Kurz vor ihrem Urlaub sah sich die deutsche Nationalmannschaft mit Vorwürfen konfrontiert, sie sei eine "Schwulen-Combo". Wie jetzt? Jogi, Hansi, Olli vom anderen Ufer? Das kann doch nicht sein. Nun ja, die blauen Pullis. Und die albernen Kosenamen. Aber nein, das wäre doch ein zu starkes Stück, findet Stefan Galler im letzten Teil seiner WM-Kolumne.
Combo mit Kosenamen
Meisterbetrieb: Multifunktionale Spielerfrau
So ein Pott verbindet eben: Während Katalanen, Basken und alle anderen spanischen Regionen einander im Normalfall nicht einmal das Schwarze unter den Nägeln gönnen, waren sie sich am Sonntagnacht ausnahmsweise bis auf ein paar unverbesserliche Separatisten völlig einig: Dieser WM-Titel musste dringend ausgiebig gefeiert werden, schließlich ist es der erste für die stolzen Toreros, die diesem Spitznamen in Südafrika gar keine Ehre machten: Gerademal acht Tore gelangen ihnen in sieben Spielen, das ist Minusrekord für einen Weltmeister.
Und weil bei den Spaniern offenbar Minimalismus Trumpf ist, werden die andernorts völlig nutzfreien Spielerfrauen hierzulande gleich noch als Fernsehreporterinnen eingesetzt – es muss sich ja alles irgendwie rechnen. Sara, die Freundin von Torwart und Kapitän Iker Casillas war nach dem Spiel in Sachen Interviews unterwegs, erhielt aber vor laufender Kamera von ihrem Liebsten statt prägnanter Antworten auf ihre Fragen nur einen schmatzenden Kuss.
Wer jedoch angesichts des grenzenlosen Freudentaumels der Roten und ihrer Anhänger auf die Objektivität der einheimischen Medien vertraut hatte, war sowieso auf dem Holzweg. Wir sind doch hier nicht in Nordkorea!
Gesellenstück: Auf einem Auge blind
Das größte Phänomen dieser Weltmeisterschaft waren weder die Chaoten aus Frankreich, noch die nervtötenden Vuvuzelas oder die Leistungsexplosion von Miro Klose. Nein, das Naturereignis schlechthin war eindeutig Paul, der Tintenfisch aus Oberhausen, der mehr Fußballverstand besitzt als alle Lichtgestalten, Gurus und Ex-Gurus dieser Welt. Insgesamt haben ihn die Aquariumsangestellten acht Spiele tippen lassen, der Wirbellose lag immer richtig. Wäre Paul ein cooler Zocker, der dann und wann in Las Vegas, Monte-Carlo oder Baden-Baden vorbeischwimmt, er hätte wohl längst schon die Bank gesprengt. Doch der Casino-Calamar ist eher der häusliche Typ, weshalb er bestimmt nicht darauf abfährt, dass ihn die Spanier nach dem Halbfinalsieg gegen Deutschland sogar auf die iberische Halbinsel entführen wollten, damit er nicht in einer germanischen Pfanne landet. Dabei gönnt man dem betagten Tentakel-Tier doch auch hierzulande einen friedlichen Lebensabend.
Die nächste WM 2014 wird das Kraken-Orakel nämlich aus biologischen Gründen nicht mehr erleben. Böse Zungen behaupten ja, es wäre mitnichten der Fußballsachverstand gewesen, der Paul stets zur richtigen Futterkrippe leitete, die übrigens in sieben von acht Fällen rechts im Becken stand. Genau diese Tatsache legt nämlich den Verdacht nahe, dass der Fisch entweder Rechtshänder ist, was sich bei acht Armen ziemlich einseitig auswirken könnte. Oder der arme Oktopus leidet womöglich unter Grauem Star und kann nur noch auf einem Auge sehen. Acht Arme, das klingt nach der Jobausschreibung für einen englischen Nationaltorwart. Aber die wirken dann auch oft so, als wären sie auf einem Auge blind.
Erstes Lehrjahr: Combo mit Kosenamen
29 Nationen würden gerne mit uns tauschen, denn ihre Kicker haben in Südafrika schlechter abgeschnitten als die DFB-Elf. Und doch wird die Sehnsucht nach einem Pott in "Schland" immer größer, schließlich ist der letzte WM-Titel schon 20 Jahre her und selbst der EM-Triumph in England schon deren 14. Und doch könnte man sich über Rang drei freuen, die Torjägerkrone für den frechen Thomas Müller bejubeln oder zumindest das Versagen der Italiener, Franzosen und Engländer. Aber wir Deutschen neigen eben immer zu Miesmacherei und Streitsucht, weshalb sich die ersten Gräben schon jetzt auftun, vielleicht werden sogar Abgründe daraus. Es geht natürlich um die Rolle des kaltgestellten Capitano Michael Ballack, der sich wohl ein bisschen ausgebootet fühlt, weil Philipp Lahm die Binde nicht mehr rausrücken will und schon öffentlich spekuliert wird, dem Sachsen könnte nach Frings’schem Vorbild die unehrenhafte Entlassung aus dem Adlerhorst drohen.
Und ausgerechnet jetzt wird auch noch bekannt, dass Ballacks Berater Dr. Michael Becker schon vor der WM im Kreise von Journalisten launig von einer "Schwulen-Combo" bei der Nationalmannschaft erzählte. Wie jetzt? Jogi, Hansi, Olli vom anderen Ufer? Das kann doch nicht sein. Nun ja, die blauen Pullis. Und die albernen Kosenamen. Aber nein, das wäre doch ein zu starkes Stück. Und Bierhoff hat ja sogleich empört festgestellt, dass man sich auf ein solches Niveau nicht begeben muss. Einer der Spieler soll laut Berater Becker übrigens "halbschwul" sein. Was das nun wieder ist, weiß kein Mensch. Hat vielleicht was mit Halbfinale zu tun. Zumindest dahingehend, dass für seinen Schützling Ballack mit dieser Aussage in der Nationalelf ebenso Endstation sein könnte wie für Jogis Combo das Halbfinale von Südafrika.
Zwei linke Hände: Die Hälse bleiben lang
Um ein Haar hätte dieser Witz fortan keine Gültigkeit mehr gehabt: Warum haben alle holländischen Kinder so lange Hälse? – Weil ihr Vater immer sagt: Da drüben wohnt der Weltmeister. Nun gut, wir warten wie oben erwähnt ja auch schon ein Weilchen auf den goldenen Pokal, aber die Quote der Nachbarn in orange ist wirklich unübertroffen: Dreimal im Endspiel, dreimal zweiter Sieger. Gegen Spanien waren sie erstaunlich nahe dran, den Fluch zu beenden, obwohl sie zu Beginn des Finales gar nicht mitspielen wollten und später nur dafür sorgten, dass auch die Künstler aus Madrid und Barcelona vor lauter Schmerzen keine Lust mehr aufs Kicken hatten. Van Bommel gab den gnadenlosen Rausschmeißer, sein Kollege de Jong versuchte es mit asiatischer Kampfkunst und die Herren aus der Viererkette abwechselnd mit kleinen, aber feinen Tritten aufs iberische Gebein. Und doch hätte es fast zum Titel gereicht, weil Arjen Robben gleich zweimal alleine aufs Tor zulief, das Ding aber nicht versenkte. Nun rätselt die Fußballwelt, ob der bayerische Flügelflitzer nach dem verlorenen Champions-League-Finale diese neuerliche Enttäuschung wegsteckt. Aber da kann man sich bestimmt getrost auf die niederländische Frohnatur Louis van Gaal verlassen, das Schlachtross unter den Feierbiestern wird seinen filigranen Sprinter bestimmt genauso wieder auf Vordermann bringen wie Mark van Bommel. Der hatte im Finale wieder mal den Alptraum aller Schwiegerväter gegeben – außer natürlich den seines eigenen: Bondscoach van Marwijk dürfte ihm die Lizenz zum Treten nämlich höchstselbst ausgestellt haben.