und Brücke-Gründer Heckel malte insgesamt 35 Bilder nach Landschaften von H
Hiddensee.
Inselidylle jenseits der Strandkörbe
Kräftig pfeift der Wind um die Nasen. Unter dem Bug des Schiffes bricht das Eis. In Schollen schiebt es sich übereinander. Nur wenige Gäste bleiben an Deck. Die meisten Familien mit Kindern und die älteren Passagiere haben sich in die Schiffsmesse begeben, wo an einem kleinen Tresen heißer Tee, Glühwein oder Piccolo-Sekt sowie kleine Snacks verkauft werden. "Wir wollten mit diesem Kurzurlaub herausfinden, ob Inselurlaub nur etwas für die warme Jahreszeit ist“, erzählt eine Mitvierzigerin vom Prenzlauer Berg. "Doch schon auf dem Großparkplatz in Schapprode auf Rügen, konnten wir an den Autoschildern erkennen, dass wir nicht die einzigen waren, die zu dieser kalten Jahreszeit auf diese Idee des Festlandflüchtens gekommen sind“, sagt sie augenzwinkernd. Von Sachsen-Anhalt über Bayern, von NRW bis Hessen – quer durch die Republik haben sich Urlauber im Winter aufgemacht, um Inselidylle einmal jenseits von Strandkörben und Sonnenbaden im weißen Ostseesand zu erkunden.
Zur Hochsaison im Sommer gibt es mehrere Fährverbindungen nach Hiddensee – "zum Beispiel auch von Stralsund - der alten Hansestadt und dem Brückenkopf nach Rügen - wohin es seit 1892 regelmäßigen Dampferverkehr gab“, erklärt Klaus aus Bergen, der als Schiffsjunge hier arbeitet. Aber im Winter sollten man den Bodden, nur von Schapprode überqueren, um nach "Hiddensöe“ – so die Bezeichnung der Inseln in deutschen Reiseführern bis in die 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts – zu kommen. Der Name der westlich von Rügen gelegenen Insel im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern soll übrigens vom legendären Norwegerkönig Hedin kommen, der hier um eine Frau und um Gold kämpfte.
Selten ist ein Tag wie der andere
Von den im Durchschnitt jährlich 1850 Sonnenstunden pro Jahr werden wir leider in den nächsten Tagen wenig mit bekommen, obwohl uns schon auf der Überfahrt ein „Altgedienter Hiddenseefan“ in Sachen Wetter prophezeite: „hier ist selten ein Tag wie der andere“. Womit er leider Recht behalten sollte. Bei grauer, feuchter Wetterlage reisten wir an, es kam in den Folgetagen auch mal die Sonne durch, ordentlich wurden wir von den lebhaften und wechselnden Winden durchgeblasen und bei Schnee und Eis hatten wir am Abreisetag fast noch etwas Glück durchgefroren aber heil wieder an Land zu gelangen.
Die "Reederei Hiddensee“ verkehrt im Winter "oft nach Eisfahrplan, was bei tagelangen Temperaturen im zweistelligen Minusbereich auch bedeuten kann, dass der Fährbetrieb ganz eingestellt wird“, gab uns Klaus von der "Vitte“ mit auf den Weg. Auf der "Vitte“, der Name stammt von der gleichnamigen Inselhauptstadt, fahren neben den Touristen nur wenige Einheimische mit. Kein Wunder, denn offiziell leben hier knapp über 1000 Menschen und viele davon auch nur in den warmen Sommermonaten. Ein großer Traktor mit einem Anhänger der Post, ist das einzige Fahrzeug auf der Fähre, zu der fast autofreien Insel. Dort, wo auf manchem Gehöft an der Ostsee nicht nur das Haus sondern auch das Auto vom Wohlstand seiner Besitzer kündet, ist auf Hiddensee dieses beliebte Statussymbol der Deutschen einfach nicht vorhanden. Die Fortbewegung ist ausschließlich mit einem kleinen Inselbus, Pferdekutschen, dem Fahrrad oder per pedes möglich. Hilfreich ist vielen Neuankömmlingen auch ein Handwagen, den Hotels und Pensionen kostenfrei für den Gepäcktransport zur Verfügung stellen. Alles scheint etwas langsamer zu gehen. Zeit hat auf Hiddensee ihre eigenen Dimensionen.
HiddenseeDer Leuchtturm auf dem Dornbusch
Unsere kleine Hotelpension liegt am Inselende in Grieben. Es ist das älteste und kleinste Dorf im Norden und wird umrahmt von teils über 70 Meter hohen Hügeln, mit dem Leuchtturm auf der einen sowie dem Bodden auf der anderen Seite. Die offene Ostsee befindet sich im Westen und Norden.
"Der Leuchtturm auf dem Dornbusch ist das Wahrzeichen der Insel“, sagt uns der junge Kassierer in seinen Holzverschlag. "Er steht mit seinen 102 Stufen heute den Besuchern offen. Einen Leuchtturmwärter gibt es schon seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr“, berichtet er uns. Mit der obligatorischen Kurkarte zahlen Erwachsene zwei und Kinder einen Euro für den lohnenden Aufstieg. Von hier oben hat man bei gutem Wetter einen phantastischen Blick über die ganze Insel, die die Form eines Seepferdchen zu haben scheint, was heute im Inselwappen als Silhouette wiederkehrt. In der Ferne sieht man Stralsund mit seinen Kirchtürmen, die Insel Rügen, den Bodden und übers offene Meer hinaus die dänische Insel Mön mit ihren Kreidefelsen. Nebenbei erfährt man im Turm Wissenswertes zur Geschichte der Leuchttürme entlang der Ostseeküste. Historische Dokumente, Fotografien und alte Postkarten lassen die Historie des Hiddenseer Leuchtturms wieder lebendig werden.
Beim Blick vom Leuchtturm ist die Dimension von Hiddensee als Teil des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft mit seiner Dünenheide gut zu erkennen. Für zahlreiche Tiere bietet er Lebensraum. Selbst im Winter sind Scharen von Graugänsen auf überschwemmten Wiesen zu beobachten. "Für viele Zugvögel, wie beispielsweise Kraniche ist die Inselumgebung einer der bedeutendsten Rastplätze Deutschlands“, erzählt uns später ein Hotelgast, der regelmäßig zur Jahreswende auf die Insel reist. "Deshalb dürfen bestimmte Schutzzonen auch nicht betreten werden“, warnt er vorsichtshalber. "Wie der so genannte Gellen südlich von Neuendorf, der ein bedeutendes Vogelschutzgebiet und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist.“
Vom Leuchtturm geht es zu Fuß hinab nach Kloster. Hier gab es von 1296 bis 1536 ein Zisterzienserkloster, das in der Nähe des heutigen Hafens lag und mit der Reformation aufgelöst wurde. Als einzige späte Zeugnisse der monastischen Zeit können die Inselkirche (1332 geweiht) und ihr Friedhof gelten. Sonst wird man vergebens nach Zeugnisse des Mönchtums suchen.
Kloster gilt vielen Insulanern und ihren Gästen auch als das kulturelle Zentrum der Insel mit dem ehemaligen Wohnhaus Gerhart-Hauptmanns, das er als "Haus Seedorn“ 1930 erwarb und heute ein Museum ist. Im "Heimatmuseum Hiddensee“ nur wenige Meter davon entfernt wird eine Kopie des berühmten Hiddenseer Goldschmucks mit einem prunkvollen Kruzifix präsentiert. Diese Wikingerarbeit aus dem 10. Jahrhundert soll bei einem Sturmhochwasser gefunden worden sein. Das Original wird im Kulturhistorischen Museum Stralsund verwahrt. Darüber hinaus ist eine Sonderausstellung zu den Klostergrabungen zu sehen und eine Dauerausstellung zur Inselgeschichte mit etwa 450 Ausstellungsgegenständen, Akten, etwa 2500 Fotografien und Postkarten samt umfangreicher Bibliothek. Im Museumsfundus gibt es zusätzlich einige Werke bekannter Vertreter der Künstlerkolonie Hiddensee.
Wanderung zum "Hexenhaus"
Am Folgetag wandern wir - warm eingepackt mit Mütze, Handschuhen und Schal - auf dem Deich nach Vitte, dem größten und zentralen Ort der Insel. Erstmals 1513 urkundlich erwähnt gibt es hier das älteste noch erhaltene Haus der Insel, das "Hexenhaus“ sowie ein kleines Verwaltungszentrum mit dem Rathaus. Neben einer Reihe sehenswerter Gründerzeithäuser sei das niederdeutsche Fachhallenhaus die „Blaue Scheune“ aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts erwähnt und das so genannte "Karuse“ (Karussell) – ein rundes Gebäude, welches von Asta Nielsen bewohnt wurde.
Im Hafen von Vitte werden all die notwendigen Güter zur Versorgung der Insel umgeschlagen und von hier aus mit Elektroautos an die kleineren Geschäfte, Hotels und Restaurants verteilt. Letztere sind oft Saisonbetriebe, was eine Schließung im November, Februar, März bedeutet. "Um die Jahreswende blüht noch einmal das Inselleben auf“, schwärmt ein offensichtlich ortsansässiger Fischer am Hafen. Er empfiehlt "dringend heißen Seedornsaft – am besten mit einem Schuss Rum, das wärmt ordentlich“. Die hell-orange leuchten Sanddornbeeren sind neben den roten Hagebutten selbst im Winter noch an vielen Sträuchern der Insel zu finden. Gepresst ist der Sanddornsaft fast so etwas, wie ein Nationalgetränk auf Hiddensee.
SanddornAls Saisonbetrieb arbeitet auch die nostalgische "Seebühne Hiddensee“ mit ihrem Figurentheater. Hier wird zwischen den Jahren noch bis in die erste Januarwoche gespielt, bevor das kleine Ensemble auf Tournee geht und erst zum Sommer wieder mit einem festen Spielplan auf die Insel zurückkehrt.
Durch die Hiddenseer Heidelandschaft
Direkt hinter Vitte in Richtung Neuendorf beginnt die Hiddenseer Heidelandschaft. Hier muss man durch, wenn man nicht immer am zugigen Strand entlang möchte um in die südlichste Ortschaft nach Neuendorf zu gelangen. Kenner des Plattdeutschen hören, dass die etwa sechs Kilometer von Vitte entfernten Neuendörfer einen anderen Dialekt sprechen. Der älteste Ortsteil Plogshagen ist historisch schon im 13. Jahrhundert nachgewiesen. "Wer in Neuendorf Urlaub macht, kann den eigenen Hafen anfahren – es sei denn, Schnee und Eis erlauben es nicht“, gibt uns die Dame an der Rezeption des Hotels Hitthim mit auf den Weg.
Hiddensee wurde schon in der mittleren und jüngeren Steinzeit besiedelt. Nachdem die Germanen im 6. Jahrhundert n. Chr. den südlichen Ostseeraum verlassen hatten, nahmen die Slawen ihre Stellung ein. Sie wurde 1168 von König Waldemar I. von Dänemark besiegt und christianisiert. Nach den Urkunden wurde die Insel Hiddensee am 13. April 1296 dem Kloster Neuenkamp geschenkt und es entstand eine Zisterzienserabtei namens Nikolaikamp, benannt nach dem Heiligen Nikolaus als dem Schutzpatron der Seefahrer. 1332 erfolgte die Weihe der Inselkirche, aber außerhalb der Klostermauern und ausschließlich für die Bauern und Fischer der Insel, im heutigen Ortsteil Kloster. So wie ganz Vorpommern befand sich Hiddensee als Folge des 30jährigen Krieges in den Jahren von 1648 bis 1815 unter schwedischer Verwaltung. Ab 1815 gehörte Hiddensee mit Vorpommern bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges zu Preußen. Im Mai 1945 besetzten die Russen Hiddensee. Eine regelrechte Fluchtwelle von einigen Hoteliers in den Westen gab es 1953, die auch zu Verhaftungen führte. Nach dieser Aktion fand die Verstaatlichung von Hotels auf der Insel statt. "Befreiung und neuen wirtschaftlichen Aufschwung gab es erst wieder nach dem Mauerfall“, sagte uns der Fischer in Vitte - was die jährlich über 60 000 Übernachtungsgäste auch in den kommenden Jahren Sommers wie Winters garantieren ….
Weitere Informationen zur Insel Hiddensee finden sie unter hiddensee.de


