Das Verhältnis von Ökonomie und Ökologie muss sich bessern, soll das Auto neu erfunden werden.
Burkhard Riering
Das Auto steht unter Strom
Es gibt keine Zeit mehr zu verlieren. Auch wenn das Auto wahrscheinlich noch 20 Jahre und länger mit einem Verbrennungsmotor fahren wird, müssen jetzt die neuen, klimafreundlichen Technologien auf den Weg gebracht werden. Dafür müssen die Autohersteller in den kommenden Jahren mehr tun als bisher, sie müssen mehr forschen, mehr entwickeln, verbessern, vervollkommnen, verfeinern, und zwar so lange, bis Elektro- und Wasserstoffautos wirklich massentauglich sind. Denn noch ist ein Elektroauto mit Lithiumbatterie für den Normalverbraucher unerschwinglich, noch wiegt ein Wasserstoffwagen mehrere Tonnen. Es gibt noch viel zu tun.
Dass die neuen Technologien noch auf ihren Durchbruch warten, liegt auch daran, dass die deutschen Automobilkonzerne viele Jahre vertrödelt haben. In den 90er Jahren haben sie die Chancen des umweltfreundlichen Autos schlicht missachtet und stattdessen auf spritschluckende Geländewagen und Luxuskarossen gesetzt. Und die Nachfrage dafür war ja auch da, denn der Kunde wollte es nicht anders. Das "Ökoauto“ kam dagegen meist nur in Sonntagsreden vor.
Jetzt muss deswegen alles umso schneller gehen. Strom-, Hybridantrieb, Wasserstofftank, Brennstoffzelle, Biosprit – welche Technologie aus den Möglichkeiten einmal herausragen wird, ist noch nicht klar. Vielleicht werden auch die verschiedenen neuen Techniken friedlich nebeneinander existieren. Warum auch nicht? Für kurze Wege nehmen wir das Elektroauto, für lange Strecken den ausgereiften Benziner oder den schadstofffreien Wasserstoffwagen. Für Großstädter gibt es den wendigen Start-Stopp-Hybriden.
Der Kunde wird und muss das letztlich entscheiden. In jedem Fall werden die gegenwärtigen Debatten um Kraftstoffverbrauch, hohe Spritpreise und CO2-Emissionen den Autokauf in Zukunft viel erheblicher beeinflussen, als es die vergangenen Jahrzehnte der Fall war. Es sind nicht mehr nur die Ökospinner, die umweltbewusst fahren wollen, es gibt einen Paradigmenwechsel in der breiten Gesellschaft. Auch das wird ein Resultat der bereits von der Bundesregierung eingeleiteten Energiewende in Deutschland sein.
Helfen kann hier auch die Politik. Zwar heißt es oft nicht ohne Grund, der Staat solle sich aus industriellen Marktbegebenheiten heraushalten. Doch besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen. Warum nicht jetzt die Elektromobilität fördern, um die Technologie schneller auf die Straße zu bringen? Warum nicht jetzt die ganze Aufmerksamkeit auf die umweltfreundlichen Technologien richten, um die Klimaziele auch in jedem Fall erreichen zu können? Wenn die Bundesregierung wirklich Ernst machen will mit der Energiewende, reichen die bisherigen staatlichen Hilfen sicher nicht aus. Die Gelder von staatlicher Seite für das E-Auto sind mit etwas mehr als 500 Millionen Euro wahrlich nicht hoch. Und im Vergleich zu anderen konkurrierenden Staaten sogar sehr niedrig. Und sich nur auf den Markt zu verlassen, ist auch nicht frei von Gefahr. Denn wenn ein neues strombetriebenes Auto zwischen 4.000 und 9.000 Euro teurer ist als sein altbewährtes Pendant, wie Experten errechnet haben, steigt niemand um.
Subventionen sind auch eine zentrale Frage für das Wachstum des Standorts Deutschland. Wenn Frankreich, Japan oder die USA ihre Autoindustrien im Segment Umwelt viel stärker subventionieren, könnten die Deutschen eines Tages das Nachsehen haben. Schon vor Jahren hat Toyota vorgemacht, das nichts unmöglich ist beim Hybriden.
Dass die hiesigen Hersteller hinterherhinken, darf in Deutschland, dem Land, in dem so viele Arbeitsplätze von der Autoindustrie abhängen und so viele automobile Innovationen herausgebracht wurden, nicht sein. Wo vor 125 Jahren das Automobil erfunden wurde, sollte auch die "neue“ Art von Auto für die kommenden 125 Jahre erfunden werden.