Orte mit Handwerkstradition Wo die größte Bootsbauschule Deutschlands sitzt

Mit seiner verkehrsgünstigen Lage für Handelsflotten stieg Lübeck im 14. Jahrhundert zur "Königin der Hanse" auf. Die Zeit der großen Werften ist inzwischen vorbei, der Bootsbau ist aber immer noch präsent. Dafür sorgt auch die größte Talentschmiede im Land.

Bootsbau
Lübeck und sein Stadtteil Travemünde sind beliebte Urlaubsregionen und für viele Segler die erste Anlaufstelle an der Ostsee. Manche der Bootsbaubetriebe haben sogar Kunden aus der Schweiz. Deshalb gehören zum Service oftmals auch Liegeplätze im Hafen und Winterlager. - © LBS Lübeck

Die Uferpromenade ist gut besucht. Die Travemünder Woche steht bevor, eine Mischung aus Regattasegeln und maritimen Volksfest, die rund 600.000 Besucher anzieht. Während manche Touristen zu den Strandkörben schlendern, suchen andere Schatten in den Restaurants am Hafen.

Unweit entfernt befindet sich eine Anlegestation. Mit einer kleinen Fähre geht es in wenigen Minuten hinüber zur Halbinsel Priwall. Von Bord schweift der Blick über die Segelmasten. Jollen und Jachten schaukeln sanft im blau schimmernden Wasser. Postkartenidylle.

Auf der anderen Seite erwartet die Gäste einer der breitesten Naturstrände der Region. Vorbei an zahlreichen Appartements und Ferienhäusern führt der Weg in die Wiekstraße 5. Hier befindet sich die "Berufsschule der Handwerkskammer Lübeck/Landesberufsschule für Bootsbauer", die bundesweit größte Ausbildungsstätte für diesen Handwerksberuf.

Junge Menschen aus 13 Bundesländern erlernen dort die Grundlagen des Bootsbaus oder bilden sich zu Bootsbaumeistern weiter. "In jedem Bundesland eine eigene Berufsschule mit den benötigten Klassenräumen, Werkstätten und dem Personal aufzubauen, wäre mit Blick auf die verhältnismäßig kleine Zahl der Auszubildenden nicht sehr wirtschaftlich", begründet der stellvertretende Schulleiter Werner Feyerabend. Mit seiner langen Tradition im Schiffs- und Bootsbau sei Lübeck-Travemünde als Standort prädestiniert.

In den vier Jahrgängen sind derzeit etwa 430 Lehrlinge eingeschrieben, Tendenz steigend. Eine Besonderheit der Schule ist, dass der Unterricht in mehrwöchigen Blöcken organisiert wird und die Lehrlinge in einem angeschlossenen Internat untergebracht sind. "Die intensive Zeit vor Ort stärkt die Gemeinschaft ungemein. Bei uns werden Freundschaften fürs Leben geschlossen", erzählt der stellvertretende Leiter stolz.

Technik und Digitalisierung verändern das Berufsbild der Bootsbauer

Dreieinhalb Jahre dauert die Ausbildung zum Bootsbauer und damit länger als in den meisten anderen Handwerksberufen. Nach einer gemeinsamen Grundausbildung von zwei Jahren können sich die Lehrlinge auf die Fachrichtungen "Neu-, Aus- und Umbau" oder "Technik" spezialisieren. "Früher gab es nur den klassischen Bootsbauer. Mit der zweiten Fachrichtung tragen wir der steigenden Nachfrage nach Technik und Digitalisierung an Bord Rechnung", sagt Feyerabend.

Insgesamt habe sich das Berufsbild in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gewandelt, was auch neuen Materialien sowie höheren Anforderungen an Arbeits- und Umweltschutz geschuldet sei. "Die Ausbildung ist relativ anspruchsvoll. Interesse an Mathematik und Physik sowie ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen sind gute Voraussetzungen. Zudem sollte man körperlich belastbar sein, da die Arbeit am, auf und unter dem Boot nicht nur in der Werkhalle, sondern auch bei Wind und Wetter draußen stattfindet."

Böbs Werft
Die Böbs-Werft ist einer der traditionsreichsten Bootsbaubetriebe der Region. - © Böbs

Als Lohn der Mühe stünden nach der Ausbildung viele Türen offen. "Arbeitslosigkeit ist in unserer Branche kein Thema", sagt Feyerabend. Die "Hightech"-Handwerker, wie er sie bezeichnet, sind dank ihrer gewerkeübergreifenden Fertigkeiten auch in der Industrie sehr begehrt. "Sie benötigen in der Luftfahrt oder auch der Windkraft ähnliche technische Kompetenzen wie bei uns. Deshalb sind Bootsbauer dort gern gesehene Fachkräfte, die teilweise direkt nach der Lehre abgeworben werden." Mit Blick auf die dortigen Gehälter sei es teils schwierig, talentierte Leute im Handwerk zu halten. Das ärgere ihn zwar etwas, belege aber auch die hohe Ausbildungsqualität.

Mit dem kleinen Passagierschiff geht es wieder zurück auf die andere Seite von Travemünde. Dort befindet sich mit der Böbs-Werft einer der traditionsreichsten Bootsbaubetriebe der Region, der, 1912 gegründet, inzwischen in dritter und vierter Generation von Seniorchef Heinrich Böbs und seinem Sohn Lars-Erik geführt wird. Auch Frau und Tochter des 70-jährigen Chefs sind an Bord des Familienunternehmens.

Neben umfangreichen Arbeiten in den Bereichen Holz-, Metall- und GfK- Bootsbau, Jachtlackierungen und Jachttechnik, bietet die Böbs-Werft ihren Kunden ein großes Winterlager sowie einen Jachthafen mit 180 Liegeplätzen. Eine Besonderheit ist das vielleicht kleinste Schwimmdock der Welt. "Damit können wir bis maximal 30 Meter lange Schiffe, wie etwa Fahrgastschiffe oder historische Segelschiffe, die bis zu 150 Tonnen verdrängen, unter Wasser bearbeiten", erklärt Heinrich Böbs.

Tourismus nimmt Handwerksbetrieben den Platz zum Wachstum

Wie viele seiner Kollegen in der Region bietet auch die Böbs-Werft inzwischen keinen Neubau von Booten mehr an. Dies könne man nicht nebenbei machen, sondern binde hohe Investitionen und viel Personal. Zudem habe sich der Markt seit dem Boom von seriengefertigten glasfaserverstärkten (GFK) Kunststoffbooten stark verändert. Holzboote könnten da preislich nicht mehr mithalten.

Deshalb seien heute nur noch wenige Betriebe auf den handwerklichen Bootsneubau spezialisiert. "Die Erbringung von kompletten Jacht-­Refits, Reparaturen und Dienstleistungen rund ums Boot ist für uns rentabel und das unternehmerisch geringere Risiko", sagt Böbs. Auch wenn die Geschäfte gut laufen, wünscht er sich mehr Unterstützung seitens der Politik für die traditionsreiche maritime Region rund um Lübeck, die einst als "Königin der Hanse" bekannt wurde. Es werde zwar in politischen Reden die Bedeutung von Tradition, Handwerk und Familienbetrieben betont, aber im Handeln sei davon wenig zu spüren.

Böbs bedauert, dass an den früheren Standorten der großen Werften, von denen Anfang der 2000er-Jahre mit der Flender Werft die letzte ihren Betrieb einstellte, heute wenig für die Ansiedlung neuer und das Wachstum bestehender Gewerbebetriebe getan werde. "Viele Gewerbeflächen in Travemünde werden einer touristischen Nutzung zugeführt. Wir sind inzwischen von Ferienwohngebieten eingezingelt. Das ist aus meiner Sicht viel zu viel und zu dicht bebaut", ärgert sich Böbs. Der Tourismusverband betont indes, dass "das Maritime, das Wasser, zentrale Elemente der Marke Lübeck und der Schlüssel zum touristischen Erfolg sind", so Christian Martin Lukas, Geschäftsführer der Lübeck und Travemünde Marketing GmbH. Handwerk und Tradition seien entscheidend, um authentisch zu bleiben und die Marke Lübeck für die Gäste erlebbar zu machen.

Yachtbau Krämer
Die inzwischen strengeren Vorschriften zum Arbeitsschutz beeinflussen die Ausbildung der Bootsbauer. - © Yachtbau Krämer

Nach etwa 20 Autominuten führt die nächste Etappe der Reise auf die Teerhofinsel in der Trave. Hier führt Michael Krämer seinen Jachtbaubetrieb. Gebürtig aus dem Sauerland, ist Krämer 1988 mit seiner Familie nach Lübeck gekommen. Sein Vater gründete das Unternehmen am heutigen Standort, 1997 übernahm er als Geschäftsführer. Krämer ist auf Reparatur und Pflege von Booten spezialisiert und betreibt mit einer zweiten Firma eine Marina. "Wir haben zwischenzeitlich auch mal versucht, GFK-Neubauten wie etwa Rettungsboote für die DLRG und die Feuerwehr zu bauen. Aber da waren wir preislich nicht konkurrenzfähig." Und auch Neubauten für privat könne man nicht mal nebenbei machen und es sei ein kleiner Markt für ein ausgewähltes Publikum "Wenn sie ein acht Meter langes Holzboot haben möchten, kostet das schnell hunderttausend Euro“, weiß Krämer.

Ein großer Pluspunkt seines Standortes sei die Nähe zur Bootsbauschule, weil Lehrlinge relativ bequem zu ihm kommen könnten. Dennoch sei es nicht einfach, an Mitarbeiter zu kommen und diese länger zu halten. "Auch wir spüren die Nachfrage der Industrie und haben schon zwei Leute an Airbus verloren." Zudem sei die hohe Ausbildungsqualität auch im Ausland bekannt, sodass Bootsbauer überall Möglichkeiten hätten. Deshalb kann Krämer die vielen Anfragen manchmal nicht so schnell bearbeiten, wie er es gerne möchte.

Kritisch sieht er, dass Bootsbauleistungen vor Ort auch von Leuten angeboten würden, die keinen Meisterbrief haben, obwohl es sich um ein zulassungspflichtiges Handwerk handelt. "Wenn ich merke, dass jemand da zu aggressiv vorgeht, melde ich das bei der Handwerkskammer". Es gebe zwar jetzt eine Art Schwarzarbeitertruppe, die dagegen vorgehe, aber, ob sich das Problem damit löse, könne er noch nicht abschätzen.

Die Schönheit des Handwerks vermitteln

Die letzte Station führt in die Nähe der Lübecker Altstadt. In der Einsiedelstraße 6 hat sich Bootsbauer Jasper Simon erst vor rund zweieinhalb Jahren selbstständig gemacht. Simon stammt aus einer Handwerksfamilie, Vater und Großvater waren Tischlermeister mit eigenem Betrieb. Nach seiner Ausbildung, die Simon als Landesbester absolvierte, lässt er jedoch ein Stipendium für die Meisterschule verfallen und zieht lieber als reisender Handwerker durchs Ausland und die Küstenregion.

Hanse Werft Lübeck
Bootsbauer müssen mehrere Handwerke beherschen. Dazu zählen typische Arbeiten eines Schreiners in der Holzverarbeitung. - © Hanse Werft Lübeck

"Damals war ich noch zu sehr Abenteurer und habe mich menschlich noch nicht reif gefühlt, mich mit eigener Firma an einem festen Ort niederzulassen. Das hat sich durch meine Frau und die Familie geändert." Besonders erfüllend empfindet es Simon sein Handwerk jungen Menschen zu vermitteln und sie auszubilden. "Ein Boot ist ein unglaublich tolles und komplexes Konstrukt in seiner Kombination aus Formschönheit und Formschlüssigkeit. Und wer kann schon so etwas Elegantes aus verschiedensten Werkstoffen erschaffen, das allen Elementen ausgesetzt ist."

In seiner Werkstatt kümmert sich Jasper Simon vorwiegend um Pflege und Instandhaltung von Holzbooten und kann von den Aufträgen gut leben, wie er sagt. Dennoch beklagt auch er, dass Lübeck zu wenig für den Erhalt der langen Tradition tue. "Schiffbau und Handel haben Lübeck reich gemacht. Und es gibt wenig Postkarten der Stadt, wo sie keine Holzmasten von Traditionsschiffen sehen. Da wäre eine wirtschaftliche Förderung oder Hilfe bei der Standortsuche sehr wünschenswert."

Die Idylle der Postkarten gibt es wirklich. Ein Besuch in Lübeck lohnt sich nicht nur, um die Kunst des Bootsbaus zu bestaunen.
Mehr von der Tradition des Schiffbaus in ­Lübeck zeigt eine Ausstellung. Informationen unter geschichtswerkstatt-herrenwyk.de.

In loser Folge porträtiert die Deutsche Handwerks Zeitung besondere Orte mit Handwerkstradition. Bisher erschienen: Uhrmacherstadt Glashütte, Hutmacherort Lindenberg im Allgäu, Geigenbau im Mittenwald, Leitermacherdorf Weißenborn, Bürstenregion Schönheide, Stützengrün und Steinberg, Modeschmuck-Mekka Neugablonz, Korbmacherstadt Lichtenfels und Genussregion Oberfranken.