20 Jahre Mauerfall Den Stein ins Rollen gebracht

Bei der ersten friedlichen Großdemonstration im Herbst 1989 marschierten Handwerker in Plauen in der ersten Reihe. Von Ulrich Steudel

Den Stein ins Rollen gebracht

Zorn ist die Voraussetzung für Mut. Im Herbst 1989 bewahrheitet sich einmal mehr, was Thomas von Aquin schon im 13. Jahrhundert wusste. Zu Zehntausenden strömen die Bewohner der DDR auf die Straßen, um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen. Ohne Gewalt heißt ihre Devise, aber wie wird die Staatsmacht reagieren? Doch der Mut der Menschen übersteigt ihre Angst.

Es ist der 7. Oktober, ein regnerischer Sonnabend in Plauen. Am 40. Jahrestag der Republik ist nur wenigen Vogtländern zum Feiern zumute, trotzdem strömen die Leute in die Innenstadt. Siegmar Wolf denkt an seinen Bruder, den er vor zwei Wochen nach Prag gefahren hat und der sicher schon im Westen ist. Er denkt an die Züge, die vor kurzem mit den Botschaftsflüchtlingen durch Plauen rollten, an die vielen weißen Bänder an den Autoantennen, die geheimen Zeichen der Ausreisewilligen. Er denkt an den schleichenden Verfall seiner Heimatstadt, an die Materialengpässe, mit denen er als selbstständiger Klempnermeister zu kämpfen hat.

Unter seiner Jacke verbirgt der 30-Jährige ein Plakat. "Für Reformen und Reisefreiheit, gegen Massenflucht, vor allem Frieden" hat er am Abend zuvor heimlich auf das weiße Tuch geschrieben, um seine schwangere Frau nicht zu beunruhigen. Und plötzlich kann jeder es lesen. Siegmar Wolf reckt sein Transparent in die Höhe. Das hat sich bis dahin noch niemand getraut.

Wasserwerfer auf Rückzug

Wolfgang Sachs kann sich noch gut an die Szene erinnern, weil er ganz in der Nähe stand. Der Obermeister der Elektroinnung Plauen war damals ebenfalls dem Aufruf zur Protestdemonstration gefolgt. "Wir hatten mit ein paar hundert Leuten gerechnet, aber es kamen 15.000", erinnert sich Sachs, der wie alle anderen erst später erfuhr, mit welchen Konsequenzen die "Störenfriede" des staatlichen Feiertages zu rechnen hatten. So waren die Ärzte der umliegenden Krankenhäuser angwiesen, sich auf viele Verletzte vorzubereiten. Doch anders als bei den vorangegangenen Protesten in Dresden oder Leipzig schritten die Machthaber in Plauen nur zaghaft ein. Das zum Wasserwerfer umfunktionierte Löschfahrzeug der Feuerwehr wurde nach kurzem Einsatz abgezogen, der Polizeihubschrauber drehte ab. "Es war die erste friedliche Großdemonstration im Herbst 1989 auf dem Gebiet der DDR. Leider standen bei uns keine Kameras wie zwei Tage später in Leipzig", betont Wolfgang Sachs, der deshalb knapp zwei Jahrzehnte später wieder die Initiative ergriff. Damit der Plauener Bürgermut nicht in Vergessenheit gerät, soll ein Denkmal daran erinnern. Am 7. Oktober dieses Jahres, als Bundespräsident Horst Köhler die "Spitzenstadt" im Vogtland besuchte, wurde der Grundstein dafür gelegt.

Wahlbetrug aufgedeckt

Für sein Plakat musste sich Siegmar Wolf seinerzeit nicht verantworten. Trotzdem war auch er längst ins Visier der Staatssicherheit geraten. Zusammen mit rund 60 Gleichgesinnten war er bei der Kommunalwahl im Frühjahr 1989 dem vermuteten Wahlbetrug auf die Spur gekommen. Anders als nach offiziellen Angaben hatten mindestens 20 Prozent der Wähler mit "nein" gestimmt. "Natürlich hatten wir Angst, als wir in einer Staatsratseingabe die Wahlfälschung anprangerten, aber die Gemeinschaft hat uns gestärkt", erinnert sich Goldschmiedemeister Steffen Kollwitz, der später zu den Mitbegründern des Neuen Forums in Plauen gehörte und von 1994 bis 1999 für die Grünen im Stadtrat saß. Die Eingabe der Plauener wurde abgewiegelt. Die Wahl sei in Ordnung gewesen, die Unterlagen seien vernichtet worden.

Unter den Beteiligten wächst der Zorn, unter dem Dach der Markus-Kirche die Opposition. Die Gruppe "Umdenken durch nachdenken" – unter ihnen Steffen Kollwitz und Siegmar Wolf – diskutiert Reformen. In den Stasiakten wird sich die Gruppe unter dem Decknamen "Lunte" wiederfinden. Es klingt wie eine Vorahnung. Am 5. Oktober strömen 1.500 Menschen zur Markus-Kirche, so dass die Friedensandacht wiederholt werden muss, weil der Platz nicht ausreicht. Zwei Tage später protestieren schon zehnmal so viele Plauener gegen die Bevormundung durch den Staat. Dass das Pulverfass nicht explodiert, ist ein Verdienst der Demonstranten.

Erinnern auf Eigeninitiative

Nahezu 20 Jahre später übt sich ein wiedervereinigtes Volk in Erinnerungskultur. Mit großzügiger Unterstützung aus dem Bundeshaushalt sollen in Berlin und Leipzig Denkmale für die friedliche Revolution von 1989 entstehen. Plauen fühlt sich vergessen. Eine entsprechende Eingabe an Bundespräsident Norbert Lammert findet kein Gehör. "Dann müssen wir eben selbst die Initiative ergreifen", sagt sich Wolfgang Sachs.

Im Lions Club rührt der Elektromeister die Werbetrommel, gewinnt die anderen Serviceclubs und übernimmt die Leitung der Gemeinschaftsaktion Denkmal. Bei einem Kolloquium mit Zeitzeugen werden neun Künstler aus der Region für das Thema sensibilisiert. Aus den 14 Entwürfen wählt eine Jury den Favoriten, doch das Plauener Volk fühlt sich bevormundet – also darf es mitentscheiden. 2.849 anonyme Meinungsbogen gaben nach einer Ausstellung im Rathaus schließlich den Ausschlag für die symbolsierte Kerze des Künstlers Peter Luban. Die 60.000 Euro für das Mahnmal will der Freistaat Sachsen mit 47 Prozent bezuschussen, der Rest muss sich aus Spenden finanzieren.

Plauen bleibt auf den Beinen

Insgesamt 22 Demonstrationen zogen ab Herbst 1989 bis ins Frühjahr 1990 Sonnabend für Sonnabend durch Plauen. Waren zu Beginn die Volkspolizisten noch im Gleichschritt aufmarschiert und hatten mit den Knüppeln auf ihre Schilder geklopft, um die Menge einzuschüchtern, so fuhr schon eine Woche später ein Streifenwagen der Polizei dem Protestmarsch voraus, als würde es sich um einen Festumzug zum Stadtjubiläum handeln. "Am 18. März 1990 waren noch einmal zwischen 15.000 und 20.000 Plauener auf den Beinen. Es herrschte Volksfeststimmung", blickt Wolfgang Sachs zurück.

Die Euphorie von damals ist längst verflogen. Der ostdeutsche Alltag taugt nicht zur Jubelarie, auch nicht im Vogtland, wo Siegmar Wolfs SHK-Betrieb inzwischen von 17 auf vier Beschäftigte geschrumpft ist und der Elektroinnung unter Obermeister Wolfgang Sachs von 76 noch 33 Betriebe geblieben sind. Doch den Geist für zivilen Ungehorsam haben sich die Plauener bewahrt. Nicht einmal, mit welchem Kunstwerk an ihren Beitrag zur friedlichen Revolution gedacht werden soll, wollen sie sich vorschreiben lassen – ein Akt der Demokratie von unten.


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