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Brexit-Votum: Was Handwerker jetzt tun können Brexit: Verträge prüfen und Brexit-Klausel aufnehmen

Nach dem Votum gegen das Austrittsabkommen, wird ein harter Brexit wahrscheinlicher. Handwerker, die in Großbritannien Geschäftsbeziehungen pflegen, sollten jetzt ihre Lieferketten prüfen.

Das britische Parlament hat sich gegen das Brexit-Abkommen von Theresa May entschieden. Doch was daraus jetzt folgt, ist immer noch unklar. Die Optionen reichen von der Verschiebung des Austritts über einen harten Brexit bis hin zu einem erneuten Referendum.

Klar ist: Ohne ein Abkommen würde die Übergangsphase wegfallen, in der sich für die EU und das Vereinigte Königreich bis Ende 2020 nichts ändern würde. Bei diesem so genannten harten Brexit endete die Mitgliedschaft Großbritanniens mit dem 29. März 2019. Das Land erhielte den Status eines Drittstaates und unterläge den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO).

"Wir rechnen in diesem Fall mit Zöllen in Milliardenhöhe für deutsche Unternehmen und mit jeder Menge neuer Bürokratie", sagt Aline Theurer, Außenwirtschaftsberaterin bei Handwerk International Baden-Württemberg. Ob es so weit kommt, ist nicht klar, dennoch empfiehlt sie Handwerksunternehmen, die Geschäftsbeziehungen mit Großbritannien pflegen, schon jetzt die Überprüfung ihrer Lieferketten. Darunter fällt zum Beispiel die Frage, wo die Verantwortung des Lieferanten endet und die des Kunden anfängt.

Incoterms in den Verträgen prüfen

Teil dessen sind die so genannten Incoterms in bestehenden Verträgen, die dazu führen könnten, dass deutsche Handwerksunternehmen unerwartet die Logistik- und Zollkosten tragen müssen. Heißt es dort EXW (Ex Works) bietet der Verkäufer die Ware versandfertig an seinem Standort an. Mit dieser Regelung muss der Käufer für Logistik- und Zollkosten aufkommen. Heißt es dagegen DAP (Delivered at Place) trägt der Verkäufer die Zollkosten. Damit wären der Lieferant für Kosten und Logistik verantwortlich. "Falls es keine Liefer- und Transportbedingungen gibt, vereinbaren Sie noch welche", rät Theurer.

Theurer empfiehlt, für alle Eventualitäten vorzusorgen. Dazu gehört auch eine Brexit-Klausel, die in Verträge mit aufgenommen werden sollte. Mit der Klausel stehe es den Parteien frei, bei spürbaren finanziellen Auswirkungen des Brexit, den Vertrag zu kündigen oder Preisanpassungen vorzunehmen.

Sollte der Vertragspartner nicht zustimmen, könnten die Firmen kürzere Laufzeiten in der Übergangsphase vereinbaren, um zu einem früheren Zeitpunkt neuere Verträge an die wirtschaftlichen Auswirkungen anpassen zu können. Weitere Tipps und Beratung rund um den Brexit und was Unternehmen bei Warenlieferungen und Dienstleistungen beachten müssen, finden Sie auf den Seiten von Handwerk International Baden-Württemberg.

Mögliche Schäden mindern

Für Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), wird nach dem Votum vom 15. Januar ein harter Brexit immer wahrscheinlicher. Unternehmen sollten sich jetzt verstärkt anhand der DIHK-Brexit-Checkliste vorbereiten. Für deutsche Unternehmen stehe einiges auf dem Spiel. Schließlich sei Großbritannien mit einem Handelsvolumen von 122 Milliarden Euro Deutschlands fünftwichtigster Handelspartner. Brexit-Checkliste

John Hammond, Partner der Wirtschaftskanzlei CMS Deutschland, rät Unternehmen dringend dazu, Maßnahmen zu ergreifen, um mögliche Schäden zu mindern. DIe Firmen müssten darüber nachdenken, ob sie überhaupt über die Ressourcen verfügen, um zusätzliche Zollformalitäten abzuwickeln. Auch Hammond hät es für dringend geboten, die Lieferketten zu prüfen.

Harten Brexit unbedingt vermeiden

Dass sich Unternehmen jetzt auf den harten Brexit vorbereiten sollten ist weitgehend unstrittig. Wie die Entscheidung zum Brexit-Abkommen insgesamt zu bewerten ist, darüber sind sich führende Wirtschaftsforscher uneins. Clemens Fuest, Präsident des Münchner Ifo-Instituts, forderte EU und britische Regierung auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. "Ein harter Brexit mit seinen riesigen Kosten muss vermieden werden", sagte Fuest. Beide Seiten sollten das Abkommen so modifizieren, dass es für beide Seiten akzeptabel ist. Alles andere wäre ein nicht akzeptables Politikversagen.

Gabriel Felbermayr, Außenwirtschaftsexperte beim Ifo-Institut, hält die Ablehnung des Brexit-Deals durch das Unterhauses für verständlich. "Das Nein der britischen Abgeordneten zum Trennungsabkommen ist absolut nachvollziehbar, weil es das Vereinigte Königreich auf den Status einer Handelskolonie herabstufen würde. Es gewinnt keine handelspolitische Autonomie." Eine aufgewertete Zollunion, in der London mitsprechen könne, in Kombination mit zusätzlichen bilateralen Verträgen nach Schweizer Vorbild, könne die Lösung für die verfahrene Situation sein.

Britische Wirtschaft nicht vorbereitet

Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), warnt, deutsche Unternehmen müssten sich auf starke Einschränkungen einstellen und ihre Notfallpläne umsetzen. Hüther glaubt nicht, dass die EU nochmals auf Großbritannien zugeht und ihr Prinzip der vier Freiheiten beim Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen aufbricht, wie es von einigen Ökonomen gefordert werde. Dieses Prinzip aufzugeben, ginge an die Grundfeste der europäischen Integration.

Dennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, fürchtet, dass ein "No Deal" den Handel zwischen Großbritannien und der EU vorübergehend komplett zum Erliegen bringen könne. "Vor allem die britische Wirtschaft muss sich dann auf gewaltige Einschnitte vorbereiten. Denn es fehlt jegliche personelle und physische Infrastruktur, um einen Handel ohne Abkommen zu kontrollieren", so Snower. Angefangen bei der Überprüfung unterschiedlicher Standards bis hin zur administrativen Erhebung von Steuern und Zöllen. fm

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