Am Ende ist nicht alles schwarz oder weiß, und manches entzieht sich der Statistik, das weiß auch Jörg-Dietrich Hoppe. So ist der scheidende Ärztepräsident überzeugt, "dass schon jetzt eine große Zahl von ärztlich assistierten Suiziden passiert". Nur werde diese Hilfe zum Sterben selten bekannt. Denn Bescheid wisse nur das "Zweierbündnis" des Sterbenden und seines Arztes.
Das letzte bisschen Leben
Kiel (dapd). Am Ende ist nicht alles schwarz oder weiß, und manches entzieht sich der Statistik, das weiß auch Jörg-Dietrich Hoppe. So ist der scheidende Ärztepräsident überzeugt, "dass schon jetzt eine große Zahl von ärztlich assistierten Suiziden passiert". Nur werde diese Hilfe zum Sterben selten bekannt. Denn Bescheid wisse nur das "Zweierbündnis" des Sterbenden und seines Arztes.
Vor Monaten schon hatte Hoppe eine Debatte über die ärztliche Hilfe zur Selbsttötung für Sterbenskranke entfacht. Man dürfe nicht den Stab über Kollegen brechen, die sich dazu entschieden, hatte der oberste Vertreter des Standes gesagt. Es hörte sich nach Lockerung an, und die Empörung ließ nicht lange auf sich warten. Die Bundesärztekammer stellte schließlich klar, dass Ärzte auch künftig nicht beim Selbstmord helfen dürfen. Das betonte zuletzt auch Hoppe. Was sich in deutschen Sterbezimmern tatsächlich abspielt, ist vielleicht eine andere Geschichte, so ließ es der Pathologe jetzt durchblicken.
Der Anfang und das Ende des Lebens - beides treibt die deutschen Ärzte um und spaltet sie auch in ihrer Antwort auf schwierige Gewissensfragen. So beschloss der Deutsche Ärztetag am Mittwoch eine Kurskorrektur bei der sogenannten Präimplantationsdiagnostik (PID). Solche genetische Untersuchungen von Embryonen aus künstlicher Befruchtung sollen nun in ganz bestimmten Fällen zulässig sein.
Doch taten sich die 250 Delegierten nicht leicht mit dieser Festlegung - die Debatte sei unerwartet lange und kontrovers gewesen, meinte Hoppe. Viele Redner bekannten sich dazu, wie schwer ihnen die Entscheidung über Leben und Tod eines künftigen Menschen fällt, selbst wenn er kaum mehr ist als ein kleines Zellhäuflein. Denn das ist die Konsequenz, wenn bei der PID eine Krankheit festgestellt wird: Der Embryo stirbt. "Ich bin immer noch in einem Spannungsfeld", sagte ein Arzt in der Debatte. "Ich fühle mich nicht wohl bei einer Entscheidung heute."
Die Hilfe am Lebensende birgt für viele Mediziner ein ähnliches Dilemma. Denn manche Sterbenskranke wünschen sich verzweifelt Hilfe, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Darauf deutet nicht nur die Tatsache, dass Deutsche zum Sterben in die Schweiz reisen. Eine Allensbach-Studie im Auftrag der Bundesärztekammer ergab auch, dass rund jeder dritte Mediziner schon einmal um Unterstützung beim Suizid gebeten wurde. Etwa genauso viele Ärzte konnten sich vorstellen, einem solchen Wunsch nachzukommen.
Ist es unethisch, solche ärztliche Hilfe zu verweigern? Oder droht ein Dammbruch, wenn Ärzte, die doch heilen sollen, Gift für den Selbstmord bereitstellen? Ist es Hilfe zum Suizid, auf Verlangen des Patienten die Beatmungsmaschine auszuschalten? Und wo liegt die Grenze für die Gabe von Morphinen, wenn sie bei Sterbenden das Leben verkürzen?
Auch für Ärzte sind solche Fragen kaum endgültig zu beantworten. Da sind die Mediziner froh, sich zumindest zeitweilig auf sicheren Konsens zu retten. Schon 2003 vertraten sie die Linie, mit einer besseren medizinischen Versorgung für Sterbende werde auch der Wunsch nach Sterbehilfe schwinden. Nun beschlossen sie in einem eigenen Antrag den weiteren Ausbau und die Verbesserung der Palliativversorgung.
Wenn Patienten unerträgliche Schmerzen hätten, Ängste oder Atemnot, dann komme es schon vor, dass sie sagten, sie wären lieber tot, berichtete der Potsdamer Palliativmediziner Georg Maschmeyer. Doch mit einer effektiven Behandlung etwa mit Schmerzmitteln wachse schon binnen weniger Stunden wieder der Lebenswunsch.
"Unmittelbar mit der Entscheidung - Erhaltung seines kleinen bisschen Lebens und dem unwiderruflichen Nichts - konfrontiert, wollen die meisten doch ihr kleines bisschen Leben aufrechterhalten", sagte Maschmeyer. "Wenn wir Patienten ihre Würde wieder geben, schwindet Wunsch, das letzte bisschen Leben wegzuwerfen."
dapd
