Langzeiterkrankungen im Betrieb Chronisch krank: Pendeln zwischen Dialyse und Werkstatt

Kfz-Mechatronikermeister Andreas Alber organisiert seinen Betrieb so, dass Markus Kleiner trotz schwerer Krankheit dort arbeiten kann. Was nötig ist, damit beide Seiten profitieren können.

Barbara Oberst

Kfz-Mechatroniker Markus Kleiner (links) leistet wichtige Arbeit in der Werkstatt von Andreas Alber – dreieinhalb Stunden pro Tag. – © Christian Flemming

Markus Kleiners linker Arm ist empfindlich. Wenn es eng wird im Motorraum, wenn die Gefahr besteht, dass er sich schneiden könnte, wenn ein Gewicht zu schwer ist für ihn, dann bittet er einen Kollegen um Hilfe. Bei Kfz-Alber in Gestratz nahe Lindau ist das normal.

Früher waren Markus Kleiner und sein heutiger Chef Andreas Alber Kollegen. Sie hatten im gleichen Betrieb gearbeitet und verstanden sich gut. „Schon da haben wir ausgemacht: Wenn ich mich mal selbstständig mache, dann nehme ich ihn mit“, erinnert sich 37-jährige Kfz-Mecha­tronikermeister. Kleiners labile Gesundheit hielt ihn nicht davon ab. „Er ist einfach ein guter Arbeiter und hat technisch viel Ahnung“, begründet er die Entscheidung.

Vollzeitarbeit wegen Krankheit unmöglich

Kleiner war 29 Jahre alt, als seine Nieren versagten. Ein Jahr zuvor, 2011, war er wegen Kopfschmerzen zum Arzt gegangen und erfuhr, dass sein Blutdruck zu hoch und seine Nierenwerte nicht in Ordnung waren. „Woher das kam, konnte man mir nicht sagen“, stellt Kleiner nüchtern fest.

Bis zur Dialyse war es da nicht mehr lang. Seit 2012 muss er dreimal die Woche für jeweils sechs Stunden zur Blutwäsche. Eine Nierentransplantation scheiterte. Also ist er weiter auf die Dialyse angewiesen, eine Prozedur, die ihn viel Zeit und Kraft kostet. „Anfangs arbeitete ich noch in Vollzeit. Aber dann wurden meine Werte so schlecht und es schlauchte mich auch so sehr, dass ich meine Stunden reduzieren musste“, berichtet der Kfz-Mechatroniker.

Chronische Krankheiten sind häufigste Gesundheitsprobleme

Chronische Erkrankungen zählen in Deutschland zu den häufigsten Gesundheitsproblemen. Ob eine Krankheit schon nach sechs Monaten oder erst nach zwei Jahren Dauer als chronisch gilt, ist nicht exakt definiert. Auf das Arbeitsleben haben die lang währenden Gesundheitsprobleme in jedem Fall massiven Einfluss. Die Betroffenen sind in ständiger ärztlicher Behandlung, haben mehr Fehltage als andere und oft ist ihre Leistungsfähigkeit gemindert. Trotzdem können sie wertvolle Arbeit leisten, wenn es dem Betrieb gelingt, passende Rahmenbedingungen zu schaffen.

Markus Kleiner arbeitet heute nur noch 3,5 Stunden täglich. Für seinen Chef Andreas Alber ist das kein Problem, auch wenn das restliche Team nicht eben groß ist: zwei Vollzeitgesellen und ein Azubi in der Werkstatt, zwei Teilzeitkräfte im Büro. „Teilzeitarbeit ist einfach Planungssache“, ist der Allgäuer überzeugt. „Wir haben bei unseren Aufträgen ein, zwei Wochen Vorlauf, da kann man das schon so einrichten.“

Teilzeitarbeit auch im Kleinbetrieb

Kleiner teilt er solche Reparaturen zu, die aller Voraussicht nach nur ein bis eineinhalb Stunden dauern und körperlich nicht zu fordernd sind. Wenn Kleiner trotzdem Hilfe braucht, ruft er: „Und irgendwer von den Kollegen kommt immer“, sagt der 38-Jährige lachend. Jeder im Team wisse, dass er seinen Arm wegen des Zugangs für die Dialyse besonders schützen muss. Auch Ausfallzeiten nehmen Chef und Kollegen gelassen: „Es kann schon sein, dass er wegen seiner Untersuchungen mal nicht da ist. Aber auch damit können wir uns arrangieren“, sagt Alber.

Als Chef muss er zwar auf Wirtschaftlichkeit achten, aber dank verschiedener Förderungen bedeuten Kleiners Handicaps keine finanzielle Einbuße für den Betrieb. Claudia Bröll-Ostler von der Handwerkskammer für Schwaben hatte ihn bei der Suche nach Fördermöglichkeiten unterstützt.

Hilfe bei Fördermitteln

Die Beraterin hilft Betrieben, in denen Chef oder Mitarbeiter unter gesundheitlichen Einschränkungen oder Behinderungen leiden. Für Markus Kleiner stellte sie beim Inklusionsamt einen Antrag auf Zuschuss zu den Lohnkosten. Auch die Anschaffung eines Getriebehebers wurde gefördert. Weil Kleiner von seinem Teilzeitgehalt nicht leben könnte, hat er außerdem bei der Deutschen Rentenversicherung (DRV) eine teilweise Erwerbsminderungsrente beantragt.

Doch die Förderungen allein genügen nicht, um Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen sinnvoll einsetzen zu können, betont Bröll-Ostler: „Die Betriebe brauchen auch eine gewisse Kreativität.“ Wenn die Betroffenen ihren ursprünglichen Arbeitsplatz nicht mehr ausfüllen können, ließen sich Aufgaben oft umverteilen. Es gebe viele Möglichkeiten, aber auch Grenzen: „Wenn die chronische Erkrankung so einschränkt, dass Kernbereiche der Arbeit ohne Hilfe gar nicht mehr gehen, dann wird es für die Betriebe schwierig“, so die Beraterin.

Markus Kleiner ist froh um seine Arbeit in der Werkstatt. Er hätte auch das Recht auf eine Vollerwerbsminderungsrente gehabt: „Aber in meinem Alter nichts mehr zu tun zu haben und nur zu Hause zu sitzen, nein, das geht nicht. Ich brauche schon die Arbeit hier.“