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Besondere Anforderungen an die Hygiene Betriebsschließungen: Unsicherheit bei Gesundheitshandwerken

Angesichts der Corona-Krise hat die Bundesregierung zu harten Maßnahmen gegriffen, um soziale Kontakte zu reduzieren. Nur die wichtigsten Einrichtungen zur täglichen Versorgung dürfen geöffnet bleiben, alle anderen müssen schließen. Viele Gesundheitshandwerker sind verunsichert, weil Bundes- und Länderregelungen sich zu widersprechen scheinen. Was für sie gilt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel zählte am 16. März zunächst auf, wer seinen Betrieb nicht schließen musste: Aus dem Handwerk ausdrücklich erwähnt waren dabei nur Friseure und Reinigungen. Orthopädietechniker sind in der Aufzählung der Kanzlerin allerdings durch den Begriff "Sanitätshäuser“ abgedeckt. Auch Dienstleister und Handwerker könnten ihrer Tätigkeit weiterhin nachgehen.

Trotz dieser Zusage reagierten viele Handwerker verunsichert, wie und für wen sie in den kommenden Tagen ihre Betriebe öffnen dürfen. In Baden-Württemberg schlossen erste Augenoptiker, weil die Landesregierung Maßnahmen verkündet hatte, in denen dieses Gewerk bei den Ausnahmen nicht mit aufgezählt war. Auf Nachfrage der Deutschen Handwerks Zeitung gibt das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau in Baden-Württemberg allerdings Entwarnung: Optiker und Optometristen dürften weiterhin geöffnet haben, da sie eine wichtige Funktion in der Versorgung der Bevölkerung mit medizinischen Hilfsmitteln einnehmen, so eine Sprecherin des Ministeriums (Stand: 19.März 2020).

Der Baden-Württembergische Handwerkstag (BWHT) bittet die Landesregierung nun dringend um Konkretisierungen. Die Landesregierung habe etwa bei der Umsetzung der zwischen Bundesregierung und Bundesländer vereinbarten Leitlinien folgenden wichtigen Satz weggelassen: "Dienstleister und Handwerker können ihrer Tätigkeit weiterhin nachgehen". "Wenn dieser Satz nicht ergänzt wird, müssen viele Betriebe schließen“, warnt Landeshandwerkspräsident Rainer Reichhold. Auch herrsche weiterhin Verwirrung, was die sogenannten Mischbetriebe angeht - beispielsweise eine Autowerkstatt oder ein Elektrobetrieb mit angeschlossenem Handel. Reichhold: "Müssen diese Betriebe schließen? Nur den Handelsteil? Hier brauchen wir rasch Klarheit."

In Bayern teilte das Staatsministerium für Gesundheit und Pflege mit, dass Handwerksbetriebe ausdrücklich nicht von den Schließungen betroffen seien. Das Ministerium veröffentlichte eine Positivliste der Berufsgruppen, die ihre Betriebe weiterhin öffnen dürfen. Die Liste folge den Empfehlungen des Kabinettsauschusses der Bundesregierung zur Corona-Epidemie an die Bundesländer, dass insbesondere "Dienstleister und Handwerker" generell weiter ihrer Tätigkeit nachgehen können sollen. Betriebsuntersagungen gelten grundsätzlich nicht für das Handwerk, also nicht für all jene Betriebe, die in die Handwerksrolle oder in das Verzeichnis der zulassungsfreien Handwerke und handwerksähnlichen Betriebe bei einer Handwerkskammer eingetragen sind, teilte das Ministerium mit. Konkret heißt dies: Jeder Handwerker kann weiter seinen Betrieb fortführen und Aufträge annehmen und abarbeiten. Online-Handel und Lieferdienste seien grundsätzlich auch weiter durchführbar (Stand: 18. März 2020).

Augenoptiker sollen direkte Nähe meiden

Thomas Truckenbrod, Präsident des Zentralverbands der Augenoptiker und Optometristenj, empfiehlt allen Betrieben, die nötigen Maßnahmen zum Schutz der Kunden, der Mitarbeiter und der eigenen Person zu ergreifen und im betrieblichen Alltag gewissenhaft zu beherzigen.

Zu diesen Schutzmaßnahmen gehöre es, den Kontakt zu Kunden auf ein Mindestmaß zu reduzieren. "Verzichten Sie, wenn möglich, auf alle Dienstleistungen, die eine direkte Nähe zum Kunden erfordern, sofern diese warten können. Verschieben Sie beispielsweise Neuanpassungen von Kontaktlinsen oder vergrößernden Sehhilfen und Brillenverkäufe und führen in Ihrem Betrieb vorrangig nur solche Tätigkeiten durch, die die visuell uneingeschränkte Teilhabe des Kunden am Leben sicherstellen. Hierunter fallen Reparaturen und "Notversorgungen“ mit Kontaktlinsen oder Pflegemitteln“, empfiehlt Tuckenbrod. Außerdem hat der Zentralverband detaillierte Hygieneregeln im Augenoptikhandwerk zusammengestellt.

Friseure befürchten Umsatzeinbußen

Obwohl Friseure für den Moment ausdrücklich öffnen dürfen, befürchten zwei von drei Betriebsinhabern Umsatzeinbußen von über 60 Prozent. Das ergab eine Blitzumfrage des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks (ZV) unter 4.000 Unternehmen.

Auch hier müssen die Betriebe jetzt besonders stark auf Hygiene achten. Hier geht es zu den Hygieneregeln im Friseurhandwerk.

Für die Friseure und Kosmetiker in Bayern teilte das bayerische Staatsministerium mit, dass sie zwar nicht in der Liste explizit erwähnt seien, aber – da dem Handwerk zugehörig – nicht von den Betriebsuntersagungen betroffen. Allerdings müsse in Dienstleistungsbetrieben ein Mindestabstand von 1,5 Metern zwischen den Kunden (heißt Abstand Kunde-Kunde, nicht Friseur-Kunde) eingehalten werden. Auch bei Einhaltung dieses Abstands dürften sich nicht mehr als 10 Personen im Wartebereich aufhalten.

Hörakustiker setzen auf Online

Die Bundesinnung der Hörakustiker informierte ihre Betriebe ebenfalls darüber, dass eine Schließung der Betriebe nach aktuellem Stand nicht geplant ist. "Ob im Falle der Verhängung von Ausgangssperren oder vergleichbaren Maßnahmen Betriebe des Hörakustiker-Handwerks als systemrelevante Teile des Gesundheitssystems geöffnet bleiben können, steht noch nicht fest“, so die Bundesinnung. Es verbleibe die unternehmerische Entscheidung jedes Betriebsinhabers, ob er auch jetzt schon zum Schutz der Kunden, Mitarbeiter und seiner selbst eine zeitweise Schließung des Betriebs vornehmen wolle.

In einzelnen Bundesländern wie zum Beispiel in Bayern sei das Hörakustikerhandwerk explizit bei den Ausnahmen von Schließungen erwähnt worden. In Baden-Württemberg ist ebenfalls geplant, Hörakustiker auf einer Positivliste mit aufzunehmen, so das Ministerium. Diese Liste liegt allerdings noch nicht vor (Stand 20.3.2020).

Der Campus für Hörakustik in Lübeck, auf dem nahezu alle Auszubildenden des Gewerks zur Schule gehen, ist mittlerweile geräumt. Trotzdem halte das Bildungszentrum der Hörakustik seinen Betrieb so weit möglich aufrecht, informiert die Bundesinnung der Hörakustiker. "Zum einen laufen die Vorbereitungen, ab einer möglichen Wiedereröffnung zum 20. April die ausgefallenen Prüfungen und Kurse nachzuholen, um termingerecht im Sommer die neuen Gesellen- und Meisterbriefe verleihen zu können." Aber auch für die Teilnehmer der Meistervorbereitung gehe es weiter. "Sowohl im Vollzeit-Meisterkurs als auch in den Intensivkursen werden die Theorie-Unterrichte in den virtuellen Klassenraum verlegt. Die erprobte Infrastruktur und die jahrelange Erfahrung mit Onlineangeboten haben den Umstieg auf Onlinelehre für die Dozenten vom einen Tag zum nächsten möglich gemacht."

Orthoädietechniker bekommen schwer Zugang zu Patienten

Die Orthopädietechniker sind über die Sanitätshäuser ausdrücklich von der Betriebsschließung ausgenommen. Trotzdem reagieren die Betriebe laut Bundesinnungsverband Orthopädietechnik verunsichert. Neben einem Rückgang der Besucherzahlen in den Geschäften beklagen die Betriebe vor allem Probleme, Zugang zu Krankenhäusern und Altenheimen zu bekommen, in denen sie Patienten versorgen müssen.

Zahntechniker mit besonderen Hygieneanforderungen

Auch Zahntechniker können ihre Betriebe weiter öffnen. Vielen Unternehmern ist aber unklar, ob aufgrund von Corona weitergehende Schutzmaßnahmen in ihren Laboratorien notwendig sind. Der Verband deutscher Zahntechnikerinnungen hat deswegen eine Anfrage bei der Berufsgenossenschaft gestellt und die ausführliche Antwort der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM) auf seiner Website veröffentlicht. Demnach gelten grundsätzlich weiterhin die Standards der DGUV Information 203-021 Zahntechnische Laboratorien –Schutz vor Infektionsgefahren.  

Wer mit zahntechnischen Werkstücken aus China arbeite und sich präventiv schützen wolle, solle zudem FFP2-Masken als Atemschutz verwenden und vor allem die Regeln der Handhygiene einhalten. Beim Entpacken von Lieferungen aus Risikogebieten empfiehlt die BG, Schutzhandschuhe und Atemschutzmasken zu tragen und sowohl die Verpackungen als auch die zahntechnischen Werkstücke zu desinfizieren. Hier geht es zu den ausführlichen Hygieneinformation der BG ETEM für Zahntechniker während der Coronakrise.

Positivliste für Bayern (Stand: 18. März 2020)

Bei der folgenden Positivliste des Bayrischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege ist berücksichtigt, dass gemäß den Empfehlungen des Kabinettsausschusses der Bundesregierung zur Corona-Epidemie an die Bundesländer insbesondere "Dienstleister und Handwerker" generell weiter ihrer Tätigkeit nachgehen können sollen.

Hier wird nur auf spezielle Gewerke aus dem Handwerk eingegangen (Quelle: Handwerkskammer für Oberfranken).

  Branche / Betriebsart Bewertung / Vom Verbot auszunehmen
Mischbetriebe des Handwerks (Betriebe des Handwerks, die daneben auch verkaufen) Ja. Handwerk. Der Nebenbeiverkauf von Waren ist unabdingbarer Teil des Betriebs.
Bäckereien in den 3 h Stunden, die sie nach dem Ladenschlussgesetz an Sonntagen öffnen dürfen Die 3-stündige nach dem LaSchlG vorgesehene Öffnung ist durch die Allgemeinverfügung nicht aufgehoben, sondern nur erweitert worden.
Landmaschinenreparatur, Ja. Im Prinzip vergleichbar mit Autowerkstätte.
Landmaschinenersatzteile Notwendig für Aufrechterhaltung der langfristigen Lebensmittelversorgung.
Kfz-Werkstätten, Ersatzteilhandel Ja. Handwerk. Systemrelevant.
Geschäfte mit spezialisierten Baumarktsortimenten wie Farben- oder Bodenfachgeschäfte Ja. Sie sind als Unterform von Bau- und Gartenmärkten anzusehen.
Baustoffhandel Ja. Notwendig zur Belieferung von Baustellen.
Baustellen, Baugewerbe Ja, weil nicht in AV erwähnt.
Kaminkehrer Ja. Handwerk.
Denkmal-, Fassaden- und Gebäudereiniger Ja. Notwendig.
Stördienste aller Art, z.B. Schlüsseldienst Ja. Notwendig.
Fahrradreparatur, Fahrradersatzteilhandel Ja. Im Prinzip vergleichbar mit Autowerkstätte. Notwendig für Aufrechterhaltung der Mobilität.
Bestatter Lieferung und Montage von Waren, z.B. Küchen. Ja. Handwerk. Notwendig. Ja. Es handelt sich um den Abschluss von bereits getätigten Geschäften. Vergleichbar Handwerksleistungen.
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