Beim WM-Achtelfinale zog Pedro Neto seinen Fußballschuh aus – ein Loch an der Ferse, der Schaft aufgerissen. Für die meisten Zuschauer war es eine Randnotiz. Orthopädieschuhtechnikmeister Lais Kriwat aus Kiel sah etwas anderes – und was er erkannte, wirft ein grundsätzliches Licht auf die Schuhversorgung im Profifußball.

Es war eine Szene, die den meisten Zuschauern kaum auffiel: Beim WM-Achtelfinale Portugal gegen Spanien saß der portugiesische Profi Pedro Neto längere Zeit auf dem Rasen – nicht schmerzverzerrt, sondern offensichtlich mit einem Problem am Schuh. Als er ihn auszog und hochhielt, wurde die Ursache sichtbar: ein Loch an der Ferse.
Lais Kriwat schaute das Spiel im Fernsehen. Der 31-jährige Orthopädieschuhtechnikmeister aus Kiel beobachtete die Szene mit Expertenblick und teilte seine Einschätzung kurz darauf in einem LinkedIn-Beitrag.
"Als Orthopädieschuhmacher konnte ich kaum meinen Augen trauen", schrieb er. "Beim Wechsel auf den neuen Schuh fiel sofort auf, dass die Ferse des Schuhs ausgeschnitten war."
Im Gespräch mit der Deutschen Handwerks Zeitung geht er nun stärker ins Detail. Dank hochauflösender TV-Kameras war für ihn klar: Das Loch war absichtlich in den Schuh geschnitten worden. Nur noch ein schmaler Reststeg hielt den Schaft zusammen – und riss während des Spiels bei einem Zweikampf auf. Der Schuh war nicht mehr tragbar. Also gab es Ersatz an der Außenlinie. Und auch dieser Schuh war bereits händisch gelocht. "Das sollte auf dem Niveau eigentlich nicht passieren", sagt Kriwat.
Haglundferse: Ein "wachsendes" Problem im Profifußball
Kriwat und sein Team betreuen regelmäßig Profisportler – darunter namhafte Handballer vom THW Kiel und Fußballer von Holstein Kiel. Sein Verdacht kommt nicht von ungefähr.
Der Grund für den Einschnitt ist laut Kriwat eine sogenannte Haglundferse: ein knöcherner Auswuchs an der Rückseite des Fersenbeins, der durch wiederkehrende Mikrorisse im Knochengewebe entsteht. Anders als der bekanntere Fersensporn, der an der Fußunterseite auftritt, bildet sich die Haglundferse im Bereich der Achillessehne – und wächst mit zunehmender Belastung weiter.
Bei Profifußballern tritt dieses Problem laut Kriwat immer häufiger auf. Die hohe Belastung über eine lange Saison verstärkt die Reizung immer weiter. Gerade am Ende einer Spielzeit oder bei einem Turnier wie der WM sei der Auswuchs bei vielen Spielern bereits stark ausgeprägt. Moderne Fußballschuhe verschärfen das Problem: Je leichter und enger sie konstruiert werden, desto stärker drückt die harte Fersenkappe auf genau diese empfindliche Stelle. Die Folge sind erhebliche Schmerzen – und eine Notlösung: Spieler oder der Betreuerstab stechen ein Loch in den Fersenbereich des Schuhs, um den Druck zu reduzieren.
Die Erkrankung ist wenig bekannt, betroffene Spieler sprechen selten öffentlich darüber. Dabei ist Pedro Neto kein Einzelfall. Auch Ex-Nationalspieler Mats Hummels und der ehemalige Bayern-Profi Philippe Coutinho trugen schon ausgeschnittene Schuhe.
"Da hat mir das Handwerkerherz geblutet"
Was Kriwat an der TV-Szene besonders störte, war nicht das Problem selbst – sondern die Art, wie man damit umging. "Das sah sehr, sehr laienhaft aus", sagt er. Sein Eindruck: Ein Physiotherapeut habe mit einer Schere versucht, den Schuh aufzuschneiden. "Da hat mir das Handwerkerherz geblutet." Das Ergebnis war ein instabiler Schuh, der im Spiel versagte.

Dabei gibt es eine fachgerechte Alternative – eine, die Kriwats Unternehmen regelmäßig bei Profisportlern anwendet. Zunächst wird die genaue Position der Haglundferse am Schuh lokalisiert. Dann wird die sogenannte Hinterkappe – das feste Strukturelement im Fersenbereich – auf einer Fläche, etwa so groß wie ein Zwei-Euro-Stück, ausgefräst. Der äußere Schaft des Schuhs bleibt dabei vollständig intakt.
"Von außen sieht der Schuh komplett unversehrt aus", erklärt Kriwat. Der Spieler bekommt so die nötige Entlastung, ohne auf Stabilität verzichten zu müssen. Einfach ist das nicht: "Das ist schon eine Friemelarbeit. Man muss an der Stelle präzise herumdoktern." Gearbeitet wird dabei an den Standardschuhen der Spieler, die von den Ausrüstern gestellt werden – Maßanfertigungen sind im Profifußball nach wie vor die Ausnahme.
Massenware statt Maßschuh: Ein grundsätzliches Problem
Kriwat übt grundlegende Kritik an der Schuhversorgung im Profifußball. Die Spieler bei der WM, vor allem der Top-Nationen, verdienten sehr viel Geld – und müssten eigentlich die optimale Lösung für ihre Füße haben. Stattdessen trügen sie Standardschuhe. Die Vermessung durch die Ausrüster beschränke sich darauf, die passende Konfektionsgröße aus dem Sortiment zu ermitteln. "Das ist aber nur zehn Prozent der ganzen Wahrheit", sagt Kriwat.
In seinem Betrieb werden orthopädische Maßschuhe gefertigt, die vollständig an den Fuß des Patienten angepasst sind. Grundlage ist ein sogenannter Leisten – eine exakte Nachbildung des Fußes –, über den der Schuh maßgenau gebaut wird. Im Profifußball ist das kaum verbreitet. Als eine der wenigen Ausnahmen nennt Kriwat Toni Kroos, der stets mit individuell angepassten Schuhen gespielt habe.
Kriwats Bedenken: Die Entwicklung der Fußballschuhe gehe in die falsche Richtung. "Immer mehr Design, weniger Gewicht und möglichst großes Aussehen. Aber die Gesundheit fällt da meistens runter." Für Spieler mit Fußleiden wie einer Haglundferse wird das zunehmend zur Belastung.
Vorreiter im Skisport und beim American Football
Technologisch gibt es bereits Ansätze, die Abhilfe schaffen könnten. Sogenannte thermoplastische Materialien lassen sich durch Erwärmung verformen und behalten nach dem Abkühlen ihre neue Form – ein Prinzip, das im Skisport längst etabliert ist: Dort passt sich der Innenschaft des Schuhs an den individuellen Fuß an. In Fußballschuhen wird diese Technologie bislang nicht eingesetzt – obwohl die Schuhindustrie in diesem Segment Milliardenumsätze erzielt.
Im American Football ist die Entwicklung laut Kriwat weiter fortgeschritten. Dort werde stärker auf individuelle Versorgung gesetzt, auch der 3D-Druck gewinne an Bedeutung. Doch selbst dort sei man "immer noch nicht da, wo es sein könnte".
Für Kriwat bleibt die Szene beim WM-Spiel symptomatisch: Im Spitzensport wird ausgerechnet beim wichtigsten Werkzeug eines Fußballers gespart. In seinem LinkedIn-Beitrag bot er augenzwinkernd seine Hilfe an: "Falls doch noch ein WM-Spieler unsere Hilfe braucht – einfach Bescheid sagen." Aber dafür müssten die Profis schnell sein: Das Finale steigt bereits am Sonntag, 19. Juli.