Niemand will einen No-Deal So bereiten sich Handwerksbetriebe auf den Brexit vor

Ein Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union ohne Abkommen hätte nicht nur für die Briten erhebliche wirtschaftliche Nachteile. Es drohen Zölle, Bürokratie und Wissensverlust.

Frank Muck

© Grafik: Holzmann Medien

Noch immer weiß niemand, wie der Brexit, also der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU), endet. Gibt es eine Einigung? Wie wird diese ausgestaltet sein oder gibt es gar den harten Ausstieg ohne irgendein Abkommen? Mitte Oktober konnten die Unterhändler von EU und Großbritannien wieder keinen Durchbruch erzielen.

Umso schwieriger ist es, Unternehmen, die Warenaustausch mit Großbritannien pflegen oder Dienstleistungen auf der Insel anbieten, einen Rat zu geben, wie sie künftig ihre Geschäfte handhaben sollen. Wir haben Experten und Betroffene dazu befragt.

Bisher nehmen die Unternehmen eine recht gelassene Haltung ein. Reaktionen aus dem Handwerk halten sich in Grenzen. Christoph Arnold, Leiter der Europapolitik bei Handwerk International Baden-Württemberg, verzeichnet aktuell kaum Nachfragen. Eher würden sich die Unternehmen umorientieren. Aufgrund der ungelösten politischen Situation gewännen Nachbarmärkte wie Frankreich wieder an Attraktivität.

Wer die Leistung nach wie vor will, wird sie auch weiterhin kaufen

Auch Klaus Schurig von der Altmann Laden- und Innenausbau GmbH sieht das Thema entspannt. Mit seinem 25-Mann-Betrieb bietet er weltweit hochwertigen Innenausbau, Showrooms und Ladenbau für gewerbliche und private Kunden. Sein Umsatzanteil mit dem Vereinigten Königreich liegt bei rund zehn Prozent. Schurig ist sich sicher: "Wenn die Briten nach wie vor unsere Leistung haben wollen, kaufen sie sie auch weiterhin."

Sollte es tatsächlich zu einem harten Brexit kommen, müsste er halt für die Briten ebenso Zollerklärungen und Arbeitsgenehmigungen für seine Mitarbeiter ausfüllen. Der Anteil an Bürokratie und Formalitäten werde weiter zunehmen. Viel stärker stört Schurig die Regulierungsdichte zum Beispiel mit Frankreich, die im Binnenmarkt die Dienstleistungsfreiheit konterkariert.

Barbara Peinel sieht vor allem die kleinen, ungeübten Unternehmen im Nachteil. Sie ist Expertin für Auftragsabwicklung im Ausland bei der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Schwierig wird es nach ihrer Auffassung für Unternehmen, die bis jetzt noch nichts mit Zollverfahren zu tun hatten. Komme der harte Brexit, seien die zu erwartenden Zollmodalitäten für kleine Firmen nur schwer zu bewältigen.

Den Ausstieg ohne Abkommen will niemand

So oder so will niemand einen Brexit ohne Abkommen. Zu eng sind die wirtschaftlichen Verflechtungen mit dem Vereinigten Königreich. Gibt es keinen Ausstiegsvertrag, fallen die Handelsbeziehungen automatisch auf die Standards der Welthandelsorganisation (WTO) zurück. Das bedeutet Zölle und Einfuhrbeschränkungen, die für die Unternehmen auf beiden Seiten des Ärmelkanals spürbar sind, so das ifo-Institut in München. Das Wirtschaftsinstitut plädiert deshalb dafür, bei den Verhandlungen die wirtschaftlichen Verluste durch Handelsbarrieren möglichst klein zu halten.

Dabei ist nach Erkenntnissen des Ifo-Instituts der Handel Deutschlands mit den Briten von großer Bedeutung. Der bilaterale Exportüberschuss im Güterhandel betrug 2016 fast 51 Milliarden Euro, mehr als mit jedem anderen Handelspartner in der Welt.

Noch Mitte Oktober hatte beim Parlament der Unternehmen in Brüssel Eric Schweitzer vor einem ungeordneten Brexit gewarnt. "Vom Export nach Großbritannien sind 750.000 Arbeitsplätze abhängig", so der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages.

Das Handwerk erwartet ebenfalls Probleme. Nach einer Umfrage des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) sehen 40 Prozent der Außenhandelsexperten die Gefahr von rückläufigen Umsätzen durch den EU-Austritt – ein hoher Anteil im außenwirtschaftlich eher geringer geprägten Wirtschaftssektor Handwerk.

Auswirkungen sind schon jetzt zu spüren

Die Auswirkung des Brexits sind allerdings schon jetzt zu spüren – bei Luisa Kynast etwa. Die Geschäftsführerin von w&k Elektrotechnik aus dem thüringischen Dermbach/Rhön ist seit Beginn der 2000er-Jahre in Großbritannien tätig. Ihre Firmen verkaufen Schaltschränke und installieren Elektroanlagen in Discounter-Märkten. Die Investoren seien inzwischen sehr zurückhaltend, sagt Kynast. Aufgrund der unklaren politischen Situation wurden einige Projekte verschoben. Im Einzelhandel werde jedoch nach wie vor gebaut. Ob mögliche Restriktionen für deutsche Unternehmen nach einem Brexit-Entscheid weiterhin den Aufwand rechtfertigen, müsse sie dann im Einzelfall entscheiden, so Kynast. Der Verkauf von Schaltschränken werde sicherlich fortgesetzt werden können, hofft die Unternehmerin.

Der Export deutscher Waren leidet laut Institut der deutschen Wirtschaft bereits. Denn nach dem Referendum sei das britische Pfund um mehr als zehn Prozent abgewertet worden und habe so die deutschen Ausfuhren verteuert. Im zweiten Halbjahr 2016 seien die Warenlieferungen deshab eingebrochen. Seitdem habe sich die Menge der Warenlieferungen wieder etwas stabilisiert.

Wissenstransfer sollte nicht verloren gehen

Doch es geht nicht allein um Waren und Dienstleistungen. Marie-Theres Sobik verweist auf den Wissenstransfer. Was etwa passiert mit dem Austausch von Praktikanten und Auszubildenden, fragt die Außenwirtschaftsberaterin der Handwerkskammer Düsseldorf. Sollten diese lang etablierten Transfer-Mechanismen nicht mehr reibungslos ohne Visa oder anderen aufwendigen Papierkram funktionieren, sei das ein Riesenverlust für das System.

Einigen sich beide Parteien auf ein politisches Abkommen, tritt ab dem Austrittstermin 30. März 2019 die Übergangsphase bis 2020 in Kraft, in der Großbritannien noch im EU-Binnenmarkt und in der Zollunion bleibt. Gibt es kein Ergebnis, gelten ab 30. März 2019 die Regeln der WTO. Der ZDH hat zur Vorbereitung auf dieses Szenario ein paar Fragen formuliert, die sich Handwerksunternehmen stellen sollten (siehe Link unten). In jedem Fall raten Experten dazu, Tätigkeiten, die für das Frühjahr 2019 geplant sind, auf den Prüfstand zu stellen.

Haben Sie Fragen zum Brexit? Antworten finden Sie unter zdh.de - brexit