Demografischer Wandel, Fachkräftemangel und sinkende Schulabgängerzahlen sind zentrale Themen, die derzeit auf der Agenda von Politik und Wirtschaft stehen. Auch Handwerksbetriebe müssen sich damit auseinandersetzen. Im Interview dazu ist Eugen Straubinger, Vorsitzender des Bundesverbandes für Berufsschullehrer.
Karin Birk

DHZ: Herr Straubinger, Sie sind seit kurzem neuer Vorsitzender des Bundesverbandes der Lehrer und Lehrerinnen an beruflichen Schulen. Was steht ganz oben auf Ihrer Agenda?
Straubinger: An oberster Stelle steht für mich das Thema demografischer Wandel und Fachkräftesicherung. Das heißt für mich, dass wir die Zusammenarbeit zwischen beruflichen Schulen und dualen Partnern weiter intensivieren müssen. Nur so können wir den Fachkräftemangel abfangen oder zumindest abmildern.
DHZ: Haben Sie dafür die nötige Rückendeckung der Politik?
Straubinger: Viele Politiker loben das duale System. Selbst Barack Obama pries in seiner Rede zur Lage der Nation die duale Ausbildung. Gleichwohl habe ich nicht den Eindruck, dass Berufsschulen hierzulande von Politik und Wirtschaft als ebenbürtige Partner angesehen und entsprechend unterstützt wurden.
DHZ: Was heißt das für die Zukunft? Was heißt das angesichts des demografischen Wandels?
Straubinger: Tatsache ist, dass die Zahl der nicht studienberechtigten Schüler bis 2020 weiter deutlich zurückgeht. Insbesondere auf dem Land wird es damit immer schwieriger, dauerhaft Klassen mit mehr als 16 Schülern zusammenzustellen. Gelingt dies aber nicht, müssen die Berufsschüler deutlich weiter als bisher zur Berufsschule fahren. Gerade die Jüngeren werden das nicht alle wollen. Wenn es für Betriebe nicht noch schwerer werden soll, Nachwuchs zu finden, brauchen wir entweder kleinere Klassen oder Blockunterricht und finanzielle Unterstützung für Fahrgeld oder Unterbringung.
Seite 2: Das Reservoir an Nachwuchskräften wird kleiner
DHZ: Zur Fachkräftesicherung will die Politik auch älteren Bewerbern eine zweite Chance geben. Was heißt das für Berufsschulen, sind sie darauf eingerichtet?
Straubinger: Ich begrüße die Idee ausdrücklich. Warum sollen nicht auch Ältere einen Beruf erlernen und die Schulbank drücken. Wir haben auch früher Umschüler gehabt. Schon heute sind viele Klassen an Berufsschulen sehr heterogen. Vom Förderschüler bis zum Abiturienten, vom 16 bis 23 Jahre alten Schüler ist oft alles dabei. Viele Berufsschullehrer stellen sich seit Jahren auf diese Unterschiede ein. Wir haben Berufsschulklassen mit 21 Schülern aus 21 Nationen. Auch damit haben wir gelernt umzugehen. Darin liegt eine Leistung, die nicht zu unterschätzen ist.
DHZ: Von vielen Handwerksbetrieben wird die mangelnde Ausbildungsreife der Jugendlichen beklagt. Woran liegt es?
Straubinger: Seit 30 Jahren bin ich Berufsschullehrer, seit 30 Jahren höre ich diese Klage. Dabei hat sich die Situation völlig geändert. Während früher knapp die Hälfte aller Schüler eines Jahrgangs auf die Hauptschule ging, sind es heute gerade noch 28 Prozent. Das Reservoir, aus dem Betriebe heute ihren Nachwuchs fischen, wird nicht nur kleiner, sondern auch schwächer. Wir versuchen heute, Leute ins System zu bringen, um die sich früher keiner bemüht hätte. Auch deshalb müssen Schule, Betriebe und – wenn möglich – Elternhäuser noch enger zusammenspielen.
DHZ: Was wünschen Sie sich in der Zusammenarbeit mit Handwerksbetrieben und ihren Organisationen vor Ort?
Straubinger: Das Handwerk muss rechtzeitig auf die Schüler zugehen. Ich kenne Betriebe oder Innungsvertreter, die schon in Klasse 8 den Kontakt zu Schulen suchen. Sie informieren Schüler und Eltern über Berufe, Arbeitsbedingungen und Chancen. Sie bieten Praktikumsplätze an und bilden ihre Lehrlinge sehr gut aus. Es muss für Schüler klar sein, dass sie als Handwerker einmal einen Betrieb übernehmen können. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie wichtig es ist, dass Berufschullehrer und Innungsobermeister ihr Jahresprogramm abstimmen. Ich kann nur alle ermuntern, aufeinander zuzugehen.