Brüssel nimmt Normen ins Visier

Künftig soll es EU-weit auch Dienstleistungsnormen geben, um einfache Arbeiten zu standardisiere. Von Hajo Friedrich

Brüssel nimmt Normen ins Visier

Die Erfahrungen und Forderungen des Handwerks gilt es, nicht nur bei den europäischen Richtlinien und Verordnungen einzubringen, sondern auch bei den Normen. Derzeit gibt es Tausende technische, produktbezogene Normen, an die sich Betriebe halten müssen. Doch künftig soll es nicht nur für Schrauben oder Treppen Normen geben, sondern auch die derzeit rund 400 Normen für Dienstleistungen sollen in Brüssel neu geregelt werden. Das sieht ein Verordnungsvorschlag vor, den die Europäische Kommission kürzlich vorgelegt hat und der jetzt im EU-Parlament und im Kreis der 27 EU-Regierungen beraten wird.

Die Europäische Kommission, EU-Parlament und EU-Regierungen nutzen in wachsendem Maße Normen, um damit technische Details von EU-Gesetzen – etwa die der Bauproduktenverordnung aufzustellen. Das deutsche Handwerk fühlt sich in Brüssel auch auf dem wichtigen Feld der Normensetzung gut aufgestellt. Mit Klaus Yongden Tillmann steht seit Jahresbeginn ein Deutscher an der Spitze des Europäischen Büros des Handwerks und der KMU für Normung. Die Institution trägt den Namen NORMAPME.

Mehr Bürokratie?

Wachsamkeit sei hier geboten, heißt es. Denn in Brüssel sei nie ausgeschlossen, dass trotz vollmundig verkündetem Bürokratieabbau ("Think small first") durch Normungsprojekte neue Belastungen für Klein- und Mittelbetriebe ausgelöst werden. Als ein Einfallstor sehen Mittelstandsexperten die europäische Dienstleistungsrichtlinie, die es Kunden erleichtern soll, ausländische Dienstleister in Anspruch zu nehmen.

Worum geht es: Das Regelwerk sieht weitreichende Anforderungen an Maßnahmen zur Qualitätssicherung vor. So sollen Dienstleistungserbringer dazu angehalten werden, freiwillig die Qualität der Dienstleistungen etwa durch Zertifizierung ihrer Tätigkeiten oder Bewertung durch unabhängige oder akkreditierte Einrichtungen sicherzustellen. Ist das bereits im deutschen Handwerk Standard oder werden hier neue, zeit- und kostenaufwendige Zertifizierungsanforderungen geschaffen, fragen nun Experten.

Wichtigstes Kriterium für eine hohe Dienstleistungsqualität und -sicherheit sei die Qualifikation derjenigen, die Dienstleistungen erbringen, heißt es im Zentralverband des Deutschen Handwerks. Die Gefahr einer umfassenden Dienstleistungsnormung bestehe darin, dass vermehrt einfache Tätigkeiten aus komplexeren Berufsqualifikationen herausgelöst werden, um sie zu standardisieren. Dies käme einer Absenkung qualifikatorischer Anforderungen gleich und Deutschland verliere einen wichtigen Wettbewerbsvorteil, sagen Experten des deutschen Handwerks.

Wichtige Stellschrauben

Normen sind wichtige Stellschrauben für das alltägliche Wirtschaftsleben. So kümmern sich die EU-Beamten zum Beispiel um das Thema Schweißen ("Ausführung von Stahltragwerken und Aluminiumtragwerken") oder um Normungen bei Fenstern ("Fenster und Türen Luftdurchlässigkeit – Prüfverfahren").

Europäische Normen werden durch die europäischen Normungsinstitute, Europäisches Komitee für Normung (CEN) und Europäisches Komitee für elektrotechnische Normung (CENELEC) und European Telecommunications Standards Institute (ETSI), erarbeitet. Es sind private Unternehmen, die sie durch Mitgliedsbeiträge finanzieren. Die Beitragshöhe der Mitglieder entscheidet wesentlich über den Einfluss. Die Arbeitssprache in den Fachgremien ist Englisch, bis zur Annahme von Normen vergehen meist viele Jahre.


Ein ausführliches Interview mit Klaus Yongden Tillmann von der NORMAPNE zu diesem Thema lesen Sie hier.