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TV-Kritik: RBB über den Mittelstand im Überlebenskampf Betriebe berichten: Wie die Krise den Mittelstand trifft und verändert

Die Corona-Krise hat im deutschen Mittelstand ganz unterschiedliche Auswirkungen. Journalisten des Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) haben sich unter anderem bei einem Messebauer und bei einer Druckerei umgesehen, wie es den Unternehmen nach einem Dreivierteljahr Krise geht - und dabei einen besonderen Blick darauf geworfen, welche Veränderungsprozesse bei der Krisenbewältigung in Gang kommen.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Coronavirus

Hinter jedem in der Corona-Krise gebeutelten Unternehmen stehen menschliche Schicksale. Da ist die Gastronomin, die eigentlich wenig von Wachstum auf Biegen und Brechen hält und ihr Unternehmen auch stark auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter ausrichtet. Da ist die Druckerei, die eigentlich in nachhaltiges Drucken investieren möchte angesichts der ohnehin schwierigen Ausgangslage der Branche, und nun in der Krise jeden Euro zwei Mal umdrehen muss. Da ist der Messebauer, der seit März praktisch keine Aufträge mehr hat, dennoch auf digitale Messekonzepte setzt und eine halbe Ewigkeit auf die vom Staat versprochene Überbrückungshilfe warten muss.

Und da sind eben die Unternehmer und Mitarbeiter und ihre Schicksale, die direkt an den Entwicklungen in der Krise hängen. Deren ganz menschliche Schicksale, verbunden mit der übergeordneten Frage, welche Veränderungsprozesse in der Krise angestoßen werden und auch sinnvoll sind, zeigte die Reportage "Mittelstand im Überlebenskampf" des RBB. Sie wurde im Rahmen der ARD-Themenwoche "#wieleben - Bleibt alles anders" ausgestrahlt, die sich mit Wandel und Veränderung durch Corona beschäftigt - und bot überraschend direkte sowie aktuelle Einblicke in die Gefühlswelt deutscher Mittelständler inmitten der Krise.

Messebauer: Hilfen kamen erst spät, zweiter Lockdown wirft erneut zurück

Das Warten auf Sofort- und Überbrückungshilfen ist wohl mit das Schlimmste in der Corona-Krise. Der Staat, der in teils großspurigen Worten den von den Lockdowns betroffenen Unternehmen Unterstützung zugesagt hatte, kommt in manchen Bereichen einfach nicht auf Touren. Zuletzt waren die Messebauer von mkpi aus Berlin im Februar auf einer echten, analogen Messe aktiv. Die Umsätze sind auf praktisch Null zurückgegangen, die Inhaber mussten nicht nur Kurzarbeit für ihre Mitarbeiter anmelden, sondern sich auch von Menschen trennen. Und auch die Überbrückungshilfe kam während des Frühjahrs und Sommers nicht schnell an. "Wenn wir das Ende dieses Jahres noch erleben wollen, dann wird das nur gehen, wenn wir diese Hilfe bekommen", sagt Jürgen Michalk, Chef des Unternehmens.

Andere staatliche Hilfen hätte sein Betrieb nicht in Anspruch nehmen können, etwa die Soforthilfe. So warten sie in Berlin auf den erlösenden Geldsegen der Regierung, würden aber natürlich am allerliebsten wieder selbst Geld verdienen. Am Ende der Reportage zeigt sich, dass die Gelder im Laufe des Jahres irgendwann tatsächlich flossen - aber der zweite, derzeit noch aktuelle Lockdown reißt schon wieder neue Lücken, wo zuvor noch die Hoffnung auf Besserung im Raume stand. Die Zukunft: ungewiss.

Druckerei: Plötzlich steht der bereits ausgehandelte Kredit auf der Kippe

Das ist sie auch bei der Druckerei Arnold. Umsatzeinbruch im Frühjahr: 40 Prozent. Der Staat zahlte Soforthilfe, niemand musste entlassen werden, die Auftragslage stabilisierte sich über den Sommer ein wenig. "Was ist morgen?", fragt Geschäftsführer und Juniorchef Max Arnold. Diese Frage bereite ihnen schlaflose Nächte. Der bereits ausgehandelte Kredit für eine neue, umweltfreundlichere Druckmaschine sei ihnen von der Bank plötzlich in der Krise nicht mehr vergeben worden. Seniorchef Andreas Arnold berichtet, was die neue Bank alles wissen wollte. "Herr Arnold, wie kommen Sie durch die Corona-Krise? Wie sehen Sie sich nächstes Jahr?", solche Fragen seien plötzlich gestellt worden, und er habe geantwortet: "Wir haben ja alle keine Glaskugel."

So wie den Arnolds dürfte es vielen Mittelständlern gehen. Zerrieben zwischen staatlichen Verboten und der allgemein grassierenden Zurückhaltung etwa bei Krediten, fürchten sie um ihre Existenz. Die Bank finanzierte zwar letztlich die Anschaffung der neuen Maschine, und sie wurde auch bereits geliefert, aber die Unsicherheit bleibt. Ein Unternehmen, das direkt an Druckereien hängt, sind Papierhändler. Die Berliner IGEPA-Gruppe hat deshalb auch gewaltige Einbußen erlebt, mit Kurzarbeit gegengesteuert. Investitionen abzuzahlen, ist auch hier eine Herkulesaufgabe - und die Mitarbeiter merken die Kurzarbeit zunehmend im Geldbeutel, darüber kann auch die Tatsache, dass sie weniger arbeiten müssen, nicht hinweghelfen.

Gastronomie: Solidarität der Kunden und Kurzarbeit haben geholfen

Nach der Decke muss sich auch Gastronomin Lena Mauer aus Potsdam strecken. Eine langfristige Perspektive kann auch sie ihren Mitarbeitern nicht bieten. Die Zuwendung durch die Menschen, die Solidarität der Gäste, die To-Go-Bestellungen aufgeben, habe ihr geholfen, heißt es in dem Beitrag, und die Mitarbeiter seien aufgrund guter Grundgehälter auch in Kurzarbeit ganz gut über die Runden gekommen. Aber die Einschränkungen sind auch hier groß - bei der Unternehmerin und ihren Angestellten. Sie waren es schon während des ersten Lockdowns, und sie sind es im aktuellen, zweiten Lockdown umso mehr. Mauer hat noch einmal Überbrückungshilfe bekommen, konnte alle Angestellten halten. "Ich bin die letzte, die dieses Schiff verlässt", sagt Chefin Mauer in emotionalem Ton. Wirtschaft müsse dem Menschen dienen, Wachstum um jeden Preis sei nicht alles.

Welche Veränderungen könnten sich aus der Krise ergeben?

Die Aktualität der bereits im Frühjahr begonnen Reportage war bemerkenswert, auch Anfang November besuchten die Redakteure die Betriebe noch einmal. So wurde deren Entwicklung über einen längeren Zeitraum deutlich, aber auch, dass sich nicht wirklich eine gute Perspektive über diese lange Zeit ergab. Die Frage, welche Veränderungen sich aus der Krise ergeben könnten, wurde denn leider auch zu stark auf die Frage "Wachstum oder nicht?" kapriziert.

Dafür fungierte die Politökonomin und Forscherin im Bereich der Transformation, Maja Göpel, sozusagen als Kronzeugin. Sie erzählte viel über den Wandel, den die Corona-Krise angestoßen habe, gerade hin zu ökologischerem Wirtschaften. Digitalisierung wie beim Messebauer, der auf digitale Events statt auf analoge Messen setzt, sei etwa der richtige Weg, weil Messebau "wahnsinnig müllintensiv" sei. Entsprechend kritisierte sie, dass die Unterstützung in der Corona-Krise nicht auch nach ökologischen Kriterien vergeben werde. Wachstum solle nicht mehr Wachstum genannt werden, weil dieser Begriff positiv besetzt, aber eigentlich negativ aufgrund seiner ökologischen Auswirkungen sei.

Die Unternehmen haben andere Sorgen als die ökologische Transformation

Die Aussagen Göpels wirkten allerdings aufgrund der ganz konkreten Sorgen der gezeigten Unternehmen - die sich größtenteils um Nachhaltigkeit bemühen, und dennoch auf zumindest moderates Wachstum angewiesen sind - sehr universitär und wenig praktisch fundiert. Die Sorgen der meisten mittelständischen Unternehmen dürften derzeit nicht um eine mögliche ökologische Transformation kreisen, auch wenn dies in weiten Teilen mit öffentlichen Geldern bedachte Mitglieder von Denkfabriken oder Universitäten lieber anders hätten. Eines nämlich kam bei der Reportage ganz klar heraus: Nachhaltigkeit und Ökologie brauchen ein gewisses ökonomisches Wachstum, um überhaupt erst wirtschaftlich möglich zu sein - denn Wandel kostet schlicht Geld, und wenn Unternehmen ständig um ihre Existenz bangen, ist nicht die Zeit für derartige Vorhaben.

Wie geht es weiter? In der letzten Einstellung der Reportage fährt das Rolltor des Messebauers herunter. Ob die RBB-Redakteure damit ihrem Pessimismus Ausdruck verleihen wollten, ist nicht bekannt. Zweifel am Überleben so manches Mittelständlers bestehen nach der gelungenen Reportage indes leider noch immer.

>>> Link zur Sendung: Mittelstand im Überlebenskampf - Corona zwingt zum Wandel

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