Leitartikel Dem Mittelstand sei Dank

Stellen Sie sich vor, es ist Krise und keiner geht hin. Obwohl uns die Finanz- und Schuldenkrisen in Europa und den USA schon seit geraumer Zeit bedrohen, spüren viele in Deutschland nichts. Denn Finanzmarktkrise ist das eine, Realwirtschaft das andere. Zum Glück.

Burkhard Riering

Das sind die Fakten Deutschland 2011: Die deutsche Wirtschaft wächst um starke drei Prozent, das Handwerk legt sogar um rekordverdächtige sechs Prozent zu. Die Arbeitslosigkeit ist im vergangenen Monat auf den tiefsten Wert eines Novembers seit 1991 gesunken, die Zahl der Insolvenzen von Betrieben und Privatpersonen schrumpft immer weiter. Krise hin oder her: Es sind regelrechte Boomzeiten in vielen Branchen wie dem Bausektor oder der Automobilindustrie.

Den ach so sorgenvollen Krisen-Hysterikern sei also gesagt: Ruhe bewahren. Viele Bürger können das Wort Krise schon nicht mehr hören, hat eine Studie jüngst ergeben. Es herrscht Krisenverdrossenheit hierzulande.
Warum läuft es so gut, obwohl doch alles so schlimm sein soll? Die Antwort liegt zu einem Gutteil im deutschen Mittelstand begründet. Die Millionen Unternehmen und Betriebe des Mittelstands sind Garant für Wachstum, Innovation und Arbeitsplätze. Substanz ist ihnen wichtiger als waghalsige Geschäfte. Das Re-Investieren der Gewinne ins eigene Unternehmen ist ihnen lieber als der schnelle Reibach. Ein Verantwortungsgefühl als Arbeitgeber für die Mitarbeiter ist ihnen zu eigen.

Auch wenn das Loblied auf den Mittelstand schon so oft gesungen wurde und vielleicht auch etwas pauschal klingt: So richtig und wichtig wie heute war es selten. Gerade in einer Zeit, in der die freie Wirtschaftsordnung und ihre Akteure immer wieder infrage gestellt werden, ist es umso entscheidender, auf die Erfolge des Mittelstands für die ganze Gesellschaft zu verweisen. Denn Marktwirtschaft ist für manche bloß kurzsichtiges Gewinnstreben, unsolidarisches Verhalten und Renditemaximierung. Soziale Marktwirtschaft aber krankt daran sicher nicht. Der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, sagte einmal: "Der Mittelstand ist das Gesündeste, was Deutschland zu bieten hat." Sein Wort gilt bis heute.

Bitte keine Steuergeschenke mehr!

Die Politik ist in einer Marktwirtschaft dazu da, die Rahmenbedingungen zu setzen, damit es weiter so gut läuft. Um auch im kommenden Jahr Wirtschaftswachstum zu erreichen, verschuldet sich Deutschland weiter. Das ist eine der Maßnahmen der Bundesregierung und angesichts der Haushaltslage mutig, vielleicht sogar fahrlässig. Für die Jahre danach sind zudem kleine Steuererleichterungen vereinbart. Auch wenn dies die Bürger nicht gern hören: Bitte keine Steuergeschenke mehr, sondern nur noch solche Steuerentlastungen, die wirklich Sinn ergeben und Ungerechtigkeiten ausmerzen. Der Schuldenberg der Bundesrepublik muss kleiner werden, das ist Voraussetzung für ein gesundes Land, siehe Griechenland oder Italien.

Wenn es obendrein die Politik international auch noch schafft, Ruhe in die Eurozone zu bekommen und das Finanzsystem ohne dicke Blessuren durch die Krise kommt, wäre das Schlimmste überstanden. Ob 2012 ein solches Erfolgsjahr werden kann?

Eine "normale" Abkühlung der Konjunktur wird den Deutschen für das kommende Jahr vorhergesagt, und das ist kein Beinbruch. Ein Prozent Wachstum wären im internationalen Vergleich sogar beeindruckend. Sollte sich „die Krise“ jedoch verschärfen und ihren Aggregatzustand verändern, würde aus der abstrakten Bedrohung der Staatsschuldenkrise am Ende doch noch ein realer Abschwung der Wirtschaft. Das muss verhindert werden, mit allen Mitteln. Und das dauert. Deswegen werden wir wohl oder übel mit dem Wort Krise weiterleben müssen auch wenn die Wirtschaft noch so gut läuft.