Braucht das Handwerk die Hauptschule?

Die Bildungskommission der CDU verabschiedet sich von der Schulform. Das Handwerk macht sich Sorgen um seinen Nachwuchs.

Burkhard Riering

Schule aus? Um die Hauptschule wird in den nächsten Monaten noch gerungen werden. Die Meinungen gegen weit auseinander. - © Fotolia

Braucht das Handwerk die Hauptschule?

Joachim Krimmer hat nichts zu klagen. Mit Hauptschulabgängern habe er in seinem Sanitär- und Heizungsbau-Betrieb in Leutkirch im Allgäu stets gute Erfahrungen gemacht. In den vergangenen 20 Jahren dürften es um die 50 Azubis gewesen sein, die von der Hauptschule zu Krimmer kamen. Nur drei von der Realschule habe er in der Zeit eingestellt und die sind schon wieder weg.

Das Handwerk ist deutschlandweit erste Anlaufstelle der Hauptschulen. Mehr als 50 Prozent der neuen Lehrlinge im Handwerk kamen 2010 von der Hauptschule. Doch jetzt droht ihr das Ende: Die CDU fordert die Abschaffung der Schulform, künftig soll es statt dem dreigliedrigen Schulsystem nur noch zwei Schulformen geben: das Gymnasium und eine weitere Schule.

Das Handwerk ist bei der Frage gespalten. Joachim Möhrle, Präsident des Baden-Württembergischen Handwerkstags, bezeichnet den Plan der von Kanzlerin Angela Merkel eingesetzten Bildungskommission als "einen bemerkenswerten Schritt in die richtige Richtung" und verweist auf die Nachwuchsprobleme, die das Handwerk bereits hat. Nach seiner Ansicht steigt das Niveau der Schüler durch längeres gemeinsames Lernen. Möhrle: "Wir brauchen auch die Leistungsstarken."

Dagegen wollen zum Beispiel Hessen und Bayern ihre Hauptschule behalten. "Bewährte Strukturen soll man nicht einfach zerschlagen", sagt Bayerns Handwerkspräsident Heinrich Traublinger. Er erinnert daran, dass zwei Drittel der Handwerkslehrlinge in Bayern aus der Hauptschule kommen. Im Freistaat gibt es auch weiterhin drei Schulformen, die Hauptschule ist kürzlich zur Mittelschule umgetauft worden.

Das Ziel ist die Oberschule

Ende Mai hatten Bildungsministerin Annette Schavan und der sächsische Kultusminister Roland Wöller (beide CDU) vorgeschlagen, das dreigliedrige Schulsystem abzuschaffen. Hauptschule und Realschule sollen zur Oberschule verwachsen. Die Oberschule könne je nach Bundesland anders bezeichnet werden. Wöllers Botschaft lautet: "Die Hauptschule ist nicht mehr zu retten."

Zwei Gründe stehen hinter den Plänen: Erstens wird die Hauptschule immer unbeliebter, die meisten Eltern versuchen, ihre Kinder mindestens auf die Realschule zu schicken. Zweitens sinken die Geburtenzahlen weiter, Verlierer ist: die Hauptschule.

Sachsen ist aus Sicht der Bildungskommission Vorbild für ein zweigliedriges System. "Das Modell Mittelschule hat sich bei uns bewährt: Das zeigen auch diverse PISA-Studien, die Sachsen immer wieder an der Spitze sehen, auch wenn die Wirtschaft nicht immer mit den Absolventen zufrieden ist", sagt Andreas Brzezinski, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Dresden. Dieses Modell sei aus Sicht des Handwerks ganz sicher auf Deutschland übertragbar "ohne dass jemand Schaden nimmt, im Gegenteil", ergänzt Brzezinski.

Für den Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) ist vor allem entscheidend, dass die Schülerinnen und Schüler in Zukunft individuell gefördert werden und Chancengerechtigkeit existiert. „Daher steht für uns weniger die Schulstruktur, sondern vielmehr die Qualitätsverbesserung im Vordergrund“, betont ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke. Wichtige Schritte seien der Ausbau von Ganztagsschulen mit einem ganztägigen Curriculum, die Anschlussfähigkeit für weiterführende Schulabschlüsse sowie eine praxisnahe Berufsorientierung an allen allgemeinbildenden Schulen.