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Von Leim und Leidenschaft Buchbinderin: Ein Beruf mit vielen Seiten

Während die Digitalisierung und der technologische Wandel rasend schnell voranschreiten, wirkt das traditionelle Buchbindehandwerk wie aus einer anderen Zeit. Was Kaninchenhaut und Béchamelsoße mit der Jahrhunderte alten Technik zu tun haben, zeigt Sabine Stahl mit ihrer Buchbinderei in Marktbreit.

Schon beim Eintreten in die kleine, modern eingerichtete Werkstatt riecht es nach Leim und alten Büchern. Der erste Blick fällt auf die schweren Maschinen, die sich über den Raum verteilen. Dazwischen liegen Bücherstapel, allerlei Werkzeuge, Pinsel und Aufträge von Kunden. Kaum eines der Geräte arbeitet mit Strom. Die Digitalisierung scheint hier noch weit entfernt.

Sabine Stahl steht an ihrer Werkbank am Fenster und streicht über den Stoff des Einbandes eines alten Wilhelm-Busch-Albums. Die vergilbten Seiten fallen teilweise schon auseinander. Als sie es aufschlägt, rascheln sie. "Jedes Buch ist anders. Wie viel Arbeit ein Buch in Anspruch nimmt, kann ich pauschal nicht sagen", erzählt sie.  Mit prüfendem Blick mustert sie den Zustand des Buches. "Das hier sieht gar nicht so schlecht aus. Den alten Leim müsste ich entfernen, die losen Seiten neu verbinden, und alles neu einbinden."

In der Buchbinderei Stahl im historischen Marktbreit bearbeitet die Buchbinderin die verschiedensten Aufträge: angefangen vom abgenutzten Lieblingsroman, der einen neuen Einband braucht, über ein individuell gestaltetes Album für Hochzeitsfotos, bis zur Klebebindung für die Bachelorarbeit ist alles dabei. Auch Serien-Aufträge von Städten oder der Handwerkskammer nimmt sie entgegen. Ihre Arbeit ist vielfältig. Und alles andere als Routine. Es ist eben ein Beruf mit vielen Seiten.

Digitalisierung macht Buchbinderhandwerk zu schaffen

Ihre Begeisterung für das Buchbinden entdeckte sie vor mittlerweile 26 Jahren. Seitdem hat sich in der Branche viel verändert. Medientechnologen, die Digitalisierung und das E-Book ließen das Handwerk auf rund 500 Buchbindereien in Deutschland schrumpfen. Für die Übriggebliebenen heißt das: Je weniger Kollegen, desto mehr Arbeit. Denn einige Bibliophile, meist aus der älteren belesenen Generation der Region, bleiben dem traditionellen Handwerk weiterhin treu. "Der Buchbinder in Würzburg hört auf, also kommen die Kunden mit ihren Aufträgen zu mir", schildert Stahl. Als die Pandemie im vorigen Jahr ausbrach, stand auch in ihrer Werkstatt erstmal alles still. Doch dann trafen mehr Aufträge als sonst ein. "Per Post natürlich. Ich komme kaum noch hinterher. Da kann ein Auftrag schonmal etwas Zeit in Anspruch nehmen", sagt sie und lässt ihren Blick über die Bücherstapel schweifen.

Durch Stahls Hände sind schon viele Erinnerungen gegangen

Die Buchpresse knarzt, als Stahl sie aufschraubt und ein halb zerfleddertes Buch aus ihren Zangen befreit. Es ist ein altes Lexikon. Auf der Werkbank in der Ecke stapelt sich noch ein ganzer Turm davon. Doch sind es mehr als nur alte Bücher. Der Vater des Kunden hat sie mit Notizen versehen. Es sind aufgeschriebene Gedanken, wertvolle Erinnerungen, die zwischen den Seiten stecken. Stahl soll sie restaurieren und ihnen damit ein zweites Leben verschaffen. Darauf hat sie sich in ihrer Werkstatt spezialisiert. "An den meisten Aufträgen meiner privaten Kunden hängt ein emotionaler Wert. Viele haben etwas selbst geschrieben oder eine Sammlung, die ihnen wichtig ist", erzählt Stahl. Sie bespricht dann mit ihnen, welchen Stoff der Einband haben soll und welche Bindung gewünscht ist.

Von Totenkopflogos zu Ledereinbänden

Das Schicksal brachte sie damals zu ihrem Traumberuf. "Ich habe etwas Neues gesucht, habe Veränderung gebraucht", reflektiert die ursprünglich gelernte Einzelhandelskauffrau, während sie aus dem Fenster blickt. "Eines Tages bin ich an der Buchbinderei Iphofen vorbeigelaufen und habe einfach mal nachgefragt, ob sie Leute suchen. Und tatsächlich!" Sie lacht. Zehn Jahre lang hat sie dort ausgeholfen und das Handwerk erlernt, bis sie sich mit ihrer eigenen Werkstatt selbstständig machte. Mittlerweile hat sich die Buchbinderei Stahl einen guten Ruf erworben. Stahl zieht die Schultern hoch. "Ich sage mal, ich habe mich gut eingearbeitet." In ihrem vorherigen Job hat sie für eine Stickerei Totenkopflogos für die Jacken eines Motorradclubs gezeichnet. Über die Veränderung ist sie heute glücklich. "Eine Familie könnte ich allein mit dem Buchbinden zwar nicht ernähren. Aber ich kann sagen, dass ich meine Leidenschaft zum Beruf gemacht habe", grinst sie.

Wie sehr sie die Arbeit erfüllt, sieht man in ihren leuchtenden Augen, als sie von einem besonderen Auftrag erzählt: Ein Gästebuch mit einem Sprungrückeneinband. "Das erfüllt das Herz eines Buchbinders, weil man seine handwerklichen Fähigkeiten richtig anwenden kann", sprudelt es aus ihr hervor. Sie holt ein ähnliches Gästebuch hervor, das eine solche Bindung besitzt. Auf den ersten Blick wirkt es schlicht. Als sie es geöffnet auf dem Tisch ablegt, bleiben die Blätter jedoch ohne Wölbung flach liegen. Dahinter steckt ein Mechanismus, der nicht selbstverständlich ist. Für den Rücken des Buches müssen Seite für Seite in mehreren Lagen aneinander geleimt werden. Die zusätzlich eingebaute Feder – ebenfalls aus Pappe – sorgt für eben dieses "Aufspringen" des Buches. "Solche Aufträge bekomme ich selten. Das sind meistens Städte, die sich sowas leisten können", sagt Stahl.

Nachdenklich streicht sie über den Spann des Buches, den sie mit feinen grün-gelben Stickereien verziert hat. Ihre Augen werden trüb. "Manchmal frage ich mich, ob die Leute überhaupt wertschätzen, wie viel Arbeit ich in so ein Buch stecke. Was ich da alles mache, so ganz im Detail." Doch dann fällt ihr eine Geschichte ein. Lachend erzählt von einem ihrer Kunden: "Er hat gesagt: Wenn wir heute Essen gegangen wären, hätten wir mehr gezahlt, wie für dieses Buch. Aber an Ihrem Buch haben wir uns den gesamten Tag erfreut." Und schon ist das Funkeln in ihren Augen wieder zurück.

Kaninchenhaut und Béchamelsauce

Die Buchbinderin hält jetzt ein Tütchen mit Leimkugeln in der Hand, von dem ein intensiver Geruch nach Knochen ausgeht. "Für Restaurations-Aufträge verwende ich manchmal noch Knochenleim. Früher wurde er in jeder Buchbinderei verwendet. Er wird aus Kaninchenhaut hergestellt", erklärt sie und steckt das Tütchen wieder weg. Denn für ihr aktuelles Projekt braucht sie einen klassischen Leim, den sie in einer Schüssel aus Wasser und Stärke anrührt. Bis dieser die optimale Konsistenz hat, kann es allerdings eine dreiviertel Stunde dauern. "Es ist wie Béchamelsauce: Man muss ihn lange kochen und dabei ständig rühren. Das hat sich bewährt", vergleicht Stahl den Prozess.  Manchmal – wenn sie nicht gerade mit ihren Aufträgen beschäftigt ist - lässt sie auch ihrer Kreativität freien Lauf. Dann geht sie ihren eignen Ideen nach. So wie bei dem schönen dünnen Heft mit den roten Stickereien, das auf dem alten Stapelschneider liegt. "Das war einfach eine Eingebung, der ich nachgehen musste", erwähnt sie.

In der Buchbinderei Stahl wird klar: Bücher sind etwas Kostbares. Besonders, wenn sie mit einem individuellen Einband versehen sind. Doch dem Wandel der Zeit verschließt sich selbst die Buchbinderin nicht. "Mittlerweile habe ich auch viele Bücher digital und lese sie auf meinem Handy. Mein Mann und ich verreisen eben gerne", bekennt sie und deutet aus dem Fenster auf den VW-Bus, der vor ihrem Grundstück steht. "E-Books sind einfach praktisch. Wenn mir ein Buch besonders gefällt, kaufe ich es aber trotzdem noch und stelle es in mein Regal."

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Kooperationspartner war die Deutsche Handwerks Zeitung.

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