Mobilität -

Rückenwind für Lastenräder Cargobikes im gewerblichen Einsatz: So funktioniert es

Immer mehr Handwerker entdecken Cargobikes als Ergänzung ihres Fuhrparks. Manche verzichten gleich ganz auf Transporter und radeln lieber zum Kunden.

Wenn bei schönem Wetter alle seine sieben Angestellten unterwegs sind, dann zieht es auch Dachdeckermeister Mathias Greuner nach draußen. Reparatureinsätze oder Klempnerarbeiten übernimmt der Chef gern selbst, um keinen seiner Gesellen von einer Baustelle abziehen zu müssen. Einen zusätzlichen Transporter braucht er dafür nicht.

Elektroantrieb hilft über den Berg

Der Inhaber der Firma Porstendorfer in Dresden-Klotzsche fährt lieber mit dem Fahrrad, genauer gesagt mit einem E-Cargobike. Auf der Pritsche des Dreirads kann Greuner bis zu 200 kg transportieren. Der Elektroantrieb sorgt dafür, dass die Steigung von der Innenstadt hinauf nach Klotzsche nicht zur Torture wird. Mit der Reichweite von rund 35 km hat Greuner kein Problem, um seine Kundschaft im Umkreis von 10 bis 15 km zu bedienen.

Mit seinem Lastenfahrrad liegt der Dachdeckermeister im Trend. Bei einer Umfrage des Lobbyverbandes Cycling Industries Europe (CIE) unter den Herstellern von 38 Cargobike- Marken bezifferten diese das Wachstum der Verkaufszahlen für 2019 auf 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allein in Deutschland wurden nach Angaben des Zweirad Industrie Verbandes 75.950 Lastenfahrräder verkauft, 54.400 davon hatten einen Elektroantrieb – so wie das Cargobike von Mathias Greuner, der sich beim Kauf vor zwei Jahren für das Modell Musketier entschieden hatte.

Radkutsche aus Tübingen

Stefan Rickmeyer, Gründer und Geschäftsführer von Radkutsche

Hergestellt wurde das Lastenrad im Handwerksbetrieb Radkutsche bei Tübingen, der neben dem zweispurigen Musketier auch ein einspuriges Modell namens Rapid anbietet. Als Geschäftsführer Stefan Rickmeyer vor 15 Jahren das Unternehmen gründete, saßen die meisten Kunden noch in den Niederlanden, in Österreich oder in der Schweiz. Inzwischen hat sich Deutschland zum wichtigsten Markt entwickelt, was auch die CIE-Umfrage bestätigte. Die Vertreter von 16 der 38 Cargobike-Marken gaben Deutschland als wichtigsten Einzelmarkt in Europa an.

"Das Ansehen der Lastenräder ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Immer mehr Leute wollen etwas für ihre Gesundheit tun und haben daher keine Scheu mehr, vom Auto aufs Lastenrad umzusteigen", sagt Stefan Rickmeyer. Mitunter würden Handwerker früh mit dem Cargobike ihre Kinder in die Kita fahren und an­schließend mit der Werkzeugkiste auf die Baustelle. Zur Kundschaft von Radkutsche gehören Elektriker, SHK-Installateure, Dach­decker, Schornsteinfeger, Fliesenleger oder Metzger, die das Lastenrad fürs Catering nutzen. Viele hätten in der Corona-Krise mit einem Auslieferungsservice begonnen. Da eigne sich ein Lastenrad mit speziellem Aufbau besonders gut.

Viel Nutzlast, wenig Eigengewicht

So lässt sich das dreirädrige Musketier wie ein kleiner Transporter ausrüsten. Radkutsche bietet seine Räder mit kompletter Ausstattung – vom Schraubstock bis zu den Regalsystemen führender Hersteller wie Bott oder Sortimo, die ihre Produkte eigentlich für Kastenwagen entwickelt haben. "Wenn wir aber über saubere Mobilität sprechen, dann sind Lastenräder durch ihr gutes Verhältnis von Eigengewicht zu Nutzlast unschlagbar", sagt Rickmeyer. Ein Musketier kann rund das Doppelte seines Eigengewichts schultern, während ein Kompakttransporter nur die Hälfte seines Leergewichts transportieren darf.

Nur Fahrräder im Fuhrpark

Theodor Röhm, der radelnde Installateur

Bei Dachdeckermeister Mathias Greuner, dessen Investition in ein Cargobike vom Bund mit 2.500 Euro gefördert wurde, stehen trotzdem noch drei konventionelle Transporter im Fuhrpark. So läuft das in den meisten Handwerksbetrieben. Im SHK-Betrieb von Theodor Röhm in Bremen hingegen ist der Firmenname Programm: "Der radelnde Installateur". Alle Mitarbeiter sind ausschließlich mit dem Fahrrad unterwegs. Zum Fuhrpark gehören acht Lastenräder (drei davon mit E-Antrieb), ein Dreirad-Liegerad mit Hänger und ein Expressrad. Am liebsten würde der Diplom-Ingenieur ein Netzwerk der radelnden Installateure gründen, um das Radfahren im Handwerk noch populärer zu machen.

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