Tausche Punkte gegen Klassiker: Carsharing mit Oldtimern wird immer beliebter. Für die Fahrer entfällt damit das Risiko, das ein altes Auto mit sich bringt. Trotzdem kann es teuer werden.
Mirabell Schmidt
Am Samstag mit einem Ford Mustang von 1966 zum See, am Sonntag mit einem 30 Jahre alten Porsche Carrera in die Berge und am Montag mit der Ente zum Mittagessen. Immer wieder einen anderen Klassiker zu fahren - das ist es, was Oldtimer-Fan Matthias Keul reizt.
Das was es bei normalen Autos gerade in Städten immer beliebter wird, findet auch bei Olditmer-Liebhabern eine wachsende Fangemeinde: Carsharing. Auf geringerer Basis ist das derzeit ein wachsender Markt. Dabei sind es vor allem zwei Gruppen, die sich dafür begeistern: Die, die sich einen eigenen Oldtimer nicht leisten können, aber die Klassiker gerne fahren. Und solche, die – wie Keul – zwar einen eigenen Oldtimer besitzen, aber die Auswahl an unterschiedlichen Automodellen genießen.
Tausche Punkte gegen Auto
Seit 2013 ist der 51-Jährige Mitglied bei "Automobile Meileinsteine" in Frankfurt, einem Anbieter für Oldtimer-Carsharing. 25 Fahrzeuge gibt es dort momentan zur Auswahl, aus denen die etwas mehr als 180 Mitglieder wählen können.
Das funktioniert so: Die Mitglieder kaufen durch ihre monatlichen Beiträge Punkte. Mindestens sind es 650 (179 Euro im Monat) und maximal 1.500 Punkte (359 Euro im Monat) pro Jahr. Diese Punkte können sie für Fahrten mit dem Auto ihrer Wahl einlösen. So kostet es beispielsweise 30 Punkte, um für einen halben Tag einen Ford Mustang aus dem Jahr 1966 zu fahren – für ein ganzes Wochenende werden 200 Punkte fällig. Wie viele Kilometer man fährt, ist egal. "80 bis 85 Prozent unserer Mitglieder buchen das kleinste Paket", erläutert Tobias Bittorf von Automobile Meilensteine. Sollten einem die Punkte ausgehen, kann man aufstocken.
Ähnlich funktioniert das System beim "Classic Car Club" in Köln. Hier kaufen die Oldtimer-Fans über eine Mitgliedschaft ebenfalls Punkte, die sie für die Fahrzeuge einlösen können. Wer mehr als 300 Kilometer fährt, muss jedoch pro Kilometer 50 Cent zusätzlich zahlen.
Risiko entfällt
Doch es gibt auch Sharing-Modelle ohne Mitgliedschaft, wie das von "Classic Cars Constance". Autobesitzer stellen ihre privaten Oldtimer über den Anbieter zur Verfügung, um sie zu vermieten. Teilweise gibt es allerdings Einschränkungen: Nicht alle Autos dürfen die Mieter selbst fahren, manche kommen mit Chauffeur. Oldtimerfahren will schließlich gelernt sein. Für die Selbstfahrer gibt es – wie bei allen Anbietern – eine kurze Einführung, bevor es losgehen kann.
Egal welches Modell, der Vorteil beim Sharing ist: Das einzelne Mitglied hat keine Anschaffungskosten und trägt nicht das Risiko, falls am Auto etwas kaputt geht. Bei "Automobile Meilensteine" gibt es sogar einen eigenen Mechaniker des Clubs, der sich um die technische Überwachung kümmert. Falls doch mal jemand auf der Strecke liegen bleibt, regt sich niemand auf, sagt Bittorf: "Alten Autos verzeiht man vieles."
Oldtimer werden mit der Zeit wertvoller
Das ist einer der Punkte, der Oldtimer-Fan Keul von der Mitgliedschaft überzeugt hat. Er kann verschiedene Klassiker fahren, ohne dass er sich um deren Instandhaltung Gedanken machen muss. "Ich leihe mir mindestens einmal im Monat ein Auto", sagt der 51-Jährige. Meist macht er damit kurze Ausflüge in der Region.
Nicht zu unterschätzen ist allerdings die Summe, die auch bei solchen Mitgliedschaften zusammenkommen kann – insbesondere, wenn man sich regelmäßig Autos ausleiht. "Auf Dauer kann das teurer werden als sich ein eigenes Fahrzeug zu kaufen", warnt Kfz-Meister Matthias Kemmer. Der Handwerker ist spezialisiert auf die alten Fahrzeuge. Oldtimer hätten kaum Wertverlust, erinnert er.
Bei einigen Autos gilt sogar das Gegenteil: Durchschnittlich verzeichnen automobile Klassiker eine Wertsteigerung von acht Prozent pro Jahr - sofern sie in einem guten Zustand sind. Die Kfz-Steuer für Autos mit H-Kennzeichen ist zudem vergleichsweise gering. Hat man sich den Oldtimer erst einmal angeschafft, ist die Haltung relativ günstig – wenn an dem alten Fahrzeug nichts kaputt geht.
Traum vom Buckelvolvo
Doch auch Kemmer meint: Wer hin und wieder mal eine anderes Auto fahren möchte, für den eignen sich die Carsahring-Modelle auch für Oldtimer. Es sei zudem eine Bereicherung der Szene. Gerade für "weniger Bastelaffine entfallen damit die Scherereien", sagt der Kfz-Meister.
Für echte Oldtimer-Liebhaber geht seiner Meinung nach aber kein Weg am eigenen Fahrzeug vorbei. "Das ist für jeden das ureigene Bestreben", sagt Kemmer lachend. "Eingefleischte Oldtimer-Fans gehen abends in die Garage, um ihr Auto noch einmal zu streicheln." Dass jemand Fremdes gar mit ihrem Schätzchen fährt? Für viele unvorstellbar.
So extrem ist die Liebe zu seinem Auto bei Keul nicht. Seine eigenen Oldtimer möchte er aber trotzdem nicht missen. Und ein Traum steht noch aus: Einmal einen "Buckelvolvo", den PV 544, zu fahren.