Die Arbeitnehmerfreizügigkeit für Osteuropäer läuft verhalten an. Sie wird den Fachkräfte-mangel nur marginal dämpfen.
Bislang noch wenig Interessean Jobs in Deutschland
Große Worte hat es im Vorfeld zur Genüge gegeben: Von einem "Massenansturm aus Osteuropa" und von "Millionen von neuen Migranten" war die Rede in den vergangenen Monaten, wenn es um die neue Arbeitnehmerfreizügigkeit für EU-Osteuropäer ging. Jetzt liegen erstmals Fakten zum Start vor: Demnach hat die Öffnung der deutschen Grenzen am 1. Mai 2011 bislang keinen Ansturm auf den deutschen Arbeitsmarkt ausgelöst.
Konkret haben sich im Monat Mai 10.235 Beschäftigte aus den acht EU-Beitrittsländern um eine Stelle in Deutschland bemüht. Zwar ist das immerhin eine Verdopplung im Vergleich zum Vormonat April. Jedoch liegen die Zahlen noch unter den Schätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB).
"Wir haben nicht mit einer Völkerwanderung gerechnet", kommentiert Frederik Karsten, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Chemnitz, die aktuellen Zahlen, die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge herausgegeben wurden. Damit werde die Einschätzung der Kammer bestätigt, wonach die Arbeitnehmerfreizügigkeit für EU-Bürger nicht zu einer Deckung des Fachkräftebedarfs in Sachsen führen wird.
Das Handwerk erhofft sich von der Arbeitnehmerfreizügigkeit Hilfestellung inmitten des Fachkräftemangels. "Bei fairen Rahmenbedingungen bietet die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit vor allem Vorteile", hatte Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, vor dem Start gesagt. Das Gros der EU-Osteuropäer geht in die Berufe der Pflegebranche und eben ins Handwerk.
Deutschkenntnisse vermisst
Allerdings muss sich das System wohl erst noch einspielen. Kammerchef Karsten bemängelt zum Beispiel die "bisweilen unzureichenden Deutschkenntnisse der tschechischen Mitbürger". Deutschkenntnisse sind in nahezu allen Betrieben Grundvoraussetzung für eine Einstellung.
Im vergangenen Mai sind dementsprechend auch nur 335 Tschechen in Deutschland wirklich sesshaft geworden. Zum Vergleich: Allein 6.836 Polen sind in dem Monat zugezogen. Die Polen sind damit auch die größte Interessengruppe aus Osteuropa, gefolgt von den Ungarn (1.559 Zugezogene im Mai). Schlusslicht sind die Esten: Aus dem Baltikumstaat kamen 42 Zuwanderer.
Verbände und Ökonomen hatten mit einem deutlich stärkeren Zustrom von Männern und Frauen aus den acht Ländern Estland, Lettland, Litauen, Polen, der Slowakischen Republik, Slowenien, Tschechien und Ungarn gerechnet. Das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln erwartete ursprünglich 370.000 Arbeitnehmer allein 2011. Und der Münchner Chef des ifo Instituts, Hans-Werner Sinn, sprach gleich von "Millionen von Migranten in den kommenden zehn Jahren" was er durchaus als notwendig erachtet.
Doch ob das etwas wird? Länder wie Großbritannien, Irland und Schweden hatten deutlich früher als Deutschland, nämlich schon im Jahr 2004, Arbeitnehmern die freie Einwanderung ermöglicht. Davon hatten die Länder im Aufschwung profitiert, während Deutschland zunehmend über Fachkräftemangel klagte. Nach Ansicht von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler hat Deutschland seine Grenzen zu spät geöffnet. "Viele hochqualifizierte Fachkräfte haben längst einen weiten Bogen um Deutschland gemacht", sagte Rösler dem "Hamburger Abendblatt".
