Serie zu 500 Jahre Reinheitsgebot Bier in Europa – ein Volksgetränk

Nicht nur Deutschland hat eine ausgeprägte Bierkultur. Auch Tschechen und Engländer lieben den Gerstensaft. In Südeuropa ist der Wein ein starker Konkurrent. Eine Reise quer durch Europa.

Steffen Guthardt

Bierkönig in Europa: Nirgendwo wird soviel Bier getrunken wie in Tschechien. Prag gilt als internationale Bierhochburg. - © Foto: jekurantodistaja/Fotolia.com

Fakten zum Biermarkt Europa

384.270.000 Hektoliter Bier

Die Herstellung von Bier beläuft sich in Europa pro Jahr auf fast 400 Millionen Hektoliter. Rund ein Viertel der gesamten Produktion findet in Deutschland statt. Kein Wunder: Der Verbrauch jedes einzelnen Bundesbürgers liegt im Schnitt bei über einem Hektoliter. Das entspricht 100 Liter Bier im Jahr. Die deutschen Biermarken haben am Weltmarkt allerdings nur einen verhältnismäßig kleinen Anteil. Führend ist die belgisch-brasilianische Brauerei ­Anheuser-Busch InBev, zu der Marken wie Budweiser zählen.

2.300.000 Jobs

Wirtschaftsfaktor Bier: In Europa sind laut Zahlen der Verbands „The Brewers of Europe“ 2,3 Millionen Menschen im Biergeschäft tätig. Abseits der industriellen Herstellung ist der Beruf des Brauers und Mälzers ein angesehenes Handwerk. Neben der berufllichen Ausbildung gibt es auch die Möglichkeit, einen Studiengang zum Diplom-Braumeister oder -Ingenieur für Brauwesen zu absolvieren. Ausgebildete Biersommeliers können Brauereien und ­Gastronomen bei der Bierauswahl beraten.

6.517 Brauereien

Auf den Britischen Inseln wird gerne Bier getrunken und auch entsprechend viel gebraut. Etwa 1.700 Brauereien gibt es laut des Verbandes „Brewers of Europe“ in England, darunter viele sehr kleine Betriebe. Das ist mehr als ein Viertel aller Brauereien in Europa (6.517). Deutschland liegt mit knapp 1.400 Brauereien auf dem zweiten Platz. Zum Vergleich: In Kroatien ist es nur gut eine Handvoll.

67 Liter Pro-Kopf-Verbrauch

Ein Europäer verzehrt im Schnitt 67 Liter Bier im Jahr. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern sind allerdings erheblich. Die Tschechen stehen mit 144 Liter pro Einwohner mit großem Abstand an der Spitze. Deutschland liegt mit knapp über 100 Litern auf Platz zwei, dicht gefolgt von Österreich. Zum Vergleich: Franzosen und Italiener kommen nicht mal auf ein Drittel dieser Trinkmenge.

  • Bild 1 von 19
    © contrastwerkstatt - stock.adobe.com
    Angeblich trinken Männer mehr Bier und Frauen mehr Wein. Sicher ist Bier in erster Linie ein Männergetränk. Allerdings hat das Bundesforschungsministerium herausgefunden, das 48 Prozent der Frauen lieber Bier als Wein trinken.
  • Bild 2 von 19
    © eyetronic/Fotolia.com
    "Bier auf Wein das lass sein": Doch ist das wirklich so? Im Mittelalter symbolisierte der Spruch die sozialen Unterschiede zwischen den einfachen Ständen und dem Adel. Ein Adeliger würde niemals Bier trinken. Das war es aber auch schon. Der Wahrheitsgehalt der Weisung tendiert dabei gen null. Denn: Es kommt immer auf die Menge an, nicht auf die Reihenfolge.
  • Bild 3 von 19
    © habrda/Fotolia.com
    Angeblich ist ein Bier erst nach sieben Minuten optimal trinkbar. Stimmt das? Nein, heute nicht mehr. Dank moderner Zapfanlagen ist es möglich ein Bier in zwei, maximal drei Minuten trinkfertig zu haben.
  • Bild 4 von 19
    © Printemps/Fotolia.com
    Bier hat kaum Nährstoffe: Im Gegenteil. Es enthält jede Menge: Kalzium, Phosphor, Magnesium und Kalium sind im Bier vorhandene Mineralstoffe.
  • Bild 5 von 19
    © by-studio/Fotolia.com
    Ist dunkles Bier wirklich stärker als Helles? Das kann man so nicht sagen. Zwischen der Farbe und dem Alkoholgehalt besteht nicht zwingend ein Zusammenhang. Die dunklere Farbe kommt dann zustande, wenn Dunkel- oder Röstmalze im Brauprozess verwendet werden. Der Alkoholgehalt ändert sich dadurch nicht.
  • Bild 6 von 19
    © Ruslan Olinchuk/Fotolia.com
    In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Brauereien in Deutschland leicht gestiegen.
  • Bild 7 von 19
    © Janvier/Fotolia.com
    Bier: kennst du eines, kennst du alle. Weit gefehlt! Der deutsche Biermarkt wird zunehmend vielfältiger und dynamischer. Derzeit gibt es in Deutschland mehr als 5.500 Biermarken – jede Woche kommt ein neues Bier auf den Markt.
  • Bild 8 von 19
    © Björn Wylezich/Fotolia.com
    Der Stammtisch stirbt aus. Das stimmt. Junge Leute, die jeden Tag in die gleiche Kneipe gehen? Das gibt es kaum noch. Bei aller Liebe zum Bier. Die Freizeitgestaltung sieht heutzutage anders aus.
  • Bild 9 von 19
    © nikkytok - stock.adobe.com
    Das stärkste Bier Deutschlands wird in Mittelfranken gebraut. Georg "Schorsch" Tscheuschner hat ein Bockbier mit 57 Prozent Alkohol nach dem deutschen Reinheitsgebot hergestellt. Damit stellte der Braumeister 2012 sogar einen Weltrekord auf.
  • Bild 10 von 19
    © industrieblick - stock.adobe.com
    Briefmarken zu sammeln war nie etwas für den Amerikaner Ron Werner. Im Alter von 14 Jahren begann er 1982, Bierflaschen aufzuheben. Rund 1.000 neue Flaschen kommen jedes Jahr hinzu. Bis heute hat Werner etwa 26.000 unterschiedliche Flaschen in seinem Besitz und dafür einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde erhalten. Nebenbei sammelt er übrigens auch Bierdosen und Zapfhähne.
  • Bild 11 von 19
    © neropha - stock.adobe.com
    Franz Stellmaszyk ist Modellbauer aus Leidenschaft und hat mit seinen Miniaturen schon zahlreiche Weltrekorde aufgestellt. Seine Mini-Bierflasche misst lediglich 15,96 Millimeter und ist damit sogar kleiner als ein Cent-Stück. Die filigrane Flasche ist sogar mit einem Bügelverschluss ausgestattet und hat es – wie zwölf andere seiner Miniaturen – ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft.
  • Bild 12 von 19
    © Frank Täubel - stock.adobe.com
    Männer mit dickem Bauch trinken dem Klischee nach zu viel Bier. Der direkte Zusammenhang zwischen Biergenuss und Bauch ist allerdings nur ein Mythos. Der Kaloriengehalt im Bier ist niedriger als z.B. in Milch oder Apfelsaft. Wie bei den anderen Getränken führt Bier deshalb nur bei einem übermäßigen Konsum zur Gewichtszunahme. Allerdings regen Alkohol und Bitterstoffe im Bier den Appetit an. In Kombination mit fettigem Essen kann das Bier zumindest den An­stoß zum "Bierbauch" geben.
  • Bild 13 von 19
    © mhp - stock.adobe.com
    Der stärkste Bierkrugträger der Welt kommt erwartungsgemäß aus Bayern. Oliver Stümpfel hat seinen eigenen Rekord überboten. 27 volle Bier­krüge – ein Gewicht von insgesamt 62 Kilogramm – stemmte er über ­eine Strecke von 40 Metern.
  • Bild 14 von 19
    © W. Heiber Fotostudio - stock.adobe.com

    Brauen war anfangs Frauensache

    Männer haben nicht nur bei den Biertrinkern, sondern auch unter den Brauern ein klares Übergewicht (rund 94 Prozent). Doch das war nicht immer so. Bei den Germanen fiel das Brauen wie Kochen und Backen in den Bereich der Frau. Und selbst Martin Luther soll von seiner Frau, Ordensschwester Katharina von Bora, das Brauen gelernt haben.
  • Bild 15 von 19
    © gstockstudio - stock.adobe.com
    Mit fast 83 Millionen Hektolitern wurde in Deutschland 2019 mehr Bier ausgeschenkt als irgendwo sonst in Europa. Spitze war auch die hierzulande produzierte Menge: 91,6 Millionen Hektoliter, von denen knapp 16 Millionen exportiert wurden. Immerhin stammen von den 40 größten Brauereien der Welt acht aus Deutschland. Geht es allerdings um den Konsum pro Kopf, so wendet sich das Blatt: Mit 142 Litern lagen die Tschechen 2019 vor den Österreichern mit 107 Litern. 100 Liter trank im Durchschnitt jeder Deutsche: Rang drei. Weit hinten hingegen rangieren Italiener, Franzosen oder Griechen.
  • Bild 16 von 19
    © SENTELLO - stock.adobe.com
    Männer mit dickem Bauch trinken dem Klischee nach zu viel Bier. Der direkte Zusammenhang zwischen Biergenuss und Bauch ist allerdings nur ein Mythos. Der Kaloriengehalt im Bier ist niedriger als z.B. in Milch oder Apfelsaft. Wie bei den anderen Getränken führt Bier deshalb nur bei einem übermäßigen Konsum zur Gewichtszunahme. Allerdings regen Alkohol und Bitterstoffe im Bier den Appetit an. In Kombination mit fettigem Essen kann das Bier zumindest den An­stoß zum "Bierbauch" geben.
  • Bild 17 von 19
    © Michael Rosenwirth - stock.adobe.com

    Bier auf dem Mond

    "Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen … ein … riesiger Sprung für die Menschheit." Die Worte von Neil Armstrong bei seiner Landung auf dem Mond sind legendär. Was viele nicht wissen: Armstrong war auch der erste Biertrinker auf dem Mond. Die leere Flasche ist heute in einem Museum ausgestellt.
  • Bild 18 von 19
    © kudosstudio - stock.adobe.com

    Volksgetränk der Tschechen

    In Tschechien ist Bier das unumstrittene Nationalgetränk. Jeder Tscheche verzehrt laut dem Verband "Brewers of Europe" im Schnitt über 140 Liter Bier im Jahr. Deutschland schafft es mit einem Pro-Kopf-Konsum von 107 Litern auf Platz zwei, dicht gefolgt von den österreichischen Nachbarn. In anderen Ländern hat Bier dagegen einen schweren Stand. Franzosen und Italiener trinken nur knapp 30 Liter im Jahr und geben häufig Rot- und Weißwein den Vorzug.
  • Bild 19 von 19
    © showcake - stock.adobe.com

    Biersuppe zum Frühstück

    Bier war früher ein beliebtes Frühstück in deutschen ­Familien – auch für Kinder. Allerdings wurde das Bier nicht im Glas, sondern in Form einer warmen Suppe gereicht. Wichtige Zutaten vieler ­Rezepte waren neben dem Bier ein altbackenes Brot und Kümmel. Die aufgekochte Suppe wurde nach Belieben mit Butter, Salz oder Zucker veredelt.

So wird Bier in Europa getrunken

Schweden

„Skål!“ heißt es, wenn sich zwei Schweden zuprosten. Wer im Restaurant ein Bier bestellt, darf allerdings nicht knauserig sein. Sechs Euro für ein Markenbier sind kein unüblicher Preis. Der Grund ist die hohe Besteuerung von Alkohol in Schweden. Ein Bier aus dem Supermarkt gibt es nicht überall zu kaufen. „Systembolaget“ heißen die unter staatlichem Monopol stehenden Geschäfte, die Bier mit über 3,5 Prozent Alkohol exklusiv verkaufen dürfen. Andere Händler haben hingegen nur das Volksbier „Folköl“ (bis 3,5 Prozent Alkohol) und das Leichtbier Latöl im Angebot, das steuerrechtlich als Erfrischungsgetränk gilt.

England

Urlauber, die in England unterwegs sind, dürfen sich den Besuch in einem Pub nicht nehmen lassen. Gereicht wird am häufigsten ein Ale, das von den Einheimischen auch „Bitter“ genannt wird. Dieses Bier wird mit obergärigen Hefen bei höheren Temperaturen vergoren. Es ist relativ arm an Kohlensäure und entfaltet sein Aroma erst bei ­etwa zehn Grad Celsius. Wohl auch deshalb wird das ­englische Bier nach deutschem Geschmack oft wenig spritzig, zu warm und etwas schal empfunden. Auch ­Porter und das kräftigere Stout sind im Königreich sehr beliebt. Das weltbekannte Guinness stammt hingegen nicht aus England, sondern von den irischen Nachbarn.

Spanien

¡Salud! Wenn in Spanien mit Alkohol angestoßen wird, handelt es sich in vielen Fällen nicht um einen spanischen Wein, sondern ein Bier. Ein Spanier trinkt zwar nicht mal halb so viel Bier wie ein Deutscher, aber mit 47 Litern im Schnitt/Jahr deutlich mehr als Franzosen und Italiener. Beliebt sind leichte Biere und auch Biermischgetränke wie das „Clara con limón“ (mit Zitronenlimonade), das einem deutschen Radler ähnelt.

Belgien

Wer beim Biertrinken besonderen Wert auf einen abwechslungsreichen Geschmack legt, ist in Belgien richtig. Einflüsse aus den Niederlanden, Frankreich und Deutschland haben zu einer ganz einzigartigen Bierkultur geführt. Das wallonische Saisonbier hat z.B. einen sanften Karamellgeschmack. Und aus Belgien kommt die angeblich älteste Biersorte der Welt. Lambic ist ein durch die so genannte Spontangärung hergestelltes Bier, das ohne den Zusatz von Hefe auskommt.

Frankreich

Wein ist unbestritten Nationalgetränk in Frankreich. Allerdings gibt es regionale Unterschiede und in manchen Landesteilen ist Bier durchaus ein beliebtes Getränk. Während im Süden fast kein Bier hergestellt wird, sitzen im Norden und Osten des Landes einige Brauereien. Bekannt ist vor allem die Kronenburg-Brauerei in Straßburg, die zur Carlsberg Group gehört. Kleine Brauereien finden sich vor allem im Elsass. Sie sind sehr experimentierfreudig und müssen sich dabei nicht an das Reinheitsgebot halten.

Italien

Pizza, Pasta und Bier? Zugegeben, Italien ist international nicht unbedingt für seine tollen Biere bekannt. Doch trotz vorzüglicher Weinsorten ist Bier in den vergangenen Jahren in der Gunst der Italiener gestiegen. Besonders handwerklich gebraute Bierspezialitäten mit Geschmacksnoten von Früchten und Gewürzen stehen hoch im Kurs. Inzwischen zählt ­Italien mehr als 300 Kleinbrauereien. Typisch italienisch wird beim Biertrinken Wert auf die Ästhetik gelegt. Ob Bierflaschen oder Biergläser – extravagant muss es sein.

Österreich

Wiener Kaffeehäuser sind legendär, in Skihütten ist Almdudler unverzichtbar und auch der Energy-Drink Red Bull ist ein Erfolgsprodukt „made in Austria“. Nicht weniger gerne trinken die Österreicher aber Bier und befinden sich beim Pro-Kopf-Konsum in einem ständigen Wettstreit mit den Deutschen. Auf über 1.000 verschiedene Biersorten kann der im Vergleich zu Deutschland flächenmäßig viermal kleinere Staat verweisen. Besonders beliebt ist das Märzen, ein untergäriges Vollbier.

Tschechien

Tschechien darf sich Europas Bierkönig nennen. Nirgendwo sonst wird so viel Bier getrunken. Aber nicht nur direkt aus dem Glas nehmen die Tschechen Bier zu sich. Diverse Spezialitäten der heimischen Küche sind mit Bier veredelt. In die Geschichte eingegangen ist auch der so genannte „Budweiser-Streit“ zwischen einer tschechischen und einer amerikanischen Brauerei um die Nutzung des Markennamens Budweiser. Inzwischen steht fest: Die tschechische Brauerei darf den Namen Budweiser in Europa nutzen. Das US-Bier darf hingegen den Namen „Bud“ in der EU verwenden.