Verteidiger Busch kritisiert im Plädoyer Gericht und Staatsanwaltschaft Demjanjuk als "Justizopfer" dargestellt

Ulrich Busch, der Verteidiger des der Beihilfe zum zigtausendfachen Mord angeklagten John Demjanjuk, lässt keinen Zweifel daran, was er vom Prozess gegen seinen Mandanten hält. Es ist eine Vielzahl von Vorwürfen mit denen er am Dienstag zu Beginn seines Plädoyers das ganze Justizsystem überzieht

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Demjanjuk als "Justizopfer" dargestellt

München (dapd). Ulrich Busch, der Verteidiger des der Beihilfe zum zigtausendfachen Mord angeklagten John Demjanjuk, lässt keinen Zweifel daran, was er vom Prozess gegen seinen Mandanten hält. Es ist eine Vielzahl von Vorwürfen mit denen er am Dienstag zu Beginn seines Plädoyers das ganze Justizsystem überzieht. Als Opfer stellt er dabei vor allem seinen 91-jährigen Mandanten dar - und ein bisschen auch sich selbst.

Hunderte Anträge hat Busch im Verlauf des Prozesses bereits gestellt, der am Dienstag in seinen 88. Verhandlungstag geht. Die wenigsten wurden positiv beschieden, wie er selbst immer wieder beklagt. Auch in seinem Plädoyer kritisiert er erneut, dass Zeugen, die er hatte hören und Dokumente, die er hatte einführen wollen, nicht herangezogen worden seien. Deswegen hatte sein schwerkranker Mandant zwischenzeitlich sogar mit einem Hungerstreik gedroht, zu dem es dann aber doch nie gekommen war. Auch dass ihm im Prozess von Richter Ralph Alt zwischenzeitlich das Wort entzogen worden war, beklagt Busch immer wieder.

Der ganze Prozess, so sagt der Verteidiger am Dienstag, beruhe auf dem Verschweigen der Wahrheit. Schließlich habe es bereits drei "materielle Freisprüche" in Israel, Deutschland und Polen gegeben, sagt er. Unter anderem habe die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen 2003 befunden, dass sich kein individueller Tatvorwurf gegen Demjanjuk ergebe. Dies sei im Prozess aber nicht berücksichtigt worden. "Nur die als kaputte Schallplatte bezeichnete Verteidigung ist nicht müde geworden auf diese Freisprüche hinzuweisen." Allerdings meint damit Busch damit nur sich selbst - sein Co-Verteidiger Günther Maull, agierte im Prozess bei weitem weniger emotional.

Nebenklagevertreter Cornelius Nestler hält wenig von dem, was Busch vorträgt. Schon zu Beginn des Plädoyers wirft er ihm in einem Zwischenruf "juristischen Blindflug" vor. Und betont später am Rande des Prozesses, dass es den von Busch verwendeten Ausdruck des "materiellen Freispruchs" gar nicht gebe. "Das schwierige an der Argumentation von Herrn Busch ist, dass er immer solche Sprechblasen in die Welt setzt." Und dann müsse man minutenlang erklären, warum sie nichts bedeuteten.

Für Busch stellt sich all das anders dar. "John Demjanjuk ist bereits vor einem Urteil in der Bundesrepublik - gleichgültig ob Freispruch oder Verurteilung - deutsches Justizopfer", sagt er. Schließlich werde Demjanjuk nun, nachdem er - weg von seiner Familie - aus den USA nach Deutschland gebracht worden sei, nach dem Prozess entweder hinter den Mauern eines Gefängnisses oder eines Altenheims einsam dahinsiechen und sterben.

Und nicht nur die deutsche Justiz, auch die in den USA und Israel hat sich nach Ansicht Buschs an seinem Mandanten versündigt. Er sieht eine 40 Jahre währende Verfolgung Demjanjuks, ein wahres "Kesseltreiben". Dass dieser in Israel wegen eines falschen Vorwurfs in die Todeszelle gekommen sei, obwohl Staatsanwälte von seiner Unschuld gewusst hätten. Von einem Mordversuch spricht er in diesem Zusammenhang, von Folter durch das Sitzen in der Todeszelle.

Demjanjuk soll der Anklage zufolge von März bis September 1943 Hilfswachmann im deutschen Vernichtungslager Sobibór in Polen gewesen sein. In dieser Zeit soll er dort Beihilfe zum Mord an mindestens 27.900 Menschen geleistet haben. Die Münchner Staatsanwaltschaft hat eine Haftstrafe von sechs Jahren gefordert, einige der Nebenkläger verlangen die Höchststrafe von 15 Jahren.

Busch bezeichnet seinen Mandanten immer wieder als kleinsten der kleinen Fische oder kleinstes der kleinen Rädchen. "Wie kein anderer" habe Demjanjuk "für seine angeblichen Taten" bereits bezahlt. "Wer fünf Jahre unschuldig in einer Todeszelle gesessen hat, hat sicher alles, was er in seinem Leben davor begangen hat, gebüßt."

Der eigentlich Schuldige ist nach Ansicht Buschs Deutschland. Es sei für die Konzentrationslager und das was darin geschehen sei, verantwortlich. Drei, wenn nicht sogar vier Tage will Busch für sein Plädoyer aufwenden. Wobei schon am ersten Tag mehrere Zuschauer im Publikum einnickten. Anders will Pflichtverteidiger Maull das Ende des Prozesses angehen: "Ich brauche nicht lang", sagte er am Rande der Verhandlung über seinen Plädoyer-Zeitplan: "Wenn's viel wird 'ne Stunde."

dapd