Ablenkung im Straßenverkehr Das Smartphone als Unfallrisiko

300.000 der 2,4 Millionen Unfälle jährlich gehen auf das Konto internetfähiger Handys, schätzt Verkehrsforscher Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen. Besonders das Schreiben oder Lesen von Whats-App- oder SMS-Nachrichten am Steuer ist ein großes Problem.

Hans-Robert Richarz

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Es geschah in einer langgestreckten Rechtskurve im Bergischen Land, östlich von Köln im Frühjahr und bei strahlendem Wetter. Ein VW Golf zog plötzlich nach links und knallte frontal in einen Lastwagen. Der junge Pkw-Fahrer hatte keine Chance. Er starb noch am Unfallort. Überlebt hatte nur sein Mobiltelefon. Auf dessen Display las die Polizei später den nicht vollendeten Satz: „Komme etwas sp....“. Offenbar hatte der Crash das Schreiben der SMS abrupt beendet.

Glücklicherweise enden Unfälle mit ähnlicher Ursache nicht immer so schrecklich. Aber viele Unfälle würden ohne Smartphones nicht passieren. Laut ADAC spiele bei jedem zehnten Verkehrsunfall Ablenkung inzwischen eine entscheidende Rolle.

Facebook beeinflusst das Unfallgeschehen

US-Studien lassen nach Angaben des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) in Bonn den Schluss zu, dass das Schreiben oder Lesen von Textnachrichten beim Autofahren das Unfallrisiko um mehr als das 20-Fache erhöht, Telefonieren „nur“ um das Sechsfache. Gefährdet sind vor allem junge Fahrer, die es gewohnt sind, über soziale Medien wie Whats App, Twitter oder Facebook zu kommunizieren.

Unfallursachen durch fehlende Konzentration auf den Verkehr sind vielfältig: Längst geht es um mehr als die Nutzung von Mobiltelefonen und Navigationsgeräten im Pkw. Auch Ablenkung zu Fuß und auf dem Fahrrad, etwa durch Kopfhörer oder Smartphones, beeinflusst das Unfallgeschehen.

Fällt das Mobilfunknetz aus, gibt es weniger Unfälle

Welche Möglichkeiten bieten also Verkehrsrecht, Fahrerassistenzsysteme und Automatisierung? Welche weiteren Wege der Verhaltensbeeinflussung gibt es? Zur Diskussion rund um diese Fragen hatte der Deutsche Verkehrssicherheitsrat eine Runde ausgewiesener Experten nach Bonn. Titel des Kolloquiums: „Ablenkung im Straßenverkehr – Probleme und Lösungen“. Fazit: Das Smartphone lenkt am stärksten ab.

Dazu schilderte Ulrich Klaus Becker, Vizepräsident für Verkehr beim ADAC, ein krasses Beispiel. Als im Emirat Abu Dhabi am Persischen Golf kürzlich das Mobilfunknetz für zwei Wochen seinen Geist aufgab, verzeichnete die Polizei zur gleichen Zeit einen Rückgang der Verkehrsunfälle um die Hälfte. Mark Vollrath von der Technischen Universität Braunschweig erklärte, warum: „Texte am Steuer lesen oder schreiben erhöht das Risiko stärker als Alkohol.“

Ein Telefonat wirkt wie 0,8 Promille

Ein einfaches Telefonat oder die Suche nach einer MP3-Datei in der Musikanlage entspräche etwa 0,8 Promille, eine SMS schreiben sogar 1,1 Promille, was gleichbedeutend mit absoluter Fahruntüchtigkeit ist und vor Gericht als Straftat gilt.

Wer bei Tempo 50 nur zwei Sekunden den Blick von der Fahrbahn abwendet, legt knapp 30 Meter im „Blindflug“ zurück. Bei Tempo 130 sind es schon 72 Meter. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) fordert deshalb, dass der Gesetzgeber klar festlegt, wann der Blick aufs Smartphone erlaubt ist, und wann er tabu sein muss.

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Doch der Begriff „Ablenkung“ – ob durch Telefon oder andere Dinge – fehlt als eintragungsfähige Unfallursache auf den Formularen, die von der Polizei bei der Unfallaufnahme ausgefüllt werden müssen, beklagte Dieter Müller von der Hochschule der Sächsischen Polizei in Bautzen beim DVR-Kolloquium: „Die Straßenverkehrsordnung ist nicht mehr zeitgemäß. Das Statistische Bundesamt arbeitet auf der Basis von Verzeichnissen, die 1975 aufgestellt wurden.“

Immer dann, wenn die Polizisten nicht weiterwissen, so Müller, kreuzen sie Punkt 49 (andere Fehler beim Fahrzeugführer) oder 89 (sonstige Ursachen) an. So habe die Zahl der Unfälle mit ungeklärter Unfallursache zwischen 2008 und 2013 um 56 Prozent zugenommen, vermutlich gebe es einen Zusammenhang zur steigenden Zahl von Smartphone-Nutzern.

60 Euro und ein Punkt in Flensburg

Dabei gaben in einer Studie der Allianz-Versicherung schon vor vier Jahren 30 Prozent der Befragten zu, sie würden ab und an beim Fahren Handy-Nachrichten lesen. 20 Prozent sagten, sie würden auch schreiben. Bei den 18- bis 24-Jährigen lagen die Zahlen noch höher.

60 Euro und einen Punkt im Verkehrsregister kostet der Griff zum Handy im Auto. Trotzdem sind einer Dekra-Studie zufolge ständig drei Prozent aller Autofahrer von ihren digitalen Geräten abgelenkt.

Wie oft der Gebrauch von Smartphones tatsächlich Unfallursache ist, darüber gibt es kaum Erkenntnisse. Dieses Jahr wurden beim Kraftfahrtbundesamt in Flensburg bis jetzt 384.000 Verstöße gegen das beim Fahren geltende Nutzungsverbot von Mobiltelefonen auf den Punktekonten registriert. „Die Dunkelziffer ist aber enorm hoch“, heißt es. Experten vermuteten 1,3 Milliarden Handyverstöße in Deutschland. Und rund zehn Prozent aller Unfälle haben eine ungeklärte Ursache – Tendenz steigend.

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