Der siebte Bundesliga-Spieltag im Check von deutsche-handwerks-zeitung.de Das dicke Ende des Oktoberfestes

Endlich ist das Oktoberfest vorbei und die Schießbuden werden wieder abgebaut, werden sich die Fans des FC Bayern München denken. Nur der schwäbische California-Surfer bleibt - und das ist das Problem des FCB, meint Stefan Galler in der DHZ-Kolumne.

Das dicke Ende des Oktoberfestes

Meisterbetrieb: Multi-kulturelles Tor-Phantom am Wickeltisch

In Hamburg träumen sie. Und zwar nicht nur von der ersten Deutschen Meisterschaft seit 1983 – immerhin verteidigte der HSV am siebenten Spieltag seine Tabellenführung. Auch die Hoffnung, endlich wieder einen richtigen Torjäger in ihren Reihen zu haben, macht die Fans des Bundesliga-Dinos rundum happy. Mladen Petric heißt der Mann, der in die großen Fußstapfen von Horst Hrubesch steigen soll. Die Bilanz des frischgebackenen Vaters in den letzten Wochen ist atemberaubend: Sieben der letzten acht HSV-Tore hat der Kroate mit dem schweizerischen Akzent erzielt – und das schön verteilt auf die drei Wettbewerbe: Zwei im Pokal, zwei im UEFA-Cup und drei in der Liga.

Am Sonntag gegen beängstigend schwache Cottbuser machte er einen auf Roy Makaay: 90 Minuten fast unsichtbar, schlug er ganz kurz vor Schluss eiskalt zu – 2:1 per Kopf, Schlusspfiff und ab zum Feiern. Ein mutli-kulturelles Torphantom mit eingebauter Treffergarantie und nach eigenen Angaben sogar am Wickeltisch unglaublich versiert – kein Wunder, dass sie in Hamburg gar nicht mehr aufwachen wollen.

Gesellenstück: Bulgarien ist das bessere Italien

Gibt es jemanden, der diesen Fußball-Moment von globaler Bedeutung vergessen hat? Der klitzekleine Thomas Häßler muss gegen den gefühlt mindestens 45 Zentimeter größeren Yordan Letchkov ins Kopfballduell, der Bulgare köpft ein und bugsiert Deutschland als amtierenden Titelträger aus der WM 1994. Zum Titel hat es für die Osteuropäer zwar nicht gereicht, aber immerhin zu Platz vier beim damaligen Weltturnier, nur zwei Ränge hinter den Italienern, die im Finale Brasilien unterlagen. Ziemlich lange her – aber wer traut sich heutzutage schon noch, den Fußball in Italien mit jenem in Sofia und Plovdiv zu vergleichen. Oder gar in Varna, jener hässlichen Hafenstadt im Nordosten Bulgariens, deren Fußballmannschaft die Stuttgarter am Donnerstag immerhin beinahe aus dem UEFA-Pokal befördert hätte. Unterdessen musste Inter Mailand, froh sein, in der Champions League gegen Bremen ein 1:1 über die Runden gebracht zu haben.

Am Samstag kam es dann im Daimler-Stadion zum Spitzenspiel zwischen dem VfB und Werder. Und die fast blamierten Schwaben gewannen mit 4:1. Da wollen wir doch gar nicht wissen, was das völlig zu Unrecht unterschätzte Cherno More Varna mit Mourinhos Mailänder Starensemble veranstaltet hätte.

Erstes Lehrjahr: Gladbacher Chaos-Tage

Ein Aufstieg in die Bundesliga sollte eigentlich pure Begeisterung auslösen. Ungefähr so wie in Hoffenheim, mit losgelösten Fans und einer Mannschaft, die beschwingten Offensivfußball spielt. Manchmal geht der Schuss aber auch nach hinten los. In Gladbach etwa sind die totalen Chaos-Tage ausgebrochen, nachdem die Mannschaft sich als Neuling bislang alles andere als Erstliga tauglich präsentierte und die kritischen Anhänger am Samstag schon mit einer entsprechenden Laune zum Rhein-Derby gegen Köln kamen. Prompt kam es vor dem Spiel zu schweren Ausschreitungen, wobei die Borussia-Hooligans mehr Kreativität zeigten als ihre Lieblinge auf dem Feld: Sie beschossen Kölner Fanbusse mit Leuchtraketen.

Das Ganze ging dann einigermaßen glimpflich aus – im Gegensatz zum folgenden Spiel aus Gladbacher Sicht. Kurz vor Schluss setzten die Geißböcke den Todesstoß – und besiegelten damit das Schicksal von Borussia-Trainer Jos Luhukay – er wurde am Sonntag als erster Coach in dieser Saison gefeuert, Sportdirektor Christian Ziege übernimmt zumindest kommissarisch. Der hatte zuletzt schon einmal vorsorglich die Ausbildung zum Fußball-Lehrer absolviert, vertrauensbildende Maßnahmen sehen anders aus. Also, liebe Handwerker: Aufpassen, wenn Ihr Chef nebenbei eine Schulung in ihrem Spezialgebiet macht. Das könnte gefährlich werden…

Zwei linke Hände: Surfer auf der Wiesn – oder: Dinge, die nicht wirklich passen

Endlich ist das Münchner Oktoberfest vorbei. Die Schießbuden werden wieder abgebaut, die Wichtlhuber aus der Vorstadt messen ihre Trink-Kräfte nicht mehr mit gestandenen Mannsbildern, deren Lebensinhalt vor allem daraus besteht, anderen zu erklären, warum der FC Bayern der beste Fußballverein der Welt ist. Besonders schlaue Opponenten werden vielleicht erwidern, dass die Münchner vielleicht mal den schwäbischen California-Surfer in verantwortlicher Trainerposition loswerden sollten, um Spiele zu gewinnen, in denen sie bis fünf Minuten vor Schluss mit 3:1 führen. Andere werden sich fragen, warum der schwäbische Abteilungsleiter Ulrich H. gar so knausrig ist, nach dem Abgang des gefühlt besten Torwarts der Welt nicht wenigstens den achtbesten Deutschlands als Nachfolger zu verpflichten. Zumindest einen, der eine lange Flanke nicht wie ein Sternendeuter beobachtet, sondern – seiner eigentlichen Profession folgend – einfach vom Himmel pflückt. Zum Abschluss der Wiesn waren die Bayern dann am Sonntag übrigens noch gemeinsam dort. Wie jedes Jahr. Vielleicht wird ja doch noch alles so, wie es in München immer war. Zumindest vor dem Besuch aus Amerika.

Stefan Galler ist Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und Fußball-Kommentator beim Münchner Lokalsender Radio Gong 96,3 und bei beim Fernsehsender Premiere. Für deutsche-handwerks-zeitung.de beleuchtet er Spieltag für Spieltag Besonderes und Kurioses aus den Bundesligaspielen in einer wöchentlichen Kolumne.