Neue Möglichkeit, um Diskriminierung auszuschalten?
Bewerbungen anonymisieren?
PRO Frauen mit Kindern, ältere Bewerber und Menschen mit ausländischen Namen haben bei Bewerbungsverfahren deutlich schlechtere Chancen, zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Das belegen wissenschaftliche Studien und unsere Erfahrungen als Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Das ist nicht nur ungerecht, es schadet auch der wirtschaftlichen Effizienz. Deshalb haben wir bei Unternehmen und Behörden dafür geworben, ein „anonymisiertes Bewerbungsverfahren“ zu testen. Im Herbst startet das deutschlandweite Pilotprojekt mit fünf Unternehmen, darunter Deutsche Post und Deutsche Telekom sowie das Bundesfamilienministerium. Eine gesetzliche Verpflichtung wollen wir nicht. Wir setzen auf Freiwilligkeit und Überzeugung.
Kein Foto, kein Name, keine Angaben über Herkunft, Familienstand und Alter - hier stehen nur Qualifikationen im Vordergrund. Die verschiedenen Möglichkeiten, wie das in der Praxis umgesetzt werden kann, wollen wir während des einjährigen, wissenschaftlich begleiteten Modellprojekts herausfinden. Wir werben hier für eine völlig neue Bewerbungskultur. Das sorgt für heftige Diskussionen. Doch die bisherigen Gegenargumente sind oft irreführend. Manche belegen sogar eindeutig, dass der Arbeitsmarkt in Deutschland dringend neue Bewerbungsverfahren braucht. Es gibt außer bei Schauspielern und in wenigen Einzelfällen (wie eine Betreuerstelle im Mädcheninternat) kaum Berufe, bei denen das Geschlecht oder Alter - objektiv gesehen - von Bedeutung ist. Und Vielfalt tut uns allen gut.
CONTRA Die Forderung Lebensläufe generell zu anonymisieren, ist praxisuntauglich. Soll jeder Unternehmer jede Bewerbung erst an einen Dritten geben, damit dieser kostspielig und zeitaufwändig aus den Dokumenten die persönlichen Daten entfernt? Es ist absurd, wenn aus jedem Arbeitszeugnis alle „Er“ oder „Sie“ gestrichen werden. Ebenso müssten zum Beispiel alle Jahreszahlen, aus denen auf Alter und Herkunft geschlossen werden kann, geschwärzt werden. Übrig bleiben „Bewerbungsunterlagen“, mit denen niemand etwas anfangen kann.
Der ganze bürokratische Aufwand ist unnötig, da die Bewerbungsunterlagen zum Vorstellungsgespräch ohnehin wieder vollständig einsehbar sein müssen. Ständig wird der deutschen Wirtschaft weniger Bürokratie versprochen - auch von dieser Bundesregierung. Mit dem Vorhaben wird das Gegenteil erreicht. Die Unternehmenskultur ist in Deutschland viel weiter, als uns der Ruf nach anonymen Bewerbungen weismachen will. Die Unternehmen fördern seit Jahren gemischte Teams. Wer Vielfalt in den Betrieben will, muss die Mitarbeiter schon im ersten Schritt eines Bewerbungsverfahrens gezielt aussuchen können. Bei zunehmendem Fachkräftemangel sind wir auf alle Talente angewiesen. Niemand kann es sich leisten, geeignete Bewerber auszusortieren. Jedes Unternehmen muss die Personalrekrutierung eigenverantwortlich gestalten können. Es schadet der Unternehmenskultur, wenn politischer Druck zur Diskriminierung von Unternehmen führt, die sich für das klassische Bewerbungsverfahren entscheiden.