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Nach 25 Jahren alle Bauteile intakt Das Passivhaus wird erwachsen

25 Jahre, nachdem in Darmstadt das erste Passivhaus der Welt eingeweiht wurde, steht fest: Alle Komponenten des Gebäudes sind noch lange nicht am Ende ihrer Lebensdauer.

Wolfgang Feist verweist auf seine Nachuntersuchungen, die der Erfinder des Passivhaus-Konzepts kürzlich vorstellte. „Alle Bauteile halten mindestens nochmal ein Vierteljahrhundert.“

Mit neun Kilowattstunden pro Quadratmeter im Jahr verbraucht das weltweit erste Passivhaus nicht einmal ein Zehntel der Heizenergie eines herkömmlichen Hauses. Frieren musste Wolfgang Feist trotzdem nie, seit der Physiker 1991 eine der vier Wohnungen in dem von ihm konzipierten Reihenhaus im Stadtteil Kranichstein bezogen hat.

Jetzt will der Professor von der Universität Innsbruck und Leiter des Passivhaus-Instituts beweisen, dass sein Konzept eines fast ohne aktive Heizung auskommenden Gebäudes nicht nur energieeffizient, sondern auch langlebig ist. Dafür wurde das Haus nach 25 Jahren erneut auf seine Luftdichtheit geprüft und thermografisch auf Wärmebrücken untersucht. Außerdem wurden Proben aus der 45 Zentimeter dicken Mineralwolldämmung entnommen, deren Analyse noch läuft. Optisch sei aber keine Alterung zu erkennen.

Fünf Grundprinzipien des Passivhaus-Standards

Keine der Untersuchungen habe bisher Hinweise auf einen erhöhten Verschleiß ergeben. Lediglich die Lippendichtungen in den Fenstern mussten ausgetauscht werden, sonst sei bisher keine Instandhaltung von Bauteilen nötig gewesen, bilanzierte Feist zur Passivhaus-Tagung, die anlässlich des Jubiläums erstmals wieder in Darmstadt stattfand.

Bei der Entwicklung des Passivhaus-Konzepts setzte Wolfgang Feist auf fünf Grundprinzipien:

  • Dämmung der Gebäudehülle,
  • Vermeidung von Wärmebrücken,
  • Luftdichtheit der Gebäudehülle,
  • Fenster mit Dreischeibenverglasung und Edelgasfüllung,
  • Lüftung mit Wärmerückgewinnung.
Wolfgang Feist

Als Feist und seine Mitstreiter vor mehr als 25 Jahren das erste Passivhaus errichteten, mussten sie viel handwerkliche Pionierarbeit leisten. So entstanden erstmals Fenster mit drei Scheiben, deren acht Millimeter breiten Abstände zur besseren Isolation mit dem Edelgas Krypton befüllt wurden. Aber die Temperaturunterschiede brachten das vier Millimeter dicke Floatglas der Prototypen zum Bersten.

Das Problem war bald behoben. Heute sind solche Fenster längst Standard. 2012 hat die Industrie auf automatische Fertigung von Dreischeibenverglasungen umgestellt, wodurch der Mehrpreis gegenüber Zweischeibenglas auf weniger als 25 Euro pro Quadratmeter Fensterfläche gesunken ist. Da Dreischeibenverglasungen mehr als drei Euro pro Quadratmeter und Jahr an Heizkosten sparen und die Fenster mindestens 25 Jahre halten, sei ihre Wirtschaftlichkeit unbestritten. „Wer heute noch Zweischeibenverglasung verwendet, verschwendet Geld und Ressourcen und lässt sich besseren Komfort entgehen“, sagt Feist.

Mehrkosten sinken

Das gilt seiner Meinung nach auch für das Passivhaus an sich. Die um rund drei bis vier Prozent höheren Baukosten würden sich innerhalb von vier bis fünf Jahren amortisieren. „Im Verbund mit den entsprechenden Fachhandwerkern schafft es ein guter Architekt heute aber schon, ein Gebäude in Passivhaus-Standard ohne Mehrkosten zu bauen“, sagt Feist, dessen Erfindung nach 25 Jahren in der Baubranche deutliche Spuren hinterlassen hat.

Fünf Prozent der Neubauten werden inzwischen nach dem Passivhaus-Standard errichtet, aber auch bei den restlichen Neubauten habe sich der Heizenergieverbrauch um den Faktor drei verbessert. Zudem sind es längst nicht mehr nur Wohnhäuser, die nach dem Passivhaus-Standard gebaut werden. 2011 wurde in Bamberg das erste Hallenbad in Passivhaus-Standard eingeweiht, 2013 in Ravensburg das erste Museum und 2014 in Hannover der erste Supermarkt.

Nach Angaben des Passivhaus-Instituts erfüllen heute weltweit mehrere zehntausend Gebäude den Standard, der vor 25 Jahren in Darmstadt definiert wurde. Aber zufrieden geben mit dem Erreichten will sich sein Vordenker Wolfgang Feist noch lange nicht. Vor allem die Lüftung finanziere sich noch nicht über den ökonomischen Vorteil. „Hier gibt es noch große Entwicklungsspielräume“, so der Professor.

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