"Es fehlt der Bezug zur Basis" Das wünschen sich Handwerker von der Europapolitik

Bürokratieabbau, mehr Transparenz, schnellere Verfahren: Handwerkerinnen und Handwerker berichten, was aus ihrer Sicht bei der Europapolitik falsch läuft – und was sie sich von den neuen EU-Abgeordneten erhoffen.

Wasserfarben-Illustration der Europäischen Flagge.
Steuerentlastungen, weniger Bürokratie, mehr Berücksichtigung der Belange kleiner und mittlerer Unternehmen: Das wünschen sich Handwerkerinnen und Handwerker vor der Europawahl am 9. Juni 2024. - © undrey - stock.adobe.com
Anne-Christin Eule, Geschäftsführerin Hermann Eule Orgelbau GmbH in Bautzen auf dem EU-Parlament der Unternehmer.
Anne-Christin Eule, Geschäftsführerin Hermann Eule Orgelbau GmbH in Bautzen, nahm am 6. Europäische Parlament der Unternehmen teil. - © ZDH

Was können die EU-Politiker gegen Fachkräftemangel, Bürokratie und Co. tun? Im November 2023 trafen sich Unternehmer aus der gesamten EU in Brüssel, um diese Fragen in einer nachgestellten Plenarsitzung des Europäischen Parlaments zu diskutieren. Mit dabei waren auch Teilnehmer aus dem Handwerk. Was ihrer Meinung nach für eine starke EU-Politik nötig ist:

"Es fehlt der Bezug zur Basis"

Anne-Christin Eule, Orgelbauerin aus Bautzen:

"Die EU ist ganz wichtig für unser Wirtschaften, aber auch für unser privates Leben. Und was wir dank ihr auch haben, ist die Stärke, uns zu verteidigen. Das ist ja im Moment ein großes Thema. Wir lesen viel über Entscheidungen zu den Kriegen in der Ukraine und im Gazastreifen. Und natürlich beschäftigt uns das. Aber da sind wir beim großen Ganzen. Das Kleine sind Themen wie das hohe Steueraufkommen und immer mehr Bürokratie. Hier kommt das Handwerk nicht hinterher. Den EU-Politikern aber fehlt aktuell der Bezug zur Basis, habe ich das Gefühl. Da machen Menschen Gesetze, die eigentlich keine Ahnung haben, von dem, was sie tun. Es werden Entscheidungen getroffen, die nicht ausreichend durchdacht sind und zur Verunsicherung führen. Ich würde mir wünschen, hier mehr mit einbezogen zu werden. Überhaupt glaube ich, dass viele Menschen gar nicht wissen, was die EU und das EU-Parlament eigentlich machen. Das wäre neben weniger Bürokratie und dringend nötiger Steuerentlastungen ein zweiter Punkt, den ich mir wünsche: Mehr Transparenz in die Arbeit der EU."

"In der EU hat sich viel getan"

Carola Greiner-Bezdeka, Elek­troinstallateurmeisterin aus Lichtenau war ebenfalls Teilnehmerin einer nachgestellten Plenarsitzung des Europäischen Parlaments in Brüssel. - © ZDH

Carola Greiner-Bezdeka, Elek­troinstallateurmeisterin aus Lichtenau:

"Ich finde es bemerkenswert, dass es gelungen ist, einstimmig neue Finanzhilfen für die Ukraine auf den Weg zu bringen. Ebenso, dass das EU-Parlament mit dem 'AI-Act' das erste KI-Gesetz der Welt beschlossen hat. In der EU hat sich viel getan und ich bewundere die Arbeit, die die Politiker in Brüssel machen. Allerdings hat sich auch ein enormer Wasserkopf gebildet. Die Distanz zur Entbürokratisierung wird meines Erachtens nicht geringer, sondern die Hürden werden größer. Das Lieferkettengesetz ist ein Negativbeispiel für bürokratische Exzesse: Obwohl unsere Betriebe diesem Gesetz eigentlich gar nicht unterliegen, hat die damit einhergehende Bürokratie inzwischen auch das Handwerk erreicht. Große Unternehmen geben ihre Verpflichtungen ohne Rücksicht eins zu eins weiter. Normale Handwerksbetriebe sehen sich teilweise mit bis zu 85-seitigen Fragebögen konfrontiert. Ohne spezielle Fachabteilungen können sie diese nicht beantworten. Die bürokratischen Lasten kleiner und mittlerer Unternehmen müssen dringend reduziert werden. Die Interessen der Betriebe gehören von Anfang an in den Fokus."

Peter Huber, vereidigter Sachverständiger für Rollladen und Sonnenschutz
aus Wasserburg am Inn. - © privat

"Es dauert alles viel zu lang"

Peter Huber, Meister für Rollladen- und Jalousiebau aus Wasserburg am Inn:

"Die Bürokratie ist ein Thema, das mich ärgert. Egal, in welche Richtung man etwas plant, es braucht ständig Formulare und alles muss dokumentiert werden. Schauen Sie sich nur mal die vielen Vorschriften im Bereich Bau und die mühsamen Genehmigungsverfahren an. Zwar hat die EU den Bürokratieabbau in Form des 'Small Business Acts' angepackt. Allerdings geht mir dieser nicht ausreichend genug auf die kleinen und mittleren Unternehmen ein. Trotzdem bin ich froh, dass wir die EU haben und das von vorne etwas angeschoben wird. Bis Deutschland ein Gesetz umgesetzt hat und es endlich bei den Unternehmern ankommt, vergeht aber viel zu viel Zeit. Das zeigt sich auch beim Fachkräftemangel; ein Problem, das viele kleine und mittlere Unternehmen betrifft. Die EU hat auch hier verschiedene Maßnahmen und Initiativen entwickelt, um die Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften zu verbessern. Diese Maßnahmen sollen ebenfalls in Deutschland umgesetzt werden. Allerdings merkt man hiervon noch nicht viel. Genauso wie beim Bürokratieabbau bin ich auch hier der Meinung: Es muss etwas passieren. Aber es dauert mir alles viel zu lang."