Interview mit dem Präsidenten des Deutschen Brauer-Bundes, Hans-Georg Eils, über das Reinheitsgebot und Chancen für Brauereien auf einem schrumpfenden Biermarkt.
Frank Muck

DHZ: Herr Dr. Eils, welche Biersorte trinken Sie am liebsten?
Eils: Ich genieße natürlich sehr die Produkte meines eigenen Hauses, besonders unser Karlsberg UrPils. Es gibt aber eine ungeschriebene Regel unter Brauern: Trinke immer auch das Bier des Ortes, an dem Du gerade bist. Deutschland hat ja eine wunderbare Biervielfalt.
DHZ: Würden Sie denn ein Bier trinken, das mehr als nur Gerste, Hopfen, Hefe und Wasser enthält?
Eils: Klar! Ich bin beruflich oft in Frankreich und Belgien, wo Biere zum Beispiel mit Früchten eine lange Tradition haben. Aber eigentlich braucht man als Brauer keine Früchte, um zum Beispiel ein Citrus-Bouquet ins Bier zu zaubern. Dank neuer, hoch aromatischer Hopfensorten und einer großen Auswahl an Malzsorten und Hefestämmen sind innerhalb des Reinheitsgebotes über eine Million verschiedener Biere möglich.
"Mit der klaren Absage an künstliche Zusatzstoffe ist das Reinheitsgebot heute aktueller denn je."
DHZ: Viele Brauer zweifeln inzwischen an der Notwendigkeit des Reinheitsgebots. Es sei nicht mehr zeitgemäß und behindere die Kreativität. Schon jetzt sind Lebensmittelzusatzstoffe im Bier erlaubt, wie etwa Polyvinylpolypyrrolidon (PVPP) oder laut EU-Recht auch künstliche Zusatzstoffe. Warum kippen wir dann nicht das Reinheitsgebot und lassen den Verbraucher entscheiden?
Eils: Moment mal! PVPP ist weder eine Zutat noch ein Zusatzstoff. Es wird bei einem Verfahren zur Filtration auf rein mechanischer Basis eingesetzt. Künstliche Zusatzstoffe sind durch das Reinheitsgebot kategorisch ausgeschlossen. Das ist nämlich der Kern des Reinheitsgebotes: Im Unterschied zu Brauereien im Ausland dürfen deutsche Brauereien bis heute keine künstlichen Aromen, keine Farbstoffe, keine Stabilisatoren, keine Enzyme, keine Emulgatoren und auch keine Konservierungsstoffe verwenden. Das Bierbrauen ist dadurch deutlich anspruchsvoller. Als Brauer muss man die Kunst beherrschen, allein mit vier natürlichen Zutaten zu arbeiten. Dies bedarf eines hohen brautechnologischen Know-hows. Ich bin überzeugt: Mit der klaren Absage an künstliche Zusatzstoffe ist das Reinheitsgebot heute aktueller denn je. Aus Umfragen wissen wir, dass sich rund 85 Prozent der Menschen in Deutschland für den Erhalt des Reinheitsgebots aussprechen. Das ist ein starkes Signal.
"Viele deutsche Brauereien können im Exportgeschäft zulegen."
DHZ: Die Zahl der vor allem kleinen Brauereien mit Craft-Bieren ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Die Nachfrage nach dem Besonderen steigt. Birgt das langfristig nicht die Möglichkeit, den Bierabsatz wieder zu erhöhen?
Eils: Der Deutsche Brauer-Bund sieht den Trend zu Craftbieren und Spezialitäten als Bereicherung. Viele unserer Mitgliedsbrauereien – kleine, mittlere wie große Betriebe – sind erfolgreich in diesem Segment unterwegs, zum Teil schon seit vielen Jahren. Wir stehen in Deutschland und Europa am Beginn einer Entwicklung, von der alle Brauer profitieren: Sie gibt den Brauereien die Chance, Braukunst, Braukultur und Biervielfalt wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken.
DHZ: In den vergangenen Jahren mussten, wenn überhaupt, vor allem mittelständische Brauereien schließen. Woran lag das und was sollten Brauereien beachten, wenn sie am Markt bestehen wollen?
Eils: In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der deutschen Braustätten von 1.281 Brauereien in 2005 um 107 Betriebe auf 1.388 Brauereien in 2015 gestiegen. Das ist schon einmal ein positives Zeichen. Allerdings verschiebt sich die demografische Pyramide und zugleich erleben wir einen ruinösen Preiskampf im Handel, der auch den Brauereien schadet. Doch gerade für mittelständische, regionale Marken bieten sich auch heute große Chancen, in Deutschland wie auch auf den Auslandsmärkten.
DHZ: Worin liegen die?
Eils: Immer mehr Brauereien bieten alkoholfreie Biere an. Mit Erfolg, wenn man sich die Gesamtmenge von über 5 Millionen Hektoliter im letzten Jahr bewusst macht. Alkoholfrei liegt im Trend. Mittlerweile ist jeder 15. Liter Bier, der in Deutschland gebraut wird, alkoholfrei. Viele deutsche Brauereien können aber auch gerade im Exportgeschäft zulegen. Bis Ende 2015 war ein Export-Plus von insgesamt gut 4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr aufgelaufen. Der Export in Länder außerhalb der EU stieg sogar um knapp 17 Prozent. Besonders in China und den USA sind nach dem Reinheitsgebot gebraute deutsche Biere sehr beliebt.
DHZ: Viele Mittelständler werden durch große Brau-Konzerne aufgekauft. Führt das nicht zu einer Uniformität des Bieres?
Eils: Ich kann diese Wahrnehmung nicht teilen. Wenngleich es in der Vergangenheit wie in vielen anderen Bereichen der Wirtschaft Fusionen und Übernahmen gegeben hat, ist es doch in den letzten Jahren in der deutschen Brauwirtschaft auf diesem Feld eher ruhig geblieben. Die Zahl der Neugründungen überwiegt. Traditionsmarken wurden gestärkt oder neu aufgelegt. Die Vielfalt wächst stetig. Jede Woche kommt mindestens ein neues Bier auf den Markt.
"Der Wettbewerb auf dem deutschen Biermarkt bleibt durch den Druck des Handels hart."
DHZ: Sie selbst sind in der Geschäftsführung der Karlsberg Brauerei im saarländischen Homburg, eine Brauerei mit sehr langer Tradition. Wie begegnen Sie dem sinkenden Bierkonsum?
Eils: Ich bin Technischer Geschäftsführer einer in der fünften Generation familiengeführten Brauerei. Sie ist, wie die gesamte Branche, mittelständisch geprägt. Karlsberg ist ein klassisches Beispiel dafür, wie erfolgreich und verantwortungsbewusst Inhaberfamilien über Generationen ein Unternehmen führen und mit Innovationen und neuen Produkten Impulse im Markt setzen.
DHZ: Wird es zu weiteren Brauerei-Verdrängungen am Markt kommen?
Eils: Der Wettbewerb auf dem deutschen Biermarkt bleibt gerade auch durch den Druck des Handels hart. Elefantenhochzeiten im Bereich des Lebensmittelhandels machen den Brauern das Geschäft nicht leichter. Es wird sicherlich Brauereien geben, die diesem Druck auf lange Frist nicht standhalten können. Die weit überwiegende Zahl der Brauereien aber wird erfolgreich die Hürden überwinden.