Das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main rückt einen umstrittenen Baustil ins Blickfeld. Die Ausstellung „SOS Brutalismus. Rettet die Betonmonster!“ läuft bis 2. April 2018.
Ulrich Steudel

Wer die Bauten des Brutalismus sieht, der glaubt zu wissen, wie dieser Architekturstil zu seinem Namen kam. Ja, man könnte diese Form des Bauens als brutal bezeichnen. Und doch führt der erste Eindruck in die Irre. Eine Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main eröffnet jetzt einen neuen Blick auf die umstrittenen Gebäude, die in ihrer Radikalität und Größe viele Betrachter verstört haben und nun vom Abriss bedroht sind.
Als Fritz Wotruba im Jahr 1964 seine Entwürfe für die Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit in Wien vorstellte, löste der Bildhauer damit einen Sturm der Entrüstung aus. Zehn Jahre sollten bis zum Baubeginn vergehen, ehe die 152 Betonblöcke – zwischen knapp zwei und 141 Tonnen schwer – ohne jede Symmetrie zu einer Kirche aufgetürmt wurden.
Seither hat sich dort ein reges Gemeindeleben entwickelt, während andernorts die ersten Bauten des Brutalismus der Abrissbirne zum Opfer fallen. Allein in Frankfurt traf es seit 2010 mit dem Historischen Museum, dem Technischen Rathaus und dem AfE-Turm drei stadtbildprägende Bauwerke.
Dementsprechend läuft die Ausstellung im DAM Frankfurt unter dem Titel "SOS Brutalismus. Rettet die Betonmonster!" . Anhand von ungewöhnlich großen Modellen und Betongüssen, die an der TU Kaiserslautern entstanden sind, soll der Brutalismus neu bewertet werden. Zu sehen sind Gebäude aus Japan, Brasilien, dem ehemaligen Jugoslawien, Israel und Großbritannien, wo das Architektenehepaar Alison und Peter Smithon mit dem Bau der Schule in Hunstanton 1953 den Brutalismus begründeten.
Aber erst der Architekt Le Corbusier verhalf dem Baustil zum Durchbruch, indem er mit unverputzten Betonoberflächen experimentierte, die er als "béton brut" bezeichnete. Auf den französischen Begriff für Sichtbeton geht die Bezeichnung Brutalismus zurück und nicht auf das herbe Erscheinungsbild vieler Bauwerke dieser Spielart der Architektur.
Dass viele der stilbildenden Gebäude des Brutalismus aus den 1950er- und 1960er-Jahren heute eher Tristesse ausstrahlen als jene Aufbruchstimmung, die ihre Erbauer ausdrücken wollten, liegt am Verschleiß. Während etwa Ziegel oder Holz in Würde altern, nagt der Zahn der Zeit am Sichtbeton, indem Witterung und Luftverschmutzung die grauen Fassaden in hässliche Hüllen verwandeln. Müssen sie deshalb abgerissen werden? An dieser Frage scheiden sich die Geister.
Der Ausstellung im DAM schließt sich im Internet eine Datenbank an, die sich als Rettungskampagne versteht und Informationen zu mehr als 1.000 Bauten bereithält.