„Betriebe müssen Perspektiven aufzeigen“

DHZ-Gespräch mit Professor Reinhold Weiß über die Möglichkeiten, Jugendliche in eine Ausbildung zu bringen

Interview: Karin Birk

Reinhold Weiß ist stellvertretender Präsident und Forschungsdirektor des Bundesinstituts für Berufsbildung in Bonn.Foto: BIBB

„Betriebe müssen Perspektiven aufzeigen“

DHZ: Herr Prof. Weiß, ist es nicht absurd, dass viele Unternehmen Lehrlinge suchen und gleichzeitig etliche Jugendliche ohne Ausbildungsplatz dastehen?

Weiß: Ganz so ungewöhnlich ist das nicht. Die Betriebe haben eben ein Anforderungsprofil und die Jugendlichen Wünsche und Kompetenzen, und das passt nicht immer zueinander - schon gar nicht regional. Allerdings gab es so ein Auseinanderklaffen von Angebot und Nachfrage auch in früheren Jahren.

DHZ: Wie sehen die Ausbildungszahlen konkret aus?

Weiß: Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt hat sich im letzten Jahr im Osten verbessert und im Westen leicht verschlechtert. Bundesweit waren 16.400 Jugendliche unversorgt. Hinzu kommen knapp 77.000 Jugendliche, die eine Alternative zur Ausbildung begonnen hatten, aber nach wie vor eine Lehrstelle suchten. Daneben gab es über 100.000 Jugendliche, über deren Verbleib nichts bekannt ist. Besondere Sorgen machen mir die 140.000 Altbewerber aus den Vorjahren, die 2009 offenbar wieder nichts gefunden haben.

DHZ: Viele dieser Jugendlichen landen in diversen Schulen und Maßnahmen. Wird in diesen Warteschleifen nicht viel Zeit und Geld verschwendet?

Weiß: Nicht unbedingt. Die Übergänge in eine duale Ausbildung steigen mit dem Lebensalter. Viele Jugendliche können vor allem dann ihre Chancen verbessern, wenn sie einen weiterführenden Abschluss machen. Richtig ist, dass diese Übergangsphasen viel kürzer sein müssten. Das Problem sind Jugendliche, die von einer Maßnahme zur nächsten wandern.

DHZ: Können durch bessere Berufsorientierung in der Schule mehr Migrantenkinder angesprochen werden?

Weiß: Ich hoffe es. Wir werden den Fachkräftebedarf nur decken können, wenn wir mehr Jugendliche gewinnen, die bisher keine duale Ausbildung gemacht haben. Bisher haben 15 Prozent der jungen Erwachsenen keinen Berufsabschluss. Viele von ihnen stammen aus Migrantenfamilien.

DHZ: Wie können auch sehr leistungsstarke Schulabgänger für eine duale Ausbildung gewonnen werden?

Weiß: Für das Handwerk ist das eine lebenswichtige Frage. Wichtig ist eine frühe und praxisnahe Information über die Möglichkeiten von Aus- und Fortbildung durch gute Kontakte zu den Schulen, auch zu Gymnasien. Außerdem muss man den Bewerbern interessante Perspektiven aufzeigen. Das fängt bei Zusatzqualifikationen an und reicht bis zu integrierten Fortbildungs- und Studiengängen, in denen junge Menschen in vier bis fünf Jahren einen Lehr-, Meister- und Bachelorabschluss erwerben können. Es muss klar sein, dass der Einstieg in die duale Ausbildung keine Sackgasse ist.

DHZ: Worauf sollten Handwerksbetriebe bei der Ausbildung noch achten?

Weiß: Sie müssen sich auf einen härteren Wettbewerb mit anderen Betrieben, Branchen und Bildungsgängen einstellen. Junge Menschen werden sich unter verschiedenen Angeboten das für sie vorteilhafteste auswählen. Es wird aber nach wie vor Schulabgänger geben, die ohne zusätzliche Förderung kaum Chancen haben. Betriebe sollten sich nicht scheuen, auf diese Jugendlichen zuzugehen. Sie müssen bereit sein, Jugendliche zu akzeptieren, von denen sie anfangs nicht vollständig überzeugt sind. Die Erfahrung lehrt, dass viele Jugendliche mit anfänglichen Schwächen während der Ausbildung so weit gefördert werden können, dass sie die Gesellenprüfung bestehen.