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Pfandsystem nicht in Sicht Coffee to go: Wie Bäckereien Einwegbecher vermeiden

Massenweise landen leere Kaffeebecher auf dem Müll. Nur langsam beginnen Verbraucher vom Einweg- auf den Mehrwegbecher umzusteigen. Gefragt sind auch die Bäckereien, die Coffee to go verkaufen. Mitgebrachte Becher dürfen sie annehmen und es gibt nun auch einen Mehrwegbecher der Innungsbäcker. Ein einheitliches Pfandsystem ist allerdings nicht in Sicht.

Auf fast drei Milliarden schätzt die Deutsche Umwelthilfe (DUH) die bundesweite Zahl an Coffee-to-go-Bechern, die jedes Jahr verkauft und danach weggeworfen werden – stündlich sind das 320.000 plastikbeschichtete Becher, die über die Ladentheken gehen. Rund 40.000 Tonnen Müll wird dadurch produziert. Kein Wunder, dass die Einwegbecher des begehrten Unterwegs-Kaffees immer stärker in die Kritik geraten.

Die DUH selbst fordert ein einheitliches Mehrwegsystem. Doch es ist bislang nicht abzusehen, wann und ob sich so etwas durchsetzen könnte. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) setzt statt auf eine bundesweite Regelung auf lokale und freiwillige Lösungen der Anbieter.

Coffee to go: Bäcker wollen einheitliche Vorgaben für die Becher

Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks hofft zwar, dass es künftig irgendwann zu einer Vereinheitlichung kommt. Denn Pfandsysteme wird es bei den rund 13.000 Bäckereien in Deutschland, von denen kaum eine heutzutage ohne Coffee to go im Angebot auskommt, nur mit einheitlichen Vorgaben geben. "Ansonsten sind die Strukturen im Handwerk viel zu kleinteilig, um ein flächendeckendes einheitliches Pfand-Mehrwegsystem zu etablieren", sagt Daniel Schneider, der Hauptgeschäftsführer des Bäckerverbands. Dennoch sieht er das Thema als sehr bedeutend an.

So wird auch fleißig an Lösungen gearbeitet und die Werbegemeinschaft des Deutschen Bäckerhandwerks kann seit kurzem den Innungsbäckern in Deutschland einen eigenen individualisierbaren Mehrwegbecher anbieten.

Ein Mehrwegbecher für die Innungsbäcker

"Die Suche nach dem richtigen Mehrwegbecher war eine kleine Herausforderung", erklärt Maren Andresen, Vorstandsvorsitzende der Werbegemeinschaft des Deutschen Bäckerhandwerks. So sollte ein Becher gefunden werden, der sowohl hitzebeständig ist, eine Auslauf- und Bruchsicherheit gewährleistet, BPA-frei ist und der zu einem attraktiven Preis angeboten werden kann.

Das ist nun gelungen und so können Innungsbäcker nun den neuen Becher, der den Kaffee bis zu 1,5 Stunden warm halten kann, bestellen. Ab einer Bestellmenge von 252 Stück kann der Becher auf Wunsch mit dem eigenen Logo der Bäckerei individualisiert werden. Erhältlich ist er in den Füllmengen 300 und 400 Milliliter.

Weitere Infos zum Becher und dem dazugehörigen Marketingkonzept, das die Werbegemeinschaft anbietet, finden Sie unter baeckerhandwerk.de.

Auch einzelne Städte und Kommunen haben sich zum Ziel gesetzt, den Abfall zu reduzieren, der durch die Kaffeebecher entsteht:

  • In Berlin hat sich die neue rot-rot-grüne Koalition die Einführung eines Mehrwegsystems gemeinsam mit Handels- und Umweltverbänden vorgenommen.
  • In Hessen gibt es bereits die landesweite Initiative "Becherbonus", bei der die Kunden zehn Cent Rabatt erhalten, wenn sie einen eigenen Becher mitbringen und einen Einwegbecher verwenden.
  • Freiburg hat als erste Stadt gemeinsam mit mehreren Unternehmen ein Pfandsystem und den sogenannten "Freiburg-Cup" eingeführt. Für den Becher zahlen die Kaffeekäufer einen Euro Pfand.
  • Pläne zu einem Anreizsystem, um Einwegbecher zu sparen, gibt es auch in Bayern und Hamburg. 

Erfahrungen vom Freiburger Bäckerhandwerk

Das Freiburger Modell erreichte in den vergangenen Tagen ein breite Öffentlichkeit und soll daher in Zukunft auch ausgeweitet werden. Bisher sind nach Aussage von Johannes Ruf, dem Vorsitzenden der Freiburger Bäckerinnung, nur drei Bäckereien beteiligt, da der "Freiburg-Cup" nur in der Innenstadt angeboten wird. Die Bäckerei von Johannes Ruf ist am Rande der Innenstadt gelegen und so wartet er noch auf eine Teilnahmemöglichkeit.

Drei seiner Filialen hat er dafür bei der Stadt Freiburg angemeldet und er ist gespannt darauf, wie die Kunden das Angebot annehmen. "Die Verbraucher haben es in der Hand, etwas daran zu ändern, dass so viele Einwegbecher verkauft werden", sagt er . Die Idee zum "Freiburg-Cup" findet er grundsätzlich gut, doch er ist auch ein wenig skeptisch, ob sich das System langfristig und nach der aktuellen Anfangseuphorie durchsetzt: "Schon jetzt kann ja jeder mit seinem eigenen Becher zu uns kommen , aber die wenigsten haben immer einen Becher dabei."

Für die Praxis sieht er durch das Pfandsystem keinen zu großen Aufwand, wenn die Becher gespült werden müssen. Das könne man problemlos erledigen. "Im Gegenteil, denn wenn wir weniger Einwegbecher verkaufen, sparen wir auch Kosten ein und tun noch etwas für die Umwelt", sagt der Freiburger Obermeister.

Einfacher umzusetzen als ein Pfandsystem ist für Bäckereien die Möglichkeit, dass Kaffeekäufer einen eigenen Becher mitbringen – etwa den neuen der Werbegemeinschaft für die Innungsbäcker. In vielen Bäckereien wird davon schon rege Gebrauch gemacht. Problematisch könnten dabei aus Sicht des Bäckerverbands allerdings hygienische Aspekte werden. Sowohl das Hessische Ministerium für Umwelt und Verbraucherschutz als auch die DUH haben Handlungsempfehlungen erarbeitet, die Daniel Schneider jedoch für "viel zu umfangreich" hält.  "Vor allem die Benutzung von Handschuhen halten wir für wenig sinnvoll, da auch dieses Prozedere wieder Abfall produzieren wird", sagt er.

Die Empfehlungen sehen unter anderem vor:

  • dass nur geschultes Personal die Becher befüllen darf und regelmäßig in Sachen Hygiene weitergebildet wird.
  • dass die Becher vor dem Benutzen auf Sauberkeit kontrolliert werden sollten.
  • dass nur Becher aus geeigneten Materialien befüllt werden.
  • dass die Flächen, auf denen die "fremden" Becher abgestellt werden, regelmäßig gereinigt und desinfiziert werden müssen.
  • dass die Hände vor dem Befüllen gereinigt oder dass Handschuhe getragen werden müssen.
  • dass Arbeitsabläufe dokumentiert werden müssen.

Halten Bäckereien dies ein, steht auch einem hygienisch einwandfreien Abfüllen von Kaffee, Tee, Kakao und anderen Getränken in mitgebrachte Becher nichts im Weg. Weder das nationale noch das europäische Lebensmittelrecht verbieten das Befüllen von mitgebrachten Mehrwegbechern mit Heißgetränken.

Lebensmittelüberwachung nicht einheitlich

Der Bäckerverband möchte dennoch keine Handlungsempfehlung geben, da es bislang auch kein einheitliches Vorgehen der Lebensmittelüberwachungsämter gibt. "Bis es soweit ist, steht zu befürchten, dass die Überwachung die Befüllung von kundeneigenen Behältern höchst unterschiedlich bewertet, was zu Problemen führen wird", sagt Schneider.

Aus hygienischer Sicht gibt es seiner Meinung nach bei kundeneigenen, sauberen Behältnissen kein Problem – "vor allem, wenn man sich einmal die Praxis bei ähnlichen Systemen anschaut". Als Beispiel nennt er die Getränkestationen bei Ikea, an denen es ebenfalls Einwegbecher für Softdrinks und zur Selbstbefüllung durch den Kunden gibt. "Hier steht der Getränkeautomat nicht nur im Kundenbereich, sondern auch kann hier jedes Behältnis eigenmächtig (ob sauber oder nicht) befüllt werden, was offensichtlich die Überwachung nicht stört", sagt er.

Dieser Beitrag wurde am 5. Mai 2017 aktualisiert.

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